ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009Netzwerk für evidenzbasierte Medizin: „Sparentscheidungen waren nicht der beste Rückenwind“

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Netzwerk für evidenzbasierte Medizin: „Sparentscheidungen waren nicht der beste Rückenwind“

Rieser, Sabine

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„Evidenz und Entscheidung: System unter Druck“ lautete das Thema der Frühjahrstagung des Deutschen Netzwerks für evidenzbasierte Medizin. Dabei ging es unter anderem um den Wissenstransfer zum Nachwuchs.

Glückliches Amerika, mag mancher Streiter für die evidenzbasierte Medizin (EbM) kürzlich gedacht haben. In den Vereinigten Staaten sollen 1,1 Milliarden US-Dollar aus dem Konjunkturprogramm für die vergleichende Nutzenbewertung medizinischer Maßnahmen ausgegeben werden. Das berichtete unlängst das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Hierzulande beschränkt sich die konjunkturpolitisch motivierte Stimulation bislang im Wesentlichen darauf, den Beitragssatz für gesetzlich Krankenversicherte zu senken und Krankenhausinvestitionen in Infrastruktur zu fördern. Für die Versorgungsforschung oder vergleichende Nutzenbewertungen sind keine Staatsgelder eingeplant.

Dennoch: Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, Prof. Dr. Edmund Neugebauer, ist nicht unzufrieden. „In aller Bescheidenheit dürfen wir für uns in Anspruch nehmen, dass wir in zehn Jahren zu einem grundlegenden Wandel im Verständnis guter medizinischer Versorgung beigetragen haben“, sagte er anlässlich der Frühjahrstagung in Berlin. Längst gehe es nicht mehr darum, Konzepte und Methoden aus dem englischen Sprachraum zu verbreiten und weiterzuentwickeln: „Heute sehen wir unseren Fokus in der Unterstützung der Umsetzung evidenzbasierter Erkenntnisse in den klinischen und den Praxisalltag.“

Dabei will das Netzwerk aber den Eindruck vermeiden, dass evidenzbasierte Medizin vor allem dazu dient, Therapien zu verweigern. „Einer möglichen Einschränkung des Zugangs zu medizinisch nützlichen Leistungen werden wir uns widersetzen“, betonte Neugebauer. Einen Beitrag zur notwendigen Priorisierung werde man aber leisten.

Prof. Dr. med. Günter Ollenschläger, Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin, stimmte dem zu. „Manche Sparentscheidungen waren nicht der beste Rückenwind für EbM“, konstatierte Ollenschläger, einer der ersten Mitglieder im Netzwerk. Die „Institutionalisierung“ von EbM stelle ein Problem dar, denn eigentlich seien die Erkenntnisse der evidenzbasierten Medizin immer als Entscheidungshilfe für den individuellen Arzt-Patienten-Kontakt gedacht gewesen.

So ist es schlüssig, dass das Netzwerk sich im Verlauf der Tagung unter verschiedenen Aspekten mit Patientenbedürfnissen befasste. „Wir brauchen Informationen über den subjektiven Bereich“, befand beispielsweise Prof. Dr. med. David Klemperer von der Fakultät für Sozialwissenschaften der Hochschule Regensburg. Es gebe in England bereits eine Datenbank, in der Informationen zu Patientenerfahrungen systematisiert erfasst seien.

Klemperer verwies darüber hinaus auf ein neues Grundsatzpapier „Gute Praxis Gesundheitsinformation“ (www.dnebm-patienteninformation.de) und einen neuen Ratgeber zu individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Ihn hat das Netzwerk in Zusammenarbeit mit Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung herausgegeben (www.aezq.de).

Die Kongressteilnehmer befassten sich aber auch mit der Frage, wie man EbM-orientiertes Handeln frühzeitig dem ärztlichen Nachwuchs vermitteln könne. Dr. Katja Suter-Zimmermann vom Institut für Klinische Epidemiologie am Universitätsspital Basel, Schweiz, betonte, dazu sei ein enger Bezug der Inhalte zum Alltag der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung notwendig. Dabei stünden Weiterbilder vor der Herausforderung, geeignete Situationen zu identifizieren, um einzelne Schritte der EbM zu vermitteln.

Im Rahmen eines Berufsbildungsprogramms der Europäischen Union wurde deshalb von erfahrenen Trainern ein Online-EbM-Basiscurriculum entwickelt, das in deutscher Übersetzung verfügbar ist (www.ebm-unity.org). Es soll Oberärzten helfen, ihre Assistenzärzte in EbM zu schulen. Enthalten sind klassische Lern- und Anleitungssituationen, vor allem in Form authentischer Videos, dazu Tipps zur Anleitung und Hinweise auf praxistaugliche Hilfsmittel und Links.
Sabine Rieser

800 im Netz
„Letztlich ist das Netzwerk dazu da, Wissen, das in der Community besteht, an den Patienten zu bringen.“ In diesem knappen Satz hat Prof. Dr. Edmund Neugebauer während der Frühjahrstagung in Berlin die Aufgabe des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e.V. zusammengefasst, dessen Vorstandsvorsitzender er ist.
Gegründet wurde das Netzwerk 1998. Mittlerweile verfügt es über rund 800 Mitglieder, angefangen bei A wie AOK Bundesverband oder Ärztliches Zentrum für Qualität über B wie Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung bis Z wie Zahnärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung. Weitere Infos zum Netz sowie Details zu den Vorträgen der Frühjahrstagung unter: www.ebm-netzwerk.de.
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