ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009KV-System in der Krise: Bekannt, doch nicht beliebt

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KV-System in der Krise: Bekannt, doch nicht beliebt

Dtsch Arztebl 2009; 106(14): A-627 / B-535 / C-519

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion
Damit Ihnen nichts fehlt, wenn Ihnen etwas fehlt“ – unter diesem Slogan starteten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) im Sommer 2002 eine Imagekampagne. Der Grund: 80 Prozent der Bundesbürger wussten damals nicht, wofür die Kürzel KBV und KV stehen.

Das hat sich in den letzten Monaten erheblich geändert. Das KV-System sei in der Öffentlichkeit so präsent wie nie zuvor, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, auf der Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) am 26. März (Bericht in diesem Heft). Allerdings um den Preis, dass man möglicherweise „von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird als eine Gruppe, die nur noch an das liebe Geld denkt und die Versorgung der Patienten vernachlässigt“. Wenn es so weitergehe, werde „Regelleistungsvolumen“ noch zum Unwort des Jahres, spottete Köhler.

Mehr zu spaßen gibt es derzeit nicht. Die massiven Proteste, die die Umsetzung der Honorarreform begleiten, haben das ganze KV-System in eine Krise gebracht. Oder genauer gesagt: die Krisensymptome noch verschärft. Und eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Immer schwieriger ist der Spagat hinzubekommen, einerseits übergeordnete Interessen zu verfolgen sowie staatliche Vorgaben umzusetzen und andererseits die Interessen der niedergelassenen Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten zu vertreten, die dazu noch inhomogen sind. Die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung ist aber überzeugt, dass etwas fehlen würde, wenn es KBV und KVen nicht mehr gäbe. Sie unterstützte Köhlers Forderung, der Krise vereint und mit Selbstbewusstsein zu begegnen, die er so begründete: „Wir haben gute Konzepte, wir haben eine enorme Erfahrung, wir haben gute Leute.“

Köhler weiß jedoch, dass das nicht reicht. In Form eines 14-Punkte-Katalogs verlangt die VV deshalb, dass die künftige Bundesregierung handelt: Ein ungeteilter Sicherstellungsauftrag und größere Spielräume für die ärztliche Selbstverwaltung, beispielsweise bei der Honorarverteilung, werden eingefordert. Beides wird nur schwer zu erreichen sein.

Geschlossen für die eigenen Interessen zu kämpfen, ist ein dauerhafter Wunsch der Vertragsärzte. Er scheitert jedoch immer wieder an Partikularinteressen. Damit wird das System leben müssen. Allenfalls interessante neue Konzepte und Verträge werden Gegner und Kritiker einbinden können – aber nicht alle. Viele Hausärzte beispielsweise erwärmen sich längst für ein System neben dem System.

Und auch eine neue Bundesregierung wird sich nicht ohne Weiteres davon überzeugen lassen, den Ärzten wieder mehr Freiräume zuzugestehen. Dass die Mediziner im Land so ungleich verteilt sind, die sektorenübergreifende Versorgung noch nicht funktioniert oder zu wenig Erkenntnisse über manche Therapien vorliegen, wird den Ärzten angekreidet. Die KVen verweisen zu Recht auf die Mitverantwortung der Krankenkassen und der Politik. Das nutzt den Ärzten aber wenig: Sie werden als Hauptverantwortliche wahrgenommen, weil sie am dichtesten an den Patienten dran sind und sich zudem als deren Fürsprecher verstehen.

Was immer die KVen in nächster Zeit unternehmen, ein Spagat wird es bleiben. Sie müssen auf die Kritik und den Zorn ihrer Mitglieder reagieren und die Politik davon überzeugen, dass sie Zukunftslösungen parat haben. Und sie müssen sich beeilen. Wenn ihre Budgets erst in nennenswertem Umfang bereinigt werden, beispielsweise wegen der Hausarztverträge nach § 73 b SGB V, fehlt etwas: erst das Geld. Und dann die guten Leute.
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