ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1997Kraftfahreignung - ein Problem in der ärztlichen Praxis: Neue Begutachtungs-Leitlinien „Krankheit und Kraftverkehr“

MEDIZIN: Kurzberichte

Kraftfahreignung - ein Problem in der ärztlichen Praxis: Neue Begutachtungs-Leitlinien „Krankheit und Kraftverkehr“

Friedel, Bernd; Lewrenz, Herbert; Lappe, Edith

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LNSLNS Das Problem, wie der Arzt seinen Patienten hinsichtlich der Teilnahme am Straßenverkehr beim Vorliegen bestimmter Erkrankungen, Leiden oder Therapien beraten soll, stellt sich in der täglichen ärztlichen Praxis immer wieder. Bestehen nämlich Beeinträchtigungen und damit ärztlicherseits Bedenken gegen die Fahreignung eines Patienten, so hat der Arzt dieses dem Patienten mitzuteilen, wobei eine entsprechende Dokumentation erfolgen muß.
Anderenfalls läuft der Arzt Gefahr, daß später Haftungsansprüche gegen ihn erhoben werden, wenn dieser Patient einen Unfall verschuldet hat. Dann wird man nämlich damit rechnen müssen, daß der Patient versuchen könnte, die Schuld mit der Begründung an seinen Arzt weiterzugeben, daß dieser ihn auf die Beeinträchtigung hätte aufmerksam machen müssen. Vor diesem Hintergrund ist es für den Arzt wichtig zu wissen, wann er seinen Patienten auf die eingeschränkte oder aufgehobene Fahreignung aufmerksam machen muß. Hierzu liefern die neuen Begutachtungs-Leitlinien umfassende Aussagen. Ferner können diese Leitlinien ihm aber auch helfen, daß Problem seinem Patienten besser verständlich zu machen, da es sich eben gerade nicht um eine persönliche Meinung seines Arztes, sondern um mit den medizinischen Fachgesellschaften abgestimmte Leitlinien handelt.
Dies gilt um so mehr, als die Begutachtungs-Leitlinien "Krankheit und Kraftverkehr" eine Orientierungshilfe für Gutachter sind und darüber hinaus eine wichtige Entscheidungshilfe für Verwaltungsgerichte und Behörden. Sie sind vom Gemeinsamen Beirat für Verkehrsmedizin beim Bundesministerium für Verkehr und beim Bundesministerium für Gesundheit erstmals 1973 als Gutachten "Krankheit und Kraftverkehr" publiziert worden (siehe Dt Ärztebl 1993; 90: A1-2534-2537 [Heft 39]).
Die Anordnung eines Gutachtens kann - unter anderem - bei Zweifeln der Verwaltungsbehörde an der Eignung von Fahrerlaubnisinhabern erfolgen (§ 15 b Straßenverkehrszulassungsordnung [StVZO]). Für die Anforderung und Verwertung von Gutachten hat das Bundesministerium für Verkehr erstmals 1983 Richtlinien für die Prüfung der körperlichen und geistigen Eignung (sogenannte Eignungsrichtlinien) erlassen. Nach diesen Richtlinien legt die Verwaltungsbehörde die Fragestellung konkret fest und weist darauf hin, daß die Einzelfallbegutachtung unter Berücksichtigung des Gutachtens "Krankheit und Kraftverkehr" abzugeben ist und daß bei Abweichungen von diesem Gutachten die dafür maßgebenden Gründe darzulegen sind.
In Anbetracht der Übernahme der 2. EG-Führerscheinrichtlinie und des Anhangs III "Mindestanforderungen hinsichtlich der körperlichen und geistigen Tauglichkeit für das Führen eines Kraftfahrzeugs" in das innerstaatliche Recht wurde in der 26. Sitzung des Gemeinsamen Beirats für Verkehrsmedizin am 26. Mai 1993 in Bonn beschlossen, das Gutachten zu aktualisieren. Der Titel wurde in "Begutachtungs-Leitlinien Krankheit und Kraftverkehr" geändert. Der fünften Auflage des Gutachtens hat der Beirat für Verkehrsmedizin am 28. Juni 1995 zugestimmt.
Sie ist erschienen bei der Köllen Druck und Verlag GmbH, Postfach 41 03 54, 53025 Bonn, und kann von dort bezogen werden.


Änderungen
Die vierte Auflage des Gutachtens "Krankheit und Kraftverkehr" mit einer umfassenden Abhandlung aller für die Kraftfahreignung wesentlichen Krankheiten und Leiden hat sich bewährt. Änderungen wurden nur insoweit aufgenommen, als sie durch den Fortschritt der Medizin notwendig wurden beziehungsweise die zweite EGRichtlinie Änderungen erforderte. Die Aktualisierung der medizinischen Grundlagen der Begutachtungsleitsätze wurde - wie bei den vorangegangenen Auflagen - vorbereitet, indem alle relevanten medizinischen Fachgesellschaften und die Bundes­ärzte­kammer angeschrieben und gebeten wurden, ihnen notwendig erscheinende Änderungen oder Ergänzungen der bisherigen Begutachtungsgrundsätze vorzuschlagen. Diese Vorschläge sind dann in einzelnen Arbeitsgruppen ausführlich beraten und schließlich im Plenum des Beirats für Verkehrsmedizin abschließend erörtert worden.
Die wesentlichen Änderungen gegenüber der vierten Auflage beziehen sich auf die Beurteilung
1 der Anfallsleiden (zum Beispiel Risikobeurteilung, Stellung EEG)
1 der affektiven Psychosen (zum Beispiel differenzierte Beurteilungen von depressiven und manischen Phasen)
1 der schizophrenen Psychosen (zum Beispiel Beurteilung nach Ablauf der akuten Phase)
1 Sucht (weitgehend neue Formulierung auf der Grundlage der Suchtdefinition der ICD-10) 1 Drogen (zum Beispiel Beurteilung von Methadonpatienten)
1 Herzrhythmusstörungen (zum Beispiel eines Kardioverters/Defibrillators)
1 Zuckerkrankheit (insulinpflichtige Diabetiker)
1 Erkrankungen der Bronchien/Lungen (zum Beispiel Schlafapnoe).


Schlußfolgerung
Die neuen Begutachtungsleitlinien "Krankheit und Kraftverkehr" bringen nicht nur eine Angleichung der vierten Auflage des Gutachtens "Krankheit und Kraftverkehr" an den Text und die Systematik der zweiten EGRichtlinie, sondern sie bringen eine Reihe wichtiger neuer Beurteilungshinweise entsprechend dem Fortschritt der Medizin in Diagnostik und Therapie. Der praktizierende und begutachtende Arzt findet in den Begutachtungs-Leitlinien eine auf den neuesten Stand gebrachte zusammenfassende Darstellung des wichtigen Themenkomplexes Krankheit und Kraftverkehr.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-1359-1360
[Heft 20]


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Bernd Friedel
Bundesanstalt für Straßenwesen
Brüderstraße 53
51427 Bergisch Gladbach


Bundesanstalt für Straßenwesen (Direktor: Prof. Dr. med. Bernd Friedel), Bergisch Gladbach

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