ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2009Philippinen: „Ich habe Zeit für meine Patienten“

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Philippinen: „Ich habe Zeit für meine Patienten“

Dtsch Arztebl 2009; 106(13): A-604 / B-516 / C-500

Kubisch, Bernd

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Stadt der Gegensätze: Unweit der Slums ragt die moderne Skyline Manilas in den Himmel. Ähnliche Gegensätze prägen die medizinische Versorgung. Foto: dpa
Stadt der Gegensätze: Unweit der Slums ragt die moderne Skyline Manilas in den Himmel. Ähnliche Gegensätze prägen die medizinische Versorgung. Foto: dpa
Dr. med. Peter Kaliski muss schmunzeln, als er erzählt, dass er in jungen Jahren kein Blut sehen konnte. Dennoch hat er den Beruf, von dem er immer träumte. Der Facharzt für Innere Medizin sitzt in seiner Praxis im Makati Medical Center, einem Hochhaus in Manila, und erinnert sich: „Zu meiner Schulzeit in Esslingen konnte ich auch keine Unfallbilder betrachten. Bei einem Erste-Hilfe-Kurs musste ich sogar mal aus dem Raum.“ Das ist lange her. Heute arbeitet der 51-Jährige auf den Philippinen auch als Unfallarzt und versorgt Opfer bei Krankenflügen zurück nach Europa.

Aus dem lächelnden wird nun ein ernstes Gesicht. „Viele Vorurteile in Deutschland gegenüber dem medizinischen Standard auf den Philippinen ärgern mich.“ Zum Beispiel rief einmal ein Mitarbeiter einer Versicherung den Arzt an und fragte, ob dieser einen Herzkatheter legen könne. Kaliski: „Ich blieb ganz freundlich und antwortete, natürlich können wir das.“

Auch einige Botschaften in Manila nutzen die Arbeit des Schwaben. Durch seinen Einsatz bei Notfällen und Rettungen mit dem Hubschrauber kommt der Deutsche im Reich der 7 000 Inseln viel herum. Er arbeitet bei Rückführungen von Schwerverletzten und -erkrankten auch mit dem ADAC und der Europ Assistance zusammen. Für die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega begleitet er Patienten nach Europa. Kaliski freut sich über das „in den letzten Jahren gewachsene Vertrauen dieser Gesellschaften in unsere Arbeit“. Es sei oft besser, den Zustand des Patienten „bei uns zu stabilisieren, als ihn überstürzt mit höheren Risiken auszufliegen“.

Weil der Deutsche oft unterwegs ist, arbeitet eine Kollegin mit ihm in der Praxis in Manilas Banken- und Hotelviertel Makati zusammen. Die Internistin Cecile Fabro betont: „Kein Ausländer muss Angst haben, in unserem Land nicht gut versorgt zu werden.“ Natürlich sei die Versorgung in Manila schneller und besser möglich als auf dem Land. „Wir orientieren uns bei Studium, Ausbildung und der Arbeit in Praxen und Kliniken an westlichen Standards“, sagt die 42-jährige Philippinin.

Das Inselreich mit seinen knapp 90 Millionen Einwohnern setzt nun verstärkt auf den Medizintourismus. Der soll auch helfen, den Exodus von Ärzten und Krankenschwestern in Länder mit höheren Gehältern zu stoppen. Das Flaggschiff, das Asian Hospital and Medical Center in Manila, versorgt jährlich 16 000 Patienten, es verfügt über 250 Betten und eine Präsidentensuite mit Zimmer für ein Hausmädchen. Das Topmanagement kommt aus Australien und der Schweiz, die Ärzte sind von den Philippinen. Um hier praktizieren zu können, müssen auch Ausländer die Ausbildung und Prüfung in dem südostasiatischen Land absolvieren, brauchen eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. „Und das ist schwierig“, weiß Kaliski aus eigener Erfahrung.

Seine Sprechstunde beginnt erst in einer halben Stunde, Zeit, um über frühere Zeiten zu plaudern. Reproduktionen alter Stiche von Esslingen am Neckar hängen an der Wand des schlicht eingerichteten Behandlungsraums. „Ich mag meine Heimat, hatte mich in Stuttgart und Ulm ums Medizinstudium beworben.“ Der Numerus clausus machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Kaliski schaut aus dem Fenster auf andere Hochhäuser. Die nächsten Slums und Müllhalden, in denen Kinder nach Verwertbarem wühlen, sind nur 20 Taximinuten entfernt.

„Ich fühlte mich schon in jungen Jahren zum Arzt berufen“, erzählt der Mediziner. „Menschen medizinisch helfen zu können, ist etwas Wunderbares.“ Bei der Bundeswehr und beim Deutschen Roten Kreuz in Esslingen arbeitete der Schwabe einige Zeit als Rettungssanitäter.

Dann kam die Wende. Kaliski machte im Januar 1982 auf den Philippinen Urlaub. „Fünf Monate später begann ich mit dem Studium, in Englisch, an der St.-Louis-Universität in Baguio“, einer Großstadt 200 Kilometer nördlich von Manila. In den Semesterferien jobbte er nachts in der Gießerei von Daimler-Benz in Stuttgart, um sein Studium mitzufinanzieren.

„Studium und Leben auf den Philippinen sind für Ausländer sehr angenehm“, erzählt Kaliski. Die Einheimischen seien freundlich und hilfsbereit. „Das Vorstudium Biologie schloss ich in Baguio mit cum laude ab. Dann konnte ich sofort mit meinem ersehnten Medizinstudium beginnen.“ Das zentralisierte Staatsexamen machte der Deutsche in Manila. „Mit 32 Jahren war ich Arzt.“ In Baguio lernte Kaliski seine einheimische Frau Zaida kennen, mit der er drei Kinder hat.

80 Praxen gibt es in dem Medical Center. Kaliski will später noch in eines der drei Gemeinschaftslabore im Hause gehen. Und nach der Sprechstunde muss er als offizieller Schweizer Botschaftsarzt noch einen Krankheitsfall evaluieren und Abrechnungen aus der Provinz überprüfen. Ähnliches macht er auch für die Botschaften von Deutschland und Österreich.

Kaliski lehnt sich zurück und schmunzelt wieder: „Ich kann mir die nötige Zeit nehmen bei der Behandlung. Mir klopft keine Krankenkasse auf die Finger wie in Deutschland.“ Seine ausländischen Patienten sind meist ausreichend versichert. Es gibt auch ein staatliches Versicherungssystem, das recht billig ist, aber vergleichsweise wenig Kosten übernimmt.

„Im staatlichen Krankenhaus tun die Ärzte, was sie können“, versichert der Deutsche. Aber die Ressourcen seien sehr knapp. Ein Assistenzarzt verdient hier umgerechnet bis zu 300 Euro, eine Krankenschwester etwa die Hälfte. Ein gutes Einkommen haben nur Ärzte mit eigener Praxis.

„In der staatlichen Klinik kann ein Patient sterben wegen 200 Peso (etwa drei Euro), weil seine Familie die nötige Medizin nicht kaufen kann“, sagt Kaliski. Bis zu 60 Patienten liegen im Großraum. Die Wartezeiten in der Notaufnahme sind lang. Aber das gibt es selbst in den USA und anderswo für nicht privat versicherte Patienten.

„Es ist schön, so zu arbeiten.“ Peter Kaliski praktiziert im Makati Medical Center in einem der Hochhäuser Manilas. Foto: Bernd Kubisch
„Es ist schön, so zu arbeiten.“ Peter Kaliski praktiziert im Makati Medical Center in einem der Hochhäuser Manilas. Foto: Bernd Kubisch
Doch Kaliski und andere Ärzte helfen auch Bedürftigen. „Ich improvisiere viel, mache Charity und in der Pharmaindustrie etliche Gratismedikamente locker“, so der Esslinger. Manchmal fährt er mit Kollegen in seine alte Universität nach Baguio. Dort behandeln die Ärzte arme Bergbauernfamilien, die dafür in die Stadt kommen. Es gibt einige solcher deutsch-philippinischer Initiativen. Das Bergbauernprojekt unterstützen die deutschen Schwestern des St. Scholastica’s Convent in Baguio. Und der German Club in Manila hilft nach den Worten seines Präsidenten Jürgen Warnke Sehschwachen und Blinden der „Heinz Woelke Foundation“.

Kaliski hat auch viel Erfahrung mit Hepatitis, die häufig bei ungeschütztem Sex übertragen wird. „Es gibt zur Behandlung Medikamente. Aber die kann ein normaler Bürger nicht bezahlen“, erklärt der Deutsche. Kondome sind wenig verbreitet. Viele Männer haben ein Macho-Image. Erst langsam wächst in dem vorwiegend katholischen Land das Bewusstsein, wie wichtig Schutz beim Geschlechtsverkehr ist.

Anja Gomm von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Manila sieht generell einige Fortschritte im Gesundheitsbereich. Die GTZ fördert vor allem die soziale Kran­ken­ver­siche­rung und die Verbesserung sozialer Dienste. „Die arme Bevölkerung nutzt vermehrt die ländlichen Gesundheitszentren“, registriert Gomm. Und die Nutzer seien mit der Qualität der Dienste in solchen Zentren zunehmend zufriedener. Die Kran­ken­ver­siche­rungen verzeichneten steigende Mitgliederzahlen, besonders in der ärmeren Bevölkerung. Kontakt: kaliskimedic@yahoo.com, doc_cecile@hotmail.com.
Bernd Kubisch
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