ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2009Vorsorgemuffel oder Screeningversager? Vorsorgeverhalten von Patienten mit kolorektalem Karzinom in der Region Leipzig
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Hintergrund: Das kolorektale Karzinom (KRK) ist die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache in Deutschland. Vorsorgemaßnahmen stehen zur Verfügung und werden von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.
Methoden: Diese Untersuchung widmete sich den Vorsorgemaßnahmen bei Patienten im Raum Leipzig, bei denen ein KRK diagnostiziert worden war. Anhand eines standardisierten Fragebogens für Patienten sowie einer Kontaktierung der Hausärzte wurden die Daten durchgeführter Vorsorgeuntersuchungen erfasst sowie Gründe für unterbliebene Vorsorgeuntersuchungen eruiert.
Ergebnisse: 212 Patienten mit KRK wurden in die Untersuchung eingeschlossen. Bei 175 Patienten (83 %) wurde das Karzinom nach Auftreten von Symptomen entdeckt („Symptomgruppe“), bei 37 Patienten (17 %) im Rahmen der Vorsorge („Vorsorgegruppe“). In den der Diagnose vorausgegangenen 10 Jahren beteiligten sich insgesamt 51 % der Patienten an Vorsorgemaßnahmen. Am häufigsten wurde der Test auf okkultes Blut im Stuhl eingesetzt, allerdings meistens nicht leitliniengerecht. 25 Patienten (12 %) erhielten Vorsorgekoloskopien, davon 20 innerhalb von 5 Jahren vor Diagnose des Karzinoms. Als Grund für die unterbliebene Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen wurde vorwiegend Unkenntnis des Angebots angegeben.
Schlussfolgerung: In dieser retrospektiven Erhebung an Patienten mit KRK zeigt sich, dass die meisten Patienten an keiner leitliniengerechten Vorsorgemaßnahme teilnahmen. Die intensivierte Beratung vonseiten der Ärzte ist
damit ein wesentlicher Verbesserungsansatz. Bei der Durchführung der Vorsorge sollten bei Stuhltest und Vorsorgekoloskopien auf leitliniengerechte Verfahrensweisen geachtet werden.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(12): 195–201
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0195
Schlüsselwörter: Kolorektalkarzinom, Vorsorgeuntersuchung, Versorgungsforschung, Koloskopie, Stuhltest
LNSLNS Mit einer geschätzten Inzidenz von 73 000 Neuerkrankungen im Jahr 2007 ist das kolorektale Karzinom (KRK) die zweithäufigste Krebserkrankung in Deutschland (1) (Grafik 1 gif ppt). Die Letalität dieser Krankheit korreliert mit dem Erkrankungsstadium bei Diagnosestellung (2). Patienten, bei denen das KRK in einem kurativ operablen Stadium erkannt wird, haben eine 5-Jahres-Überlebensrate von 65 bis 95 %. Demgegenüber sind im metastasierten Stadium IV trotz der Fortschritte in der medikamentösen zytostatischen und der interdisziplinären Therapie (2) selten Heilungen zu erzielen.

Vorsorgeuntersuchungen ermöglichen es, das KRK im Früh- oder Vorstadium als adenomatöse Polypen zu entdecken. Die älteste Methode zur Vorsorgeleistung ist die digitale Untersuchung des Rektums. Sie ist für Männer und Frauen ab dem 45. Lebensjahr Bestandteil des 1971 eingeführten Krebsfrüherkennungs- beziehungsweise Vorsorgeprogramms der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen. 1982 kam der Test auf fäkales okkultes Blut (FOBT) als Vorsorgeuntersuchung für KRK hinzu. Seit 2002 zählt die Koloskopie ab dem 56. Lebensjahr zum Früherkennungsprogramm.

Die Effizienz der Früherkennungsmaßnahmen kann an verschiedenen Parametern gemessen werden; der am stärksten überzeugende ist sicherlich die Senkung der Mortalität an KRK. Die Effizienz des FOBT in der Vorsorge des KRK ist gut belegt. Die jährliche Anwendung senkt die Mortalität durch KRK um 25 % (3). Ein einmaliger FOBT nach rektal-digitaler Untersuchung ist untauglich (4).

Die höchste Spezifität und Sensitivität, ein KRK oder dessen Vorstufen zu entdecken, besitzt die Endoskopie. Daneben hat sie den großen Vorteil, dass ein therapeutischer Eingriff in gleicher Sitzung erfolgen kann. Durch die endoskopische Abtragung von Adenomen (Polypektomie) kann die Entstehung eines Karzinoms noch im benignen Stadium der Adenom-Karzinom-Sequenz verhindert werden. Gleichzeitig ist die Komplikationsrate bei Endoskopien gering (5, 6).

Für die Sigmoidoskopie ist durch Fall-Kontroll-Studien eine Senkung der Inzidenz und Mortalität an KRK im rektosigmoidalen Bereich belegt (7, 8). Durch dieses Verfahren werden mehr Neoplasien im distalen Kolon entdeckt als mit dem FOBT allein (9). Der protektive Effekt der Sigmoidoskopie hält für 6 bis 10 Jahre an.

Nur die komplette Koloskopie ermöglicht es, auch im rechtsseitigen Kolon gelegene Neoplasien zu entdecken; sie hat für Karzinome und Adenome des gesamten Kolons eine hohe Sensitivität und Spezifität. Die Inzidenz des KRK sinkt nach koloskopischer Polypektomie um 66 bis 90 % (10, 11). Bei kompletter Koloskopie wurden unter kontrollierten (Studien-)Bedingungen selten Neoplasien übersehen (12). Nach einer Vorsorgekoloskopie ohne Polypektomie hält der protektive Effekt für mindestens 10 Jahre an (13).

Auf der Grundlage vorliegender Daten wurde im Jahr 2004 die S3-Leitlinie zum KRK publiziert (2). Gemäß dieser Leitlinie wird eine Koloskopie als Früherkennungsmaßnahme für Personen mit durchschnittlichem Risiko für ein KRK – das heißt, keine erstgradigen Verwandten mit KRK, Polypen und Adenomen – ab dem 50. Lebensjahr empfohlen. Die Untersuchung sollte nach 10 Jahren wiederholt werden. Bei Personen, die eine Koloskopie ablehnen, sollte eine Sigmoidoskopie alle 5 Jahre in Kombination mit jährlichem FOBT durchgeführt werden. Falls jegliche Endoskopie zur Früherkennung abgelehnt wird, sollte der jährliche FOBT allein erfolgen. Ein positiver FOBT sollte nicht wiederholt werden, sondern erfordert in jedem Fall eine Koloskopie.

Um die Vorsorge beim KRK weiter zu verbessern, ist zunächst wichtig, den gegenwärtigen Versorgungsstand zu analysieren. Das Ziel dieser Untersuchung war es daher, bei am KRK erkrankten Patienten in der Region Leipzig zu prüfen, an welchen Stellen Versorgungsprobleme bestehen. Hierzu sollten folgende Fragen beantwortet werden:
- Wurde das Angebot zur Vorsorge wahrgenommen?
- Entsprach die durchgeführte Vorsorgemaßnahme den Leitlinien?
- Welche Gründe lagen gegebenenfalls für eine nicht durchgeführte, abgelehnte oder unzureichende Vorsorge vor?

Methoden
Im Zeitraum zwischen November 2004 und Dezember 2005 wurden in vier akademischen Lehrkrankenhäusern und einer Universitätsklinik der Region Leipzig alle Patienten rekrutiert, die dort wegen eines histologisch nachgewiesenen kolorektalen Karzinoms zur Operation stationär aufgenommen worden waren. Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Untersuchung war ein Tumorrezidiv. Vor Studienteilnahme war ein schriftlich erteiltes Einverständnis erforderlich. Ein zustimmendes Votum der Ethikkommission wurde eingeholt.

Demografische Daten, Familienanamnese bezüglich KRK sowie die Daten zum neu diagnostizierten KRK (Detektionsmethode, Histologie, Lokalisation) wurden mithilfe der Patientenakten erfasst. Die Patienten wurden retrospektiv anhand eines standardisierten Fragebogens bezüglich ihrer Anamnese und der von ihnen wahrgenommenen Vorsorge befragt. Der Fragebogen umfasste die folgenden Themenkomplexe:
- Patientendaten
- Name der Klinik
- Anlass, der zur Entdeckung des KRK geführt hat (Abklärung einer Symptomatik oder durch Vorsorge)
- Art der Beschwerden
- Vorsorgeuntersuchungen innerhalb der vorangegangenen 10 Jahre (wobei die Vorsorgekoloskopie erst seit 2002 als GKV-Leistung zur Verfügung stand)
- begleitende Darm­er­krank­ungen, insbesondere chronisch entzündliche Darm­er­krank­ungen
- Familienanamnese
- Bekanntheit des Präventionsprogramms für KRK.

Die Patienten wurden abschließend gebeten, in einem offenen Interview die Gründe für unterbliebene Vorsorgemaßnahmen zu benennen.

Die Hausärzte der Patienten wurden mittels standardisierten Interviews und gegebenenfalls Besuchen kontaktiert, um die vorgenommenen Vorsorgeuntersuchungen und die Chronologie der Vorsorgemaßnahmen zu evaluieren und zu validieren sowie offene Fragen zu klären.

Die statistische Auswertung der Daten und grafische Darstellung von Maßzahlen und Häufigkeiten erfolgte computergestützt. Die offenen Patienteninterviews wurden mit Unterstützung der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Leipzig analysiert.

Ergebnisse
Patienten
In dem 14-monatigen Untersuchungszeitraum wurden 212 Patienten mit KRK in die Untersuchung eingeschlossen. Die diagnostizierten Karzinome waren bei 138 Patienten im rektosigmoidalen Bereich lokalisiert (65 %), bei den übrigen 74 Patienten (35 %) im proximalen Teil des Kolons (Tabelle 1 gif ppt). Bei 19 Patienten (9 %) waren bei erstgradigen Verwandten kolorektale Karzinome bekannt. Bei keinem Patienten war in der Vorgeschichte die Diagnose eines KRK oder einer chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ung gestellt worden. Ebenfalls wurden genetisch bedingte Erkrankungen bei keinem der Patienten festgestellt.

Vorsorgeverhalten
Das KRK wurde bei 37 Patienten (17 %) im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung diagnostiziert (Vorsorgegruppe), davon erfolgte bei 10 Patienten primär eine Vorsorgekoloskopie, bei 27 Patienten wurde eine Koloskopie nach vorausgegangenem positivem FOBT durchgeführt.

Bei den übrigen 175 Patienten (83 %) wurde eine entsprechende Untersuchung vorgenommen, weil Beschwerden vorlagen (Symptomgruppe). Hierzu zählten:
- Blut im Stuhl (41 %)
- Änderung der Stuhlgewohnheiten (42 %)
- Gewichtsverlust (17 %)
- Leistungsschwäche (16 %)
- Anämie (9 %)
- Schmerzen (19 %) (Tabelle 2 gif ppt).

Unter den 175 Patienten der Symptomgruppe waren 8 Patienten jünger als 50 Jahre und fielen somit noch nicht unter das Angebot des Vorsorgeprogramms. Sie wurden bei der weiteren Analyse der Vorsorgeleistungen nicht berücksichtigt.

Das Vorsorgeverhalten war bei den Patienten der Vorsorgegruppe auch in der Vergangenheit intensiver als in der Symptomgruppe. In den vorausgegangenen 10 Jahren beteiligten sich 33 der 37 Patienten (89 %) an Vorsorgeuntersuchungen zum kolorektalen Karzinom. Im Gegensatz dazu hatten nur 74 der 167 aufgrund von Symptomen entdeckten KRK-Patienten (44 %) in der Vergangenheit an Vorsorgemaßnahmen teilgenommen. Der Anteil aller Patienten, die in dem 10-jährigen Zeitraum vor Diagnosestellung Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen hatten, betrug 53 %. Der FOBT als alleinige Vorsorgemaßnahme wurde von 40 % aller Patienten und damit am häufigsten genutzt (Grafik 2 gif ppt).

Test auf okkultes Blut im Stuhl
100 Patienten hatten in den 10 Jahren vor Diagnosestellung einen oder mehrere FOBT erhalten. Bei 51 Patienten war der FOBT jährlich durchgeführt worden, bei 17 Patienten alle 2 Jahre und bei den übrigen nur sporadisch (Grafik 3 gif ppt). Bei 93 Patienten blieben alle Tests negativ, in sieben Fällen fiel ein positiver Test auf. Bei diesen sieben Patienten folgte in vier Fällen auf den positiven Test eine Koloskopie, die bei zwei Patienten zu einer Polypektomie führte. Bei den anderen beiden Patienten konnte keine Neoplasie nachgewiesen werden. Drei Patienten mit positivem FOBT erhielten einen weiteren FOBT, der negativ ausfiel. Danach folgte keine weitere Abklärung.

Bezieht man die Untersuchungen zur Diagnosestellung mit ein, lag beim letzten FOBT vor der Diagnose eines kolorektalen Karzinoms ein positiver Befund bei 35 von 105 Patienten vor, die einen Stuhltest durchführen ließen. Bei 30 Patienten führte das positive Ergebnis zur Entdeckung des kolorektalen Karzinoms (86 %). Die Diagnosestellung gelang bei positivem FOBT median nach einem Monat. Allerdings vergingen bei 4 Patienten (11 %) vom positiven FOBT bis zur Diagnose mehr als 12 Monate. Umgekehrt war der letzte FOBT vor Diagnose bei 70 von 105 Patienten negativ. Bei 22 Patienten wurde das KRK innerhalb eines Jahres nach negativem FOBT diagnostiziert, bei 41 nach mehr als einem Jahr (Grafik 4a gif ppt). Bei den übrigen sieben Patienten war es nicht möglich, das Datum des letzten FOBT exakt zu bestimmen.

Koloskopie
In den der KRK-Diagnose vorausgegangenen 10 Jahren wurde bei 25 Patienten eine Vorsorgekoloskopie durchgeführt. Diese Koloskopie erfolgte bei 4 Patienten im Anschluss an einen positiven FOBT, bei sieben Patienten ohne vorausgegangenen FOBT und bei 14 Patienten zusätzlich zu einem negativen FOBT. Die Zeitspanne zwischen der letzten Koloskopie und der Diagnose KRK betrug median 2 Jahre und bei 20 von 25 Patienten (80 %) 5 oder weniger Jahre (Grafik 4b gif ppt).

In 4 Fällen wurde das Caecum bei der Koloskopie nicht erreicht. Deshalb erhielten 3 Patienten eine schriftliche Empfehlung zur weiterführenden Diagnostik, die jedoch zweimal nicht erfolgte und in einem Fall keinen pathologischen Befund ergab.

Bei 13 Patienten wurde koloskopisch ein Polyp entfernt. Von diesen Patienten wurde bei 7 innerhalb von 3 Jahren, bei weiteren 4 innerhalb von 5 Jahren nach der letzten Koloskopie die Diagnose kolorektales Karzinom gestellt.

Bei 3 Patienten war nach Polypektomie keine Empfehlung zum Vorgehen im Befund enthalten, bei 5 weiteren Patienten wurde die Empfehlung missachtet.

Nach Vorsorgekoloskopie innerhalb der letzten 10 Jahre war die Lokalisation der Karzinome vergleichbar derjenigen in der Gesamtgruppe: 68 % der 25 Patienten mit Vorsorgekoloskopie hatten ein KRK im rektosigmoidalen Bereich, 32 % im proximalen Kolon.

Gründe für unterbliebene Vorsorgemaßnahmen
105 Patienten nahmen an keiner Vorsorgeuntersuchung in den der Diagnosestellung vorausgegangenen 10 Jahren teil. Zu den Gründen, warum Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen wurden, zählte am häufigsten die Unkenntnis über die Möglichkeit (12 %) oder die Indikation (47 %) zur Vorsorge. Auch ausgebliebene Beratung durch den Arzt (7 %) oder eigene Nachlässigkeit (9 %) wurden angegeben. Weitere 11 % hatten Angst vor einer Vorsorgeuntersuchung. 14 % der Patienten gaben an, zu jung für die Vorsorge gewesen zu sein (Tabelle 3 gif ppt). In der Gesamtgruppe war 43 % der Patienten das Angebot einer GKV-finanzierten Vorsorgekoloskopie ab dem 56. Lebensjahr nicht bekannt. Die Geschlechts- und Altersverteilung in der Gruppe ohne Vorsorgeuntersuchungen unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen in der Gesamtgruppe.

Schlussfolgerung
Der Wert der KRK-Vorsorge ist belegt. Vorsorgeuntersuchungen senken die Mortalität an KRK. Adenome als benigne Vorläufer des KRK werden bei etwa jedem fünften Vorsorgeteilnehmer entdeckt und können während der Vorsorgekoloskopie komplikationsarm entfernt werden. Bei circa 1 % der Teilnehmer werden KRK diagnostiziert, wovon sich 90 % in einem operablen Stadium befinden (6). Wird ein KRK im Frühstadium im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt, sind die Heilungschancen für den Betroffenen weitaus günstiger als bei symptomatisch entdeckten KRK (14). Daher wäre es wünschenswert, wenn möglichst viele Personen der entsprechenden Altersgruppe an Vorsorgemaßnahmen teilnähmen. Bis 2005 hatten 8,8 % der anspruchsberechtigten Männer und 10,2 % der Frauen das Angebot einer Vorsorgekoloskopie genutzt (6).

In der vorliegenden Untersuchung aus der Region Leipzig zeigte sich, dass 83 % der an KRK erkrankten Patienten nicht durch Vorsorgemaßnahmen diagnostiziert wurden. Mehr als die Hälfte der Patienten hatte überhaupt keine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch genommen. In zwei Dritteln der Fälle stellte sich als Grund dafür heraus, dass Vorsorgemöglichkeiten nicht ausreichend bekannt waren. Aufklärung steht demnach weiter an erster Stelle und sollte schon vom Hausarzt eingeleitet werden. Unterstützend in dieser Richtung wirken in Deutschland die Stiftung Lebensblicke (15) und die Felix-Burda-Stiftung (16), die Informationsmaterial kostenlos zur Verfügung stellen.

Das einfachste Verfahren ist der FOBT. Für eine zuverlässige Wirksamkeit muss der Test bei 3 aufeinanderfolgenden Stuhlgängen angewendet und jährlich wiederholt werden. Manche Karzinome und viele Adenome bluten allerdings nicht oder nur intermittierend und können deshalb dem FOBT entgehen. Unbedingt sollte nach dem ersten positiven FOBT eine endoskopische Abklärung erfolgen, um keine kolorektalen Neoplasien zu übersehen.

Die Endoskopie ist letztendlich das entscheidende Verfahren, um Neoplasien zu entdecken und im Falle von Adenomen und Low-risk-Karzinomen gleichzeitig zu behandeln. Bei unauffälligem Befund senkt die Koloskopie das KRK-Risiko auch im Langzeitverlauf erheblich und braucht deshalb nur einmal nach weiteren 10 Jahren wiederholt zu werden (13). In der vorliegenden Untersuchung war jedoch bei 25 Patienten innerhalb eines 10-Jahres-Intervalls vor KRK-Diagnose eine Vorsorgekoloskopie durchgeführt worden. Die Rate neuer oder koloskopisch übersehener KRK liegt damit in der untersuchten Kohorte vergleichsweise hoch (17, 18).
Mögliche Risikofaktoren für übersehene kolorektale Karzinome beziehungsweise Vorstadien sind
- höheres Patientenalter
- Krankheitsfaktoren wie etwa Lokalisation der Polypen im rechten Kolon, Zahl der Polypen, defekte DNS-Reparaturmechanismen, gleichzeitige Divertikulose
- untersuchungsbezogene Faktoren wie beispielsweise Sauberkeit des Kolons bei der Untersuchung, Sorgfalt und Erfahrung des Untersuchers (17, 18, 19).
Patientenalter und die Lokalisation des kolorektalen Karzinoms bei den 25 Patienten mit Vorsorgekoloskopie unterschieden sich nicht wesentlich von der Restkohorte und von vergleichbaren Gruppen in anderen Publikationen. Bei einem Fünftel der Fälle fehlten adäquate Empfehlungen nach Polypektomie beziehungsweise inkompletter Koloskopie, in einem Drittel wurde das empfohlene Vorgehen nach Vorsorgekoloskopie missachtet. Untersuchungsbezogene Parameter bilden einen weiteren möglichen Einflussfaktor für verbesserte Vorsorgeergebnisse und sollten bei der Konzeption von Vorsorgeprogrammen berücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem der Koloskopie als Methode zum Massenscreening sind Vorbehalte in der Bevölkerung. Vor allem die beschwerliche Vorbereitung in Form der Darmreinigung spielt eine Rolle (20). Polyethylen-Glykol(PEG)-Ascorbinsäure-haltige Präparationen werden aufgrund des reduzierten Volumens von 2 Litern von den Patienten eher akzeptiert als die bislang üblichen Darmspüllösungen (21). Die absolut effektive, tolerable und sichere Methode zur Darmreinigung ist jedoch noch nicht gefunden. Um die Inzidenz des KRK weiter zu senken sollte neben der Verbesserung vorhandener Vorsorgemethoden nach alternativen, zuverlässigen Screeningverfahren gesucht werden, die in der Bevölkerung besser angenommen werden.

Radiologische Verfahren wie die CT- oder MR-Kolonografie erfordern die gleiche, unangenehme Vorbereitung für den Patienten wie die Endoskopie. Sie sind zudem teuer und, was die Computertomografie angeht, mit einer Strahlenbelastung assoziiert. Untersuchungen zur Effizienz der CT-Kolonografie ergaben, dass die diagnostische Genauigkeit die der Koloskopie nicht ganz erreicht (22). Daher können radiologische Verfahren derzeit nicht als Basismethode zum Screening auf KRK empfohlen werden. Als neue Methode wird die Kapselendoskopie des Kolons zurzeit untersucht (23). Die beste Akzeptanz unter den jetzigen Vorsorgeuntersuchungen hat der FOBT. Verbesserte Stuhltests mit hohem negativem prädiktivem Wert wären ein wesentlicher Fortschritt. Auch serologische Tests wie die Bestimmung des Komplement Anaphylatoxins C3a (C3a-desArg) haben möglicherweise das Potenzial, die Vorsorge zu verbessern (24).

Durch die Fortschritte in der interdisziplinären onkologischen Behandlung ist es gelungen, das kolorektale Karzinom im Stadium IV in vielen Fällen von einem Todesurteil in eine chronische Erkrankung zu verwandeln. Gemeinsame Anstrengungen in den Bereichen Aufklärung sowie primärer, fachärztlicher und stationärer Versorgung sollten es ermöglichen, das kolorektale Karzinom von einer Volkskrankheit zu einer sporadisch auftretenden, heilbaren Neoplasie zu machen. Die hier gefundenen Ansatzpunkte zur verbesserten Versorgung werden teilweise bereits umgesetzt und sollten bei der Beratung und Behandlung jedes über 50-jährigen Patienten berücksichtigt werden.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 6. 2008, revidierte Fassung angenommen: 7. 1. 2009

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Konrad Schoppmeyer
Medizinische Klinik und Poliklinik II
Universitätsklinikum Leipzig AöR
Liebigstraße 20
04103 Leipzig
E-Mail: konrad.schoppmeyer@medizin.uni-leipzig.de

Summary
Failure of Screening or Failure to Screen? The Screening Behavior of Patients With Colorectal Cancer in the Leipzig Area
Background: Colorectal cancer (CRC) is the second most common cancer-related cause of death in Germany. Screening for colorectal cancer is effective and is covered by statutory health insurance in Germany.

Methods: The authors studied the screening behavior of patients with CRC in the Leipzig area in the 10 years before their diagnosis. The patients were asked to fill out a standardized questionnaire, and their primary care physicians were questioned, in order to determine what screening measures had been performed and why none had been performed in some cases.

Results: 212 patients with CRC were studied. In 175 (83%), cancer had been diagnosed after the appearance of symptoms ("symptomatic group"); in 37 (17%), it had been detected by screening ("screening group"). 51% of the overall patient group had undergone CRC screening in the 10 years before their diagnosis. A test of the stool for occult blood was the most common screening method but was generally not performed in conformity with guidelines. 25 patients (12%) had undergone a screening colonoscopy in the 10 years before their diagnosis; of these 25, 20 had undergone a screening colonoscopy in the 5 years before their diagnosis. The main reason why screening was not performed was ignorance of its availability.

Conclusions: This retrospective study revealed that, of 212 patients with CRC, most had not previously undergone CRC screening in conformity with guidelines. Better patient education by physicians may improve the effectiveness of screening. Appropriate screening measures include fecal occult blood testing and colonoscopy in conformity with guidelines.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(12): 195–201
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0195
Key words: colorectal cancer, screening test, health services research, colonoscopy, stool test

The English version of this article is available online:
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