ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2009Forschung Onkologie: Tumoren an der Wurzel packen

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Forschung Onkologie: Tumoren an der Wurzel packen

Simm, Michael

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Tumorzellen werden in einem Forschungslabor mikroskopisch untersucht. Foto: Boehringer Ingelheim
Tumorzellen werden in einem Forschungslabor mikroskopisch untersucht. Foto: Boehringer Ingelheim
Krebsstammzellen stehen als Target neuartiger Therapiestrategien im Fokus eines kürzlich gegründeten Stammzellinstituts in Heidelberg. Die Forscher hoffen, mit solchen Ansätzen das Risiko für Rezidive nach einer Chemotherapie verringern zu können.

Tumorstammzellen haben eine zentrale Bedeutung, offenbar nicht nur für die Entstehung und das Wachstum von Malignomen, sondern sie scheinen auch an der Bildung von Metastasen beteiligt zu sein. Damit werden sie zu Kandidaten therapeutischer Zielzellen: Ließen sie sich aufspüren und elimieren, wäre der Tumor „an der Wurzel gepackt“, zumal es immer besser gelingt, Tumorstammzellen von anderen Zellen zu differenzieren.

Neue Targets gehören zu den Forschungsgebieten des „Heidelberger Instituts für Stammzell-Technologie und Experimentelle Medizin“ (HI-STEM), das am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) angesiedelt sein wird.

„Das HI-STEM soll zu einem international ausstrahlenden Schwerpunkt der Stammzellforschung werden“, sagte Prof. Dr. Otmar Wiestler, Leiter des DKFZ, beim 5. Heinrich-F.-C.-Behr-Symposium in Heidelberg. Für die nächsten fünf Jahre stehen dem Institut etwa 15 Millionen Euro zur Verfügung. Krebsstammzellen machten zwar nur einen sehr kleinen Teil der Tumormasse aus, doch seien sie gegenüber herkömmlichen Chemotherapien und Bestrahlungen relativ unempfindlich und stünden daher im Verdacht, für Rezidive nach scheinbar erfolgreicher Therapie verantwortlich zu sein, erläuterte Prof. Dr. Andreas Trumpp, wissenschaftlicher Leiter des HI-STEM. Diesen Verdacht stärkt unter anderem die Beobachtung, dass die Prognose von bösartigen Hirntumoren (Gliomen) umso schlechter ist, je mehr Krebsstammzellen der Tumor enthält. Tumorstammzellen siedeln sich in bestimmten Nischen des Körpers an. Eine der im HI-STEM erforschten Strategien besteht nun darin, die Interaktion zwischen Tumorstammzellen und ihrer Umgebung zu stören, sie aus ihren Nischen zu vertreiben und damit einer Zerstörung zugänglich zu machen. Ein weiterer Ansatz ist, die Tumorstammzellen für eine Chemotherapie empfindlich zu machen. Dazu werden sie durch Zugabe von Botenstoffen gleichsam aufgeweckt und in die empfindliche Phase der Zellteilung getrieben. „Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Zytokine für dieses Ziel verwendet werden können und dass eine Chemotherapie im Anschluss daran besser wirksam ist“, teilte Trumpp mit. „Unsere Idee ist es, durch eine Behandlung mit dem Botenstoff Interferon Stammzellen in diese therapiesensible Phase der Zellteilung zu bringen und sie dadurch für eine Behandlung mit dem Medikament Glivec (Imatinib) empfindlich zu machen.“ Dadurch hoffen die Forscher, auch jene Stammzellen von Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie zu erreichen, die durch das Medikament allein nicht vernichtet werden können. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken Heidelberg und Mannheim wolle man diesen Ansatz in klinischen Studien erproben.
Michael Simm

HI-STEM
Als gemeinnützige GmbH soll HI-STEM die Zusammenarbeit zwischen akademischer Wissenschaft und Privatwirtschaft ermöglichen. Im Rahmen dieser „Public Private Partnership“ geht es auch darum, die erzielten Forschungsergebnisse patentrechtlich abzusichern und in Zusammenarbeit mit der Biotech- und Pharmaindustrie zügig in neue Therapien und Medikamente umzusetzen. Finanziert wird das neue Institut gemeinsam durch die Dietmar-Hopp-Stiftung und das Deutsche Krebsforschungszentrum. In Kürze wollen sich auch das Universitätsklinikum sowie die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg als Gesellschafter beteiligen. Wie DKFZ-Vorstand Otmar Wiestler erläuterte, war dieses Modell eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Bioregion Rhein-Neckar als „Spitzencluster“ einen Wettbewerb der Bundesregierung gewinnen konnte und nunmehr sämtliche Einlagen der Dietmar-Hopp-Stiftung in das HI-STEM durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verdoppelt werden. Alle eventuellen Erlöse fließen wieder in das Institut zurück und werden von Neuem in die Forschung investiert.
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