ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2009Fachberufe im Gesundheitswesen: Verständigung über Gemeinsames und Trennendes

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Fachberufe im Gesundheitswesen: Verständigung über Gemeinsames und Trennendes

Gerst, Thomas; Wurche, Katharina

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Vertreterinnen und Vertreter der 40 Berufsverbände kamen in Berlin bei der Bundesärztekammer zu Gesprächen zusammen. Fotos: Georg J. Lopata
Vertreterinnen und Vertreter der 40 Berufsverbände kamen in Berlin bei der Bundes­ärzte­kammer zu Gesprächen zusammen. Fotos: Georg J. Lopata
Probleme im Miteinander von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen sind nicht aus der Welt. Aber die Fachberufekonferenz bei der Bundes­ärzte­kammer hat dazu beigetragen, Gemeinsamkeiten zu finden und konstruktiv mit strittigen Fragen umzugehen.

Eine Hochschule der Gesundheitsberufe forderte unlängst Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin, bei der Auftaktversammlung zum Gesundheitskongress des Westens in Essen. Auch die medizinischen Fakultäten sollten sich öffnen, um eine Ausbildung parallel auf Augenhöhe zu ermöglichen; die Ärzte müssten sich darauf besinnen, was die ureigensten ärztlichen Aufgaben seien. Und auch bei der Bundes­ärzte­kammer – so mutmaßte Ekkernkamp – tue sich in dieser Hinsicht etwas. Franz Knieps, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Gesundheit, schloss sich dieser Forderung an. „Es muss eine Zusammenführung der Ausbildung erfolgen“, betonte er. Bereits in der Ausbildung sollte man gemeinsam an die Probleme der gesundheitlichen Versorgung herangehen.

Gar so weit will die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) bei den Gemeinsamkeiten mit den Fachberufen im Gesundheitswesen nicht gehen, aber sehr deutlich ist das Bestreben, in der Berufsausübung eine bessere Zusammenarbeit herbeizuführen. Dies zeigte sich bei der diesjährigen Konferenz der Fachberufe im Gesundheitswesen, die am 18. März auf Einladung der BÄK in Berlin stattfand. Auf ihrer 21. Sitzung diskutierten die Vertreter der 40 Berufsverbände über Probleme, Schnittstellen und Verbesserungsmöglichkeiten in der Zusammenarbeit.

Sorgen um Nachwuchs
Die Fachberufekonferenz bot den nicht ärztlichen Teilnehmern auch ein Forum, um ihre in den Honorarstreitigkeiten zwischen Vertragsärzten und Krankenkassen begründeten Sorgen zu artikulieren. So befürchten die Physiotherapeuten den Ausfall von Verordnungen, sollten die Auseinandersetzungen eskalieren. Ihre Praxen seien nach den Honorareinbußen des vergangenen Jahres ohnehin am Limit. Die Orthoptisten sorgen sich um ihr Einkommen, sollten die Honorare der Augenärzte tatsächlich zurückgehen. Mit der Gesundheitsreform und der Einführung des morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleichs sehen die Diabetes-Assistenten den Fortbestand der Disease-Management-Programme gefährdet.

BÄK-Vizepräsidentin Cornelia Goesmann plädiert für eine konstruktive Zusammenarbeit, ohne Konflikte zu beschönigen.
BÄK-Vizepräsidentin Cornelia Goesmann plädiert für eine konstruktive Zusammenarbeit, ohne Konflikte zu beschönigen.
BÄK-Vizepräsidentin Dr. med. Cornelia Goesmann suchte die Teilnehmer der Fachberufekonferenz hinsichtlich der Folgen des Honorarstreits auf das Verordnungsverhalten zu beruhigen. Gegenwärtig brodele es zwar sehr innerhalb der Ärzteschaft, doch seien nicht alle Regionen in Deutschland gleichermaßen betroffen, und selbst dort, wo es aus Protest zu Praxisschließungen komme, werde sich dies nicht dramatisch auf die Verordnungen auswirken. Der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, wies auf die gemeinsamen Bemühungen aller Anwesenden hin, „dass die Patienten das bekommen, was sie brauchen. Das gilt für uns und genauso für Sie“. Die Unruhe in Teilen der Ärzteschaft über das Honorar sei aktuell zwar groß, doch er empfehle, zunächst einmal abzuwarten, was abschließend über die Regelleistungsvolumina hinaus tatsächlich gezahlt werde.

Sehr besorgt zeigten sich die Konferenzteilnehmer über den teilweise dramatischen Nachwuchsmangel in den Gesundheitsberufen. Die großen physischen und psychischen Belastungen im Berufsalltag, der niedrige Personalschlüssel in allen Einrichtungen und die vergleichsweise schlechte Bezahlung schreckten Schulabgänger davon ab, sich für eine Ausbildung in diesem Bereich zu entscheiden. Deshalb müssten die Gesundheitsberufe durch bessere Arbeits- und Vergütungsbedingungen deutlich attraktiver gemacht werden. Nur so bestehe die Chance, auch künftig noch genügend qualifizierte Fachkräfte für eine gute Versorgung der alternden Bevölkerung zu gewinnen, betonten die Konferenzteilnehmer.

Positiv wurden die Ergebnisse einer vorbereitenden Klausurtagung zur Kooperation der Berufe im Gesundheitswesen beurteilt. BÄK-Vizepräsidentin Goesmann verwies auf die „erstaunlich konstruktive“ Zusammenarbeit an diesen zwei Tagen. Natürlich hätten dabei nicht alle Konflikte ausgeräumt werden können. Nach wie vor ungelöst seien die Fragen des Direktzugangs der Heilberufe zu den Patienten. Vielleicht komme man jenseits des Streits um Delegation oder Substitution ärztlicher Leistungen in der Zusammenarbeit weiter, wenn man das Konsultationsprinzip, also die Besprechung mit den Fachberufen, was diese jeweils in eine Therapie einbringen könnten, einführen würde.

„Delegation – ja, Substitution – nein!“, betonte beim Gesundheitskongress des Westens am 11. März in Essen auch Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Eine neue Aufgabenverteilung sei zwar unverzichtbar, Diagnostik und Therapie von Krankheiten müssten aber auf jeden Fall in ärztlicher Hand bleiben, erklärte Windhorst weiter.

Klar definierte Berufsperspektiven von Ärzten und Pflegern seien ebenso wichtig wie das Bemühen beider Berufsgruppen, miteinander zu kooperieren statt gegeneinander zu kämpfen.

Auf den demografischen Wandel wies Christel Bayer aus dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales beim Gesundheitskongress hin. Die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen wachse stetig. Ein weiterer Effekt des demografischen Wandels sei, dass immer weniger junge Menschen für die Pflege der Bedürftigen bereitstünden. Gesundheitsberufler würden dringend gebraucht, die Gesundheitswirtschaft sei insofern als Jobmotor zu betrachten. In Bayers Zuständigkeit fällt die Planung einer staatlichen Fachhochschule für Gesundheitsberufe in Nordrhein-Westfalen (NRW). Angestrebt werde die Akademisierung nicht ärztlicher Heilberufe. In fünf speziellen und einem generalisierten Studiengang sollten in Zukunft Theorie und Praxis nicht ärztlicher Heilberufe miteinander verbunden werden, erklärte Bayer.

Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke, begrüßte diese NRW-Hochschulpläne und den damit verbundenen Ausbau der Pflegeforschung. „Die Mediziner haben uns 800 Jahre Forschung voraus“, sagte sie in Essen. Trotzdem seien nur 20 Prozent der ärztlichen Behandlungen evidenzbasiert. „In der Pflege liegt dieser Anteil bei 0,005 Prozent“, führte Bienstein weiter aus. Deshalb seien akademisierte Pflegeberufe dringend notwendig. Um eine Auswirkung in der Praxis zu spüren, müssten zehn Prozent der Pflegerinnen und Pfleger studieren. Sie plädierte für die Schaffung neuer Gesundheitsberufe. In Großbritannien oder den USA würden die Nurse Practitioner oder die Advanced Practice Nurse den Ärzten bereits Arbeit abnehmen. Bereiche wie Schmerz- und Wundmanagement oder die postoperative Überwachung von Patienten könnten problemlos auf Pflegeberufe übertragen werden, erklärte Bienstein.
Thomas Gerst, Katharina Wurche


Festansprache des ehemaligen BÄK-Präsidenten Karsten Vilmar
Festansprache des ehemaligen BÄK-Präsidenten Karsten Vilmar
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20 Jahre Konferenz der Fachberufe
Vor 20 Jahren wurde die Konferenz der Fachberufe im Gesundheitswesen auf Initiative der Bundes­ärzte­kammer ins Leben gerufen. Seitdem dient sie als wichtige Plattform für den Informationsaustausch und die Kommunikation der Gesundheitsberufe. Anlässlich einer kleinen Jubiläumsfeier wies der Ehrenpräsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, auf den Ursprung der gemeinsamen Konferenz hin. Man sei damals bei der BÄK zu der Überzeugung gelangt, dass es besser sei, miteinander zu reden, als in der Öffentlichkeit schlecht übereinander zu reden.

Vilmar zitierte aus den 1991 vorgelegten Thesen zur Kooperation der Fachberufe: „Das Ziel einer Kooperation aller Fachberufe im Gesundheitswesen ist die Sicherung und weitere Verbesserung einer patientenorientierten gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung. Kooperation bedeutet, unter einem gemeinsamen Ziel das eigene Arbeitsverhalten mit dem Arbeitsverhalten und dem Arbeitsablauf eines anderen abzustimmen.“ Noch immer seien nicht alle Probleme im Miteinander der Fachberufe gelöst, seit damals habe sich jedoch ein deutlich besseres Verständnis füreinander entwickelt.

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