ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2009Psychiatrie: Als Menschen sichtbar
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Hanfried Helmchen (Hrsg.): Psychiater und Zeitgeist. Pabst, Lengerich 2008, 497 Seiten, kartoniert, 40 Euro Hanfried Helmchen (Hrsg.): Geschichte der Psychiatrie an der Freien Universität Berlin. Pabst, Lengerich 2007, 268 Seiten, kartoniert, 25 Euro
Hanfried Helmchen (Hrsg.): Psychiater und Zeitgeist. Pabst, Lengerich 2008, 497 Seiten, kartoniert, 40 Euro Hanfried Helmchen (Hrsg.): Geschichte der Psychiatrie an der Freien Universität Berlin. Pabst, Lengerich 2007, 268 Seiten, kartoniert, 25 Euro
Obwohl sich keine medizinische Disziplin vom Zeitgeist unberührt wähnen sollte, scheint die Seelenheilkunde, die sich dem Fühlen, Denken und Handeln des Menschen widmet, besonders eng mit den Zeitläuften verwoben zu sein. Dieser Verbindung, genauer der von „Psychiater und Zeitgeist“, geht ein Aufsatzband nach, der im Untertitel Material „zur Geschichte der Psychiatrie in Berlin“ ankündigt und Beiträge einer Tagung präsentiert, die Nervenärzte und Medizinhistoriker im Juni 2008 in der Charité zusammenführte.

Kurz nach seiner „Geschichte der Psychiatrie an der Freien Universität Berlin“ (2007) legt damit der emeritierte Psychiater Hanfried Helmchen als Herausgeber bereits einen zweiten Band zur Historie seines Faches vor. In dem Versuch, Wechselwirkungen zwischen Individuum und Zeitgeist verständlich zu machen, führt die aktuelle Sammlung jedoch über ihren lokalen Gegenstand hinaus. Eher als eine erschöpfende Darstellung schwebte Helmchen dabei ein Lesebuch vor, „das gerade jüngere Kollegen zur Reflexion ihrer oft verborgenen Abhängigkeit vom Zeitgeist anregen soll“.

Und so zeigt etwa Volker Hess, wie im 19. Jahrhundert ausgerechnet der Datenhunger preußischer Verwaltungen die Entwicklung standardisierter psychiatrischer Krankengeschichten befördert hat. Ihm zufolge bildete sich die psychiatrische Anamnese zunächst nicht aus medizinischen Erwägungen, sondern im Rahmen der Informationssammlung zur Ermittlung des Kostenträgers. Cornelius Borck interpretiert in seinem reizvollen und gewagten Aufsatz die physiologische Theorie des Nestors der Westberliner Psychiatrie, Helmut Selbach, als den Versuch, die Konflikte der Nachkriegszeit zu verarbeiten. In einem Aufsatz, der zwar nicht historische Durchdringung, dafür aber Zeitkolorit bietet, erweckt Dieter Lehmkuhl die Reformstimmung der 70er-Jahre zum Leben und beleuchtet damit den Hintergrund der heutigen Sozialpsychiatrie.

Insgesamt hat der Herausgeber Texte zu 23 Themen versammelt, wobei es sowohl um Einzelne geht (etwa Karl Bonhoeffer und Maximinian de Crinis) als auch um Krankheitskonzepte (wie die „Kriegsneurose“) oder um die Geschichte von Teilfächern (so im Fall der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Gerontopsychiatrie). Der Wert des sorgfältig lektorierten Bandes als Quelle für historisch Interessierte steigt noch durch die ausführlichen Personen- und Sachregister.

Naturgemäß scheint in einigen Beiträgen der Zeitgeist eher durch als deutlich vor Augen zu treten. In seiner Gesamtheit jedoch macht die Aufsatzsammlung die Psychiater verschiedenster Epochen als Menschen sichtbar, die ungeachtet nachträglicher Etikettierungen wie etwa „Psychiker“ oder „Somatiker“ – in Helmchens Worten – „in ihrer jeweils kulturell und sozial, wissenschaftlich und institutionell spezifisch geprägten Welt handeln müssen“. Christopher Baethge
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