ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2009Notfallmedizin im Flugzeug: Einsatz über den Wolken

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Notfallmedizin im Flugzeug: Einsatz über den Wolken

Schubert, Wolfgang

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Ein Herzanfall in 12 000 Metern Höhe – die europäischen Fluggesellschaften sind immer noch nicht zur Mitführung eines Defibrillators verpflichtet. Foto: Mauritius Images
Ein Herzanfall in 12 000 Metern Höhe – die europäischen Fluggesellschaften sind immer noch nicht zur Mitführung eines Defibrillators verpflichtet. Foto: Mauritius Images
1.676 „medizinische Zwischenfälle“ weist die Lufthansa-Statistik für das vergangene Jahr aus. Ob ein Arzt an Bord ist, um Hilfe zu leisten, weiß die Fluggesellschaft oft schon anhand der Passagierliste.

Vier Stunden war Lufthansa LH 728 nach Schanghai bereits in der Luft, als in der Economy-Class ein Passagier über starke Schmerzen in Brust und Kiefer klagte. Der Fluggast, ein Veterinärmediziner, sowie die Stewardessen tippten übereinstimmend auf Herzinfarkt. Per Durchsage wurde nach einem Arzt unter den Passagieren gesucht. Erfolglos. Doch das Kabinenpersonal war deshalb nicht hilflos. Über Satellitentelefon wurde eine Verbindung zu „International SOS“ hergestellt. Der weltweit agierende Dienstleister bietet rund um die Uhr ärztlichen Rat und Unterstützung an. In 12 000 Metern Höhe schilderte der Passagier dem Arzt am Boden die Symptome. Der SOS-Arzt riet zu einer außerplanmäßigen Zwischenlandung. Knapp 40 Minuten später landete die Boeing 747 in Ekaterinburg, eine weitere halbe Stunde danach lag der Patient auf der Intensivstation im Herzzentrum der sibirischen Metropole. Die Untersuchung bestätigte einen schweren Herzinfarkt.

Für das vergangene Jahr weist die Lufthansa-Statistik 1 676 „medizinische Zwischenfälle“ an Bord aus. Das Spektrum reicht vom eingequetschten Finger in der Bordtoilette bis hin zum lebensbedrohenden Herzinfarkt. Das häufig beschriebene Thromboserisiko, insbesondere bei Langstreckenflügen, ist wohl eher ein mediales Ereignis als eine medizinische Bedrohung.

Dies bestätigt eine von der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum unter der Leitung von Dr. med. Michael Sand durchgeführte Auswertung von gesundheitsrelevanten Vorkommnissen an Bord von Flugzeugen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass nur in 0,5 Prozent aller Fälle ein Verdacht auf Thrombose vorlag. Die Wissenschaftler hatten 10 189 Notfälle ausgewertet, die zwischen 2002 und 2007 an Bord zweier namentlich nicht genannter Fluggesellschaften registriert worden waren. Thrombosen, vor denen in den Medien immer wieder gewarnt wird, waren mit 47 Fällen die Ausnahme. Spitzenreiter mit 53,5 Prozent waren Ohnmachtsanfälle (5 307), gefolgt von 926 Verdauungsbeschwerden (8,9 Prozent). Die Diagnose Herzanfall wurde in 509 Fällen (4,9 Prozent) gestellt.

Für den unerwartet hohen Anteil der Ohnmachtsanfälle hat Studienleiter Sand neben der selten richtigen Temperatur in der Kabine vor allem eine Erklärung: „Die Leute trinken zu wenig während des Flugs.“ Verantwortlich dafür seien die neuen Geschäftsmodelle der Airlines: „Die sparen inzwischen auch an den Getränken.“

Die relativ häufigen Verdauungsprobleme führt Sand vor allem auf den Luftdruck in der Kabine zurück, der in einer Reiseflughöhe von über 10 000 Metern dem auf einem Berg von 2 400 Metern Höhe entspricht. Dabei, so Sand, dehne sich die im Magen-Darm-Trakt vorhandene Luft aus und führe zu Beschwerden. Hinzu kämen die Folgen des Stresses rings ums Fliegen: „Bei vielen Menschen schlagen eine latente Flugangst und zunehmend auch die Kontrollen an den Flughäfen auf den Magen.“ Eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach hatte schon 1995 ergeben, dass 15 Prozent der Deutschen unter Flugangst leiden und weitere 20 Prozent vom Besteigen der Jets bis zur Landung ein Unbehagen empfinden.

Wie exakt die Diagnose an Bord gestellt und wie wirkungsvoll Erste Hilfe geleistet werden, hängt oft von der Passagierliste ab. Bislang wurde in aller Regel per Lautsprecher nach Ärzten, Rettungssanitätern oder Krankenschwestern gesucht. Doch die Ansage „sollte sich ein Arzt an Bord befinden, melden Sie sich bitte umgehend beim Kabinenpersonal“, wird immer seltener. Denn die Lufthansa weiß immer öfter, ob, und wenn ja, welche Ärzte mit welchen Spezialkenntnissen an Bord sind. Ende 2006 hat das Unternehmen eine Kooperation mit Medizinern ins Leben gerufen, von der beide Seiten profitieren. Wer sich unter Angabe der Fachrichtung registrieren lässt, erhält im Rahmen des Vielfliegerprogramms „Miles & More“ einen Willkommensbonus von 5 000 Meilen. Geben dann eine Ärztin oder ein Arzt bei der Flugreservierung ihre „Miles & More“-Nummer an, erscheinen sie mit ihrer Fachrichtung auf der Passagierliste der Besatzung. So können die Flugbegleiter bei einem Notfall diskret auf einen Arzt zugehen und ihn um Hilfe bitten. „Die Durchsage ‚Ist ein Arzt an Bord‘ und daraus eventuell entstehende Unruhe im Flugzeug entfällt, und Hilfe kann schneller erfolgen“, erläutert der Marketing- und Vertriebsvorstand der Lufthansa, Thierry Antinori, das Konzept. Inzwischen haben 3 500 Ärzte die „Doctor’s Card“ beantragt. Neben den 5 000 Sondermeilen zum Eintritt spendiert die Lufthansa je nach Aufwand einer Hilfeleistung bis zu 3 500 Bonusmeilen und in außergewöhnlichen Fällen auch schon mal einen Freiflug.

Die zunehmende Bereitschaft zur Kooperation der Ärzte hängt wohl auch damit zusammen, dass frühere Bedenken über Schadensersatzansprüche von Passagieren wegen möglicher Behandlungsfehler nach Angaben der Lufthansa ausgeräumt worden sind. „Wir haben Ärzte und fachkundige Laienhelfer im Rahmen einer Haftpflichtversicherung gegen eventuelle Regressansprüche des behandelten Fluggastes abgesichert“, sagt Prof. Dr. med. Uwe Stüben, Leitender Arzt der Lufthansa. Auch die meisten großen ausländischen Fluggesellschaften haben entsprechende Versicherungen abgeschlossen. Zudem muss kein Arzt einen Konflikt mit der Fluggesellschaft befürchten, wenn er wegen des Gesundheitszustands eines Passagiers zu einer außerplanmäßigen und damit teueren Zwischenlandung riet und diese sich danach als überflüssig herausstellen sollte. „Wir werden keinen Arzt deshalb belangen“, verspricht Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty.

Jedes Jahr entschließen sich
Lufthansa-Piloten aus medizinischen Gründen rund 50-mal zur Rückkehr zum Startflughafen oder zu einem Zwischenstopp. Für das Jahr 2008 weist die Lufthansa-Statistik 52 Ausweichlandungen aus; 2007 waren es 54, im Jahre 2000 genau 32. Allerdings flogen 2000 auch nur 46,99 Millionen Menschen mit der Airline. Im vergangenen Jahr dagegen waren es mit 56,44 Millionen fast zehn Millionen mehr. Angesichts der gestiegenen Passagierzahlen ist weder die Zunahme der medizinischen Notfälle an Bord noch die der Ausweichlandungen für Unternehmenssprecher Lamberty besorgniserregend. Die Lage sei „stabil“.

Studienleiter Sand von der Ruhr-Universität ist da weniger gelassen. Ihn habe entsetzt, „wie weich in Deutschland und Europa die rechtlichen Vorgaben für die Notfallausrüstung an Bord von Flugzeugen sind“. Zwar sei das Vorhandensein einer Bordapotheke vorgeschrieben, doch was sie genau enthalten müsse, bleibe offen. „Als schmerzstillendes Mittel kann ich auch Aspirin nehmen“, sagt Sand, „allerdings hilft mir das wenig, wenn ich einen Patienten noch zwei Stunden bis zur Landung versorgen muss.“ Nicht nachvollziehbar sei die Tatsache, dass europäische Fluggesellschaften nicht zur Mitführung eines Defibrillators zwingend verpflichtet sind. Zwar haben renommierte Airlines die Elektroschockgeräte zumindest auf Langstreckenflügen an Bord, doch eine entsprechende Vorschrift gibt es noch immer nicht.
Wolfgang Schubert
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