ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2009Musikermedizin: Kreativität und Kunst als Überlebenshilfe

KULTUR

Musikermedizin: Kreativität und Kunst als Überlebenshilfe

Dtsch Arztebl 2009; 106(13): A-617 / B-525 / C-509

Fendel, Martin

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Nur mithilfe der „Überlebenskunst“ war es nach Auffassung von Prof. Reddemann dem Komponisten Ludwig van Beethoven möglich, Musik zu schaffen, die Wege aus dem Leid schafft. Foto: dpa [M]
Nur mithilfe der „Überlebenskunst“ war es nach Auffassung von Prof. Reddemann dem Komponisten Ludwig van Beethoven möglich, Musik zu schaffen, die Wege aus dem Leid schafft. Foto: dpa [M]
Was hält Musiker gesund? Dieser Frage gingen Ärzte und Therapeuten auf einer Tagung in Köln nach.

Wie hoch die berufsbedingten Belastungen bei Musikern sind, wurde in den letzten 20 Jahren immer wieder wissenschaftlich belegt. Im Mittelpunkt des 9. Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM), das vor Kurzem in Köln stattfand, stand die Frage nach den gesundheitsfördernden Aspekten im Musikerberuf und damit die Suche nach gesundheitlichen Ressourcen, die Berufsmusikern zur Verfügung stehen können.

Prof. Dr. med. Luise Reddemann, Klagenfurt/Österreich, richtete ihr Augenmerk auf Künstlerbiografien unter Trauma- und Resilienzgesichtspunkten. Im Zusammenhang mit traumatischen Lebenserfahrungen stellen ihrer Ansicht nach gerade Kreativität und Kunst oft eine Überlebenshilfe dar. An Beispielen von durch Lebensumstände schwer traumatisierten Komponisten oder KZ-inhaftierten Musikern, die den Holocaust überlebten, verdeutlichte sie den Begriff der „Überlebenskunst“ als die Kunst, vom Überleben zu einem sinnerfüllten Leben (zurück-)zufinden. Nur mithilfe dieser Kunst war es beispielsweise Bach, Beethoven oder Schostakowitsch möglich, Musik zu schaffen, die Wege aus dem Leid weist.

Die eigentlichen Ursachen für Gesundheitsstörungen bei Musikern liegen nach Prof. Dr. med. Helmut Möller, Berlin, in den komplizierten Wechselwirkungen zwischen körperlichen Belastungen, instrumentenspezifischen Besonderheiten, den Belastungen durch Perfektions- und Konkurrenzdruck und dem immer stärker werdenden Druck durch Einsparungen im Kulturbetrieb.

Prof. Dr. med. Claudia Spahn, Freiburg, unterstrich den gesundheitsfördernden Wert bestimmter berufsbezogener Einstellungs- und Verhaltensprofile. Dazu gehörten zum Beispiel ein hohes berufliches Engagement in Verbindung mit hoher Widerstandskraft gegenüber Belastungen. Nach einer Erhebung bei Orchestermusikern und Musikstudierenden wiesen diese im Vergleich zu Ärzten beziehungsweise Medizinstudierenden deutlich häufiger ein „positives Gesundheitsprofil“ auf. Dieses werde vielfach ergänzt durch weitere positive Ressourcen. Aus eigenen Erfahrungen am Freiburger Institut für Musikermedizin bestätigte Spahn: „Musiker sind hoch motiviert zur Zusammenarbeit mit musikermedizinisch erfahrenen Ärzten, haben eine sehr hohe Selbstaufmerksamkeit und Lernfähigkeit, sind dankbar für das Einfühlen und spezifische Verständnis für ihre Situation und offen für psychosomatische Zusammenhänge.“

Der gesundheitsfördernden Wirkung des Singens stellte Prof. Dr. med. Bernhard Richter, Freiburg, die hohen Anforderungen gegenüber, die der Beruf des Sängers in allen Stadien eines musikalischen Berufslebens an die physische, psychische und vor allem stimmliche Belastbarkeit stellt. Gerade Letztere ist einem ausgeprägten lebensgeschichtlichen, hormongesteuerten Wandel unterworfen, der sich auf stimmliche Qualität und Fähigkeiten in den verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich stark auswirkt und in der (stimm-)ärztlichen Beratung berücksichtigt werden muss. Für Sänger sei auch eine „vernünftige, proaktive Karriereplanung“ von Bedeutung, um nicht durch stimmliche Überforderung schon in frühen Jahren bleibende Schäden zu riskieren.

„Gänsehautreaktionen“ als Mittel zur Selbstbelohnung
Den physiologischen Effekt einer Ausschüttung von Glückshormonen hob Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller, Hannover, hervor. Dieser „Gänsehaut-Effekt“ sei vermutlich ursprünglich Bestandteil eines lautlichen Kommunikationssystem gewesen, das dazu diente, soziale Bindung zu erzeugen, wichtige Veränderungen der Hörwelt anzuzeigen und durch Ausschüttung von Glückshormonen die Gedächtnisbildung zu unterstützen. Später wurden „Gänsehautreaktionen“ als Mittel zur Selbstbelohnung in der Musik vielfach spielerisch und gezielt eingesetzt.
Dr. med. Martin Fendel

Ein internationaler Kongress für Musikphysiologie und Musikermedizin zum Thema „Musikermedizin – State of the Art“ findet zurzeit (26.–28. März) an der Musikhochschule Freiburg statt. Veranstalter sind die DGfMM in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Institut für Musikermedizin. Informationen: www.dgfmm.org.
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