ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009Interview mit Dr. med. Monika Hauser, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Medica mondiale: „Wir sehen das halb volle Glas“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Monika Hauser, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Medica mondiale: „Wir sehen das halb volle Glas“

Dtsch Arztebl 2009; 106(14): A-634 / B-542 / C-526

Korzilius, Heike

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Trägerin des alternativen Nobelpreises: Monika Hauser ist Gynäkologin. Unter dem Eindruck des Bosnienkrieges gründete sie 1993 Medica mondiale.
Trägerin des alternativen Nobelpreises: Monika Hauser ist Gynäkologin. Unter dem Eindruck des Bosnienkrieges gründete sie 1993 Medica mondiale.
Seit 15 Jahren setzt sich Medica mondiale für Frauen und Mädchen in Kriegsgebieten ein, die sexualisierte Gewalt erlitten haben. Wichtig ist Gründerin Monika Hauser der feministische Ansatz.

Frau Dr. Hauser, Sie haben im vergangenen Herbst für Ihren Einsatz für kriegstraumatisierte Frauen den alternativen Nobelpreis erhalten. Hat das Ihre Arbeit verändert?
Hauser: Der Preis hat sehr viel Medienaufmerksamkeit gebracht. Seit letztem Oktober gebe ich fast non-stop Interviews. Diese Aufmerksamkeit ist für uns eine einmalige Chance. Denn unser Thema ist nach wie vor ein Tabu. Man möchte sich mit Kriegsvergewaltigungen und sexueller Gewalt gegen Frauen nicht beschäftigen. Ich hoffe, dass wir durch diesen Preis jetzt auf offenere Ohren stoßen. Man kann mich nicht mehr so einfach abweisen wie vorher. Das ist das Gute.

Wie reagieren deutsche Politiker auf Ihre Lobbyarbeit?
Hauser: Ich habe Frau Merkel und Herrn Steinmeier sehr konkret aufgefordert, die UN-Resolution 1820 politisch ernst zu nehmen. Diese brandmarkt endlich Kriegsvergewaltigungen als schwere Kriegsverbrechen und ermöglicht ein Eingreifen zum Schutz der Frauen. Am Beispiel des Kongo hätte man jetzt beweisen können, dass es einem damit ernst ist. Dort werden jede Woche rund 100 Frauen und Mädchen vergewaltigt. Aber nichts passiert.

Sie haben auch den Internationalen Strafgerichtshof heftig für seinen Umgang mit vergewaltigten Frauen kritisiert.
„Unser Thema ist nach wie vor ein Tabu. Man möchte sich mit Kriegsvergewaltigungen nicht befassen. “ Fotos: Eberhard Hahne
„Unser Thema ist nach wie vor ein Tabu. Man möchte sich mit Kriegsvergewaltigungen nicht befassen. “ Fotos: Eberhard Hahne
Hauser: Die Zeuginnen werden von der Anklage oft als lebendes Beweismaterial benutzt. Häufig werden sie aufgrund ihrer Traumatisierung als nicht glaubwürdig eingestuft und müssen erneut ins Kreuzverhör gehen. Ein Richter, ein Anwalt oder ein Staatsanwalt muss damit rechnen, dass eine Zeugin sich eventuell widerspricht und nicht alles detailgerecht präsent hat. Das liegt in der Natur von schwerer Traumatisierung. Es ist sozusagen eine Gnade der Seele, dass traumatisierte Menschen manches vergessen. Wir werfen dem Tribunal vor, dass es keine speziellen Konzepte für weibliche Überlebende von Genozid hat, die fast alle schwer traumatisiert sind. Interessanterweise ist das Problem der Glaubwürdigkeit bei schwer traumatisierten männlichen Zeugen nie beanstandet worden.

Ihr Ansatz ist ja, dass betroffene Frauen neben der medizinischen und psycho-sozialen Betreuung auch das Gefühl haben müssen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Die juristische Unterstützung ist deshalb einer Ihrer Schwerpunkte in Ihrem Afghanistan-Programm. Warum ist das so wichtig?
Hauser: Das Projekt in Afghanistan ist unser größtes. Unsere einheimischen Juristinnen betreuen Frauen, die wegen sogenannter moralischer Verbrechen – darunter vermeintlicher Ehebruch oder die Flucht vor einer Zwangsverheiratung – angeklagt sind. Wir versuchen dort seit vier Jahren, ein bisschen Gerechtigkeit für Frauen zu schaffen, und haben durchaus auch Siege errungen. Wir haben es zum Beispiel geschafft, in Kandahar einen Mann für ein halbes Jahr hinter Gitter zu bringen, weil er seine Frau fast totgeschlagen hat. Es war revolutionär, dass der Richter der Logik unserer Anwältin gefolgt ist. Was meinen Sie, welche Signalwirkung das für die Frauen hat?! Straflosigkeit ist nicht normal. Von seinem Mann fast totgeschlagen zu werden, ist nicht normal. Dass der Täter nach ein paar Wochen von seiner Familie freigekauft wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Welche Reaktionen gibt es, wenn Sie versuchen, in Ländern wie Afghanistan das Tabu sexualisierte Gewalt zu brechen?
Hauser: Unterschiedliche, auch positive. Das fällt mir in den Krankenhäusern immer wieder auf. Die Ärzte sagen erst einmal: „Über Trauma wollen wir nichts hören. Wir brauchen gute gynäkologische Ultraschallgeräte.“ Doch wenn wir auf dem Thema bestehen, haben wir schon erlebt, dass sie anfangen zu weinen und sagen: „Ich habe 20, 30 Kriegsjahre hinter mir. Ich wusste oft nicht, ob, wenn ich abends nach Hause komme, meine Familie noch vollzählig am Tisch sitzt. Und wenn ich mit Ihnen jetzt spreche, dann spüre ich die Verrohung, die ich selbst erlebt habe.“ Die Männer sind ja selbst schwer traumatisiert, sei es als Täter oder als Opfer.

Wir appellieren immer wieder an internationale Organisationen, dass sie mit den Männern arbeiten müssen, wenn wir den Zyklus der Gewalt in diesen Ländern durchbrechen wollen. Dazu gehört auch das Thema der generationsübergreifenden Traumatisierung. Denn die Menschen geben die Traumata, die sie erleben, eins zu eins an die nächste Generation weiter, wenn sie nicht die Chance haben, sie zu verarbeiten.

Als Sie vor 15 Jahren angefangen haben, stand da die Menschenrechtsarbeit schon so im Vordergrund Ihrer Arbeit wie heute?
Hauser: Vielleicht nicht so explizit wie heute. Aber das eine ohne das andere ist für mich nicht zulässig. Allein der karitative Weg ändert langfristig nichts.

Die Projekte in Bosnien und im Kosovo, mit denen alles begann, arbeiten inzwischen selbstständig. Afghanistan ist ein neuer Projekt-Schwerpunkt. Sie sind aber auch in Liberia tätig, wo bis 2003 ein Bürgerkrieg tobte.
Hauser: In Liberia stehen wir vor großen Herausforderungen. Ungefähr 90 Prozent aller Frauen in Liberia sind während der 14 Kriegsjahre vergewaltigt worden. Und diese Gewalt setzt sich in der Nachkriegszeit fort, so, als wäre es normal, Frauen sexuell auszubeuten. Wir haben in Fish Town, mitten im Regenwald, ein Frauenzentrum aufgebaut. Die Frauen finden dort einen geschützten Ort und qualifizierte Ansprechpartnerinnen. Wir verwenden sehr viel Energie und Ressourcen auf die Fortbildung von einheimischen Fachfrauen. Sie sind glaubwürdig und authentisch, weil sie oft die gleichen Erfahrungen gemacht haben wie ihre Klientinnen.

Mit Ihrer Kampagne „Zeit zu sprechen“ vor zwei Jahren haben Sie auf ein deutsches Tabu aufmerksam gemacht: die Frauen, die im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden.
Hauser: Das Problem betrifft heute unter anderem Ärzte und Pflegepersonal in Heimen und Krankenhäusern. Mir hat einmal eine Heimbewohnerin erzählt, wie schrecklich es für sie war, als ein russischer Pfleger zu ihr kam und sie waschen sollte. Als sie seinen Akzent hörte, wäre sie am liebsten gestorben.

Das ist kein Thema, das in den Medien diskutiert wird. Das ist kein Thema, das im Medizinstudium, in der Weiterbildung zum Facharzt oder in der Pflegeausbildung vermittelt wird. Die vergewaltigten Frauen kamen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht vor. Deshalb ist es wichtig, den Bogen von dort aus nach Bosnien, Afghanistan und in den Kongo zu spannen.

Nun sind Sie in Ländern tätig, in denen Sie wie in Afghanistan mit ihren feministischen Thesen das Gesellschaftssystem infrage stellen. Wie steht Medica mondiale zur häufig beschworenen kulturellen Autonomie?
Hauser: Da lassen wir uns von unseren afghanischen Kolleginnen leiten, die sagen: „Das ist nicht unsere Kultur, das ist die Kultur der Männer. Es ist nicht unsere Kultur, wenn zehn- oder elfjährige Mädchen für ein paar Euro zwangsverheiratet werden oder junge Mädchen sich selbst verbrennen, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, um einer Zwangsverheiratung zu entgehen.“ Wir unterstützen diese Frauen mit Geld und Fachwissen, aber sie bestimmen das Tempo.

Ist es für Sie schwierig, einheimische Unterstützerinnen zu finden? Denn die Gesellschaften, in denen Sie arbeiten, sind zum Teil sehr repressiv. Das macht es gefährlich für die Frauen.
Hauser: Das stimmt. Aber ich sage Ihnen, Frauenrechtsarbeit ist überall gefährlich. Vielleicht nicht immer lebensgefährlich, aber sie erfordert Mut. Natürlich gibt es Widerstand, aber das sind wir gewohnt. Wir sehen das halb volle Glas und die Erfolge, nämlich die gestärkten Frauen. Das gibt allen Kraft weiterzuarbeiten.
Die Fragen stellte Heike Korzilius.
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