ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2009Elektronische Gesundheitskarte: Entschleunigung beim Start

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Elektronische Gesundheitskarte: Entschleunigung beim Start

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Die Empfehlung der Ärztekammer Nordrhein an ihre Mitglieder, sich vorerst keine Lesegeräte für die neuen Karten zu beschaffen, sorgt für Unruhe im Telematikprojekt.

Mit der Ausgabe neuer Lesegeräte hat der sogenannte Basisrollout der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) im Rheinland begonnen. Wer das schon über mehrere Jahre laufende Projekt verfolgt hat, wundert sich nicht, dass es gleich beim Start erneut hakt. Die rund 18 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in der Region Nordrhein können sich in den nächsten Monaten neue Kartenlesegeräte beschaffen und bis zum 31. Juli 2009 die Pauschalerstattung bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) beantragen (Kasten). Die Geräte der neuen Generation können sowohl die Gesundheitskarte als auch die derzeit gültige Krankenversichertenkarte lesen. Sie seien problemlos einsetzbar und liefen reibungslos, so die KV in einer Pressemitteilung.

Denkpause einlegen aufgrund offener Systemfragen
Dennoch empfiehlt der Vorstand der Ärztekammer (ÄK) Nordrhein den Ärzten, zurzeit keine eGK-fähigen Lesegeräte anzuschaffen, sondern eine „Denkpause“ einzulegen, solange „wesentliche Systemfragen“ offen seien. So sei etwa unklar, wie die Forderung der Krankenkassen nach einer Online-Aktualisierung der Versichertenstammdaten mit der Vertraulichkeit der Patientendaten zu vereinbaren sei. Hier müsse es eine Trennung der administrativen Daten von den medizinischen Patientendaten in der Praxis geben.

Sicherheitstechnisch unbedenklich
Für die KV Nordrhein ist dieses Argument jedoch ein Vorgriff auf den zweiten, erst noch im Detail zu regelnden Schritt, denn zunächst werden die Karten ausschließlich offline zum Auslesen administrativer Daten genutzt. Darüber hinaus weist sie die Zweifel an der sicherheitstechnischen Funktionstüchtigkeit der Lesegeräte scharf zurück. Die Geräte hätten die Tests des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, der TÜV-Informationstechnik GmbH und der Betriebsgesellschaft Gematik durchlaufen. „Sie sind auf dem neuesten technischen Stand, schnell und komfortabel zu bedienen“, betonte Dr. med. Leonhard Hansen, Vorsitzender der KV Nordrhein. „Anderslautende Behauptungen der Ärztekammer Nordrhein sind Unfug und entbehren jeder Grundlage“, stellt er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt klar. Zwar weise er auf Informationsveranstaltungen die Ärzte auch darauf hin, dass sie nichts überstürzen müssten, aber aus einem anderen Grund. „Zurzeit sind sechs stationäre und drei mobile Lesegeräte von der Gematik zertifiziert und für den Basisrollout zugelassen. Es können in den nächsten Wochen aber weitere Geräte auf den Markt kommen, sodass sich die Auswahl für die Praxen noch deutlich vergrößern dürfte“, erklärte Hansen. Die Informationsveranstaltungen in den letzten Wochen hätten zudem gezeigt, dass 90 Prozent der Ärzte sehr sachorientiert an dem Thema interessiert seien. „Die Ärzte sind der Insellösungen überdrüssig und wollen sich vernetzen. Ich sehe die KV hier in der Pflicht, die Vertrags- und Geschäftsfähigkeit ihrer Mitglieder zu erhalten“, so der KV-Chef.

Dagegen mahnt die Kammer weiter zur Vorsicht, auch wenn sie ihre Empfehlung nicht als Boykott verstanden wissen will. „Wir wollen den Weg zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte entschleunigen, bis wir wissen, dass er sicher ist“, sagt Viktor Krön, Telematikexperte der ÄK. Die Ärzte in Nordrhein sähen sich in besonderer Verantwortung, weil sie die ersten seien, denen Patienten mit Gesundheitskarten begegneten. Sie müssten ihren Patienten zusichern können, dass die Vertraulichkeit gewahrt bleibe.

In einem vom Landesgesundheitsministerium moderierten Gespräch im April sollen KV, ärztliche Verbände, Datenschützer und Krankenkassen über das weitere Vorgehen beraten. Bleibt zu hoffen, dass bis zum Stichtag 31. Juli die Verunsicherung der Ärzte ein Ende hat.
Heike E. Krüger-Brand


Neue Lesegeräte
Als Pauschalen wurden für die nordrheinischen Praxen vereinbart:

- Einzelpraxen und Berufsausübungsgemeinschaften mit bis zu fünf Mitgliedern erhalten 430 Euro für ein stationäres Lesegerät. Bei sechs bis acht Mitgliedern erhalten sie Pauschalen für zwei, ab neun Mitgliedern für drei Geräte.
- Jede Praxis erhält eine Installationspauschale von 215 Euro.
- Wer Hausbesuche macht oder am Notdienst teilnimmt, erhält 375 Euro als Pauschale für ein mobiles Lesegerät. Das gilt auch für Ärzte, die in Fremdpraxen tätig sind, zum Beispiel Anästhesisten.

Informationen: Die KV Nordrhein hat ein ausführliches Merkblatt zur Beschaffung von geeigneten Lesegeräten einschließlich Antragsformular für die Erstattung der Pauschalen im Internet veröffentlicht (www.kvno.de/ekg) und unter der Nummer 01 80/2 66 00 10 eine Hotline eingerichtet. Darüber hinaus werden weitere Informationsveranstaltungen zur eGK durchgeführt.
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