ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2009Arztgeschichten: Fußweh

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichten: Fußweh

Dtsch Arztebl 2009; 106(12): [100]

Montag, Günther

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Da ruft Herr P. wieder an. Er fragt, ob ich mich an ihn erinnere. Ja, es ginge heute wieder um einen Fuß. Diesmal aber um den Fuß seiner Frau.“

Sonntagsdienst. Ein sonniger Samstag, Mitte Dezember. Die Sonne lacht. Zurzeit keine Grippewelle. Nicht viel los in dem kleinen Städtchen in Bayern. Besonders nicht am Nachmittag. Die meisten Patienten kamen schon am Samstag früh, weil da alle Apotheken offen haben. Und die mit Erkältung rufen erst am Abend an, weil dann das Fieber höher ist.

Ich, der Doktor, hatte also eine gemütliche Mittagspause. Nachmittags kommt ein Anruf. Ein junger Mann sagt, der Fuß tue ihm ein bisschen weh, er möchte da mal nachschauen lassen. Ich frage nach, wo genau es ihm denn wehtue. Der bayrische Fuß geht ja bekanntlich bis einschließlich zur Hüfte. Da unten in der Wade so ein Ziehen. Es ginge schon einige Tage so, sei nicht so dramatisch. Also lasse ich mir Zeit mit dem Hausbesuch.

Nachdem ich nach zwei Versuchen die richtige Tür in dem großen Haus gefunden habe, begrüßt mich Herr P. freundlich und führt mich in die Wohnung. Ich gehe ihm durch den Gang nach und bemerke dabei keinerlei Auffälligkeiten in seinem Gang. Von rechts, aus einem Zimmer, begrüßt mich Frau P. mit fröhlicher Stimme. Herr P. geht in ein anderes Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, zieht das rechte Hosenbein hoch und zeigt mir seine Wade. Da, ungefähr in der Mitte, tut es weh. Ich sehe hin: Nichts rot, nichts dick. Ich lange hin. Nichts warm, nichts tastbar. An einer Stelle ein ganz lokal umschriebener Druckschmerz, kaum merklich, ich muss ihn geradezu suchen. Herr P. sagt wieder, er hätte es schon seit einigen Tagen, er wolle es nur mal abklären lassen. Ich vermute einen kleinen Muskelfaserriss, empfehle vielleicht etwas Salbe, die Herr P. schon im Haus hat, etwas selbst angewandte Massage, und vorerst noch eine wahrscheinliche spontane Besserung abzuwarten. Mit weiterführender Diagnostik beim Hausarzt solle er erst bei Nichtvergehen oder Verschlimmerung der Beschwerden beginnen.

Herr P. ist beruhigt und dankbar, verabschiedet mich freundlich, auch seine Frau ruft mir einen freundlichen Gruß nach, und ich gehe frohen Fußes meiner Wege.

Im Stillen denke ich, der sah ja eigentlich überhaupt nicht leidend aus, das tat ja auch fast gar nicht weh, warum der wohl anrief? Wollte er vielleicht ein letztes Mal noch einen kostenlosen Sonntagsdienst genießen? Denn diese Dezembertage waren die letzten Tage, in denen es noch keine Praxisgebühr gab.

Am nächsten Tag, am Sonntag, zur gleichen Zeit, ist es noch ruhiger als am Vortag. Ich vermute, die meisten Patienten, die ein bisschen krank sind, denken nun schon, ist ja schon Sonntag, morgen gehe ich zum Hausarzt. Da ruft Herr P. wieder an. Er fragt, ob ich mich an ihn erinnere. Ja, es ginge heute wieder um einen Fuß. Diesmal aber um den Fuß seiner Frau. Was denn ist? Ja, er ist auch nicht ganz in Ordnung. Es ginge schon seit ein paar Tagen so. Ja, gut, ich komme. Im Stillen denke ich schmunzelnd, wenn der heutige Fuß auch so ist wie der von gestern, dann kann ich da ja wirklich ganz gemütlich hinfahren.

Herr P. begrüßt mich, und wir gehen wieder in dieses Zimmer. Frau P. begrüßt mich auch und setzt sich auf denselben Stuhl wie Herr P. gestern. Auch sie zieht das Hosenbein hoch. Im Unterschied zu gestern ist es aber das Linke. Ein weiterer Unterschied zu gestern und auch zwischen Frau P.s linkem und rechtem Unterschenkel ist, dass der linke Unterschenkel fast doppelt so dick ist wie der rechte. Außerdem ist er rot und warm und tut sehr weh. Auch am Fußrücken, in der Kniekehle und an der Oberschenkelinnenseite schmerzt es, mit Ausstrahlung bis zur Hüfte. Zusätzlich stimmen Frau P.s Aussage und ihr Bauchumfang darin überein, dass sie schwanger ist und in der kommenden Woche den Entbindungstermin ihres ersten Kindes hat.

Wie lange das denn schon so gehe? Nun, seit einigen Tagen. Und heute habe sie sich überlegt, ob sie es sich nicht vielleicht doch heute anschauen lassen solle. Krampfadern und das Risiko einer Thrombose seien ihr bekannt. Na gut, ich fordere einen Rettungswagen an, melde Frau P. in der Geburtshilfe mit dem Verdacht auf eine tiefe Bein- und Beckenvenenthrombose in der 40. Schwangerschaftswoche an, lege ihr einen Zugang, spritze ihr 5 000 IH Heparin i.v., hänge eine Infusion an und bereite sie sanft darauf vor, dass man ihr bei der Entbindung in gewisser Weise zur Seite stehen werde.

Nachdem Frau P. liegend abtransportiert worden ist, bin ich noch etwas nachdenklich, gehe verhaltenen Fußes meiner Wege. Im Stillen versuche ich, die rätselhafte Verknüpfung des Fußes von gestern und des Fußes von heute zu entschlüsseln, was mir aber bis heute noch nicht ganz gelungen ist.
Dr. med. Günther Montag
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