SUPPLEMENT: Reisemagazin

Osterinsel: Die Magie von Rapa Nui

Diemar, Claudia

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LNSLNS Man kann über die einsamste Insel der Welt staunen, von ihr berührt werden, aber wirklich verstehen kann man sie nicht.

Foto: Claudia Diemar
Foto: Claudia Diemar
„Loriot“, sagt jemand, „schaut doch nur diese geschürzten Lippen an!“ Aber derlei Sprüche sind nur der alberne Versuch, die Überwältigung zu überspielen. Was aus der Ferne wie Felsfindlinge aussah, sind in Wirklichkeit Riesen. „Moai“ heißen die tonnenschweren Figuren mit den übergroßen Köpfen. Natürlich hat man die Giganten schon auf Bildern gesehen. Und doch weiß man erst in dem Moment, in dem man wie ein Zwerg vor ihnen steht, dass sich die weite Reise gelohnt hat. Ihr Anblick macht atemlos. Fast 400 Kolosse sind allein am Krater Rano Raraku zu finden, wo die Werkstatt der Steinmetze lag, wo die haushohen Stelen aus dem Tuff gehauen wurden. So erklärt es Uri, unsere Reiseführerin, eine junge Frau, die aussieht wie eine Südseeprinzessin und wie die anderen Einheimischen ihr Eiland „Te Pito o te Henua“ nennt, den „Nabel der Welt“.

Als die Hochkultur noch in Blüte steht: Im 18. Jahrhundert entdecken europäische Seefahrer die Osterinsel. Foto: picture-alliance/akg-images
Als die Hochkultur noch in Blüte steht: Im 18. Jahrhundert entdecken europäische Seefahrer die Osterinsel. Foto: picture-alliance/akg-images
Die Osterinsel ist die einsamste Insel der Welt. 3 700 Kilometer liegt sie vom chilenischen Festland entfernt im Stillen Ozean, ein Felsdreieck vulkanischen Ursprungs, kaum 170 Quadratkilometer groß. Rapa Nui heißt sie in der Sprache ihrer Einwohner, die mit dieser Bezeichnung auch sich selbst sowie ihre Sprache benennen.

Gleich hinter den letzten Häusern und Hütten der einzigen Siedlung Hanga Roa beginnt die Grassteppe, durchsetzt von Gesteinsbrocken, entfernt an Irland und Schottland erinnernd. Bald machen wir die Küste aus, von Basaltsäulen und chaotischem Schlackengekröse gesäumt, gegen das der Pazifik ungestüm anbrandet. Es gibt auf Rapa Nui nur zwei Sandbuchten, die zum Baden taugen. Warum also, denkt man für einen Augenblick, ist man fast um den halben Erdball geflogen, um diese Insel zu sehen? Dann aber tauchen die Giganten auf, und jeder Zweifel verfliegt. Das mit Loriot ist sowieso Unsinn. Von wegen Knollennasen – die Kolosse tragen mächtige, lange Zinken in ihren rauen Steingesichtern. Ihre Augenhöhlen sind leer, und doch scheinen einem ihre Blicke überallhin zu folgen.

Giganten aus Stein:Wie einst schauen die Moai zur Inselmitte, als wollten sie über die Bewohner wachen. Foto: Laif
Giganten aus Stein:Wie einst schauen die Moai zur Inselmitte, als wollten sie über die Bewohner wachen. Foto: Laif
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Forscher nehmen an, dass Rapa Nui zwei Besiedelungswellen erlebt hat, die erste zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert. „Langohren“ nennt die Mythologie diese Urväter, ihrer durch Holzpflöcke vergrößerten Ohrläppchen wegen. Irgendwann zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert landet ein weiterer polynesischer Stamm auf der Insel, Auswanderer von den Marquesasinseln, die wegen der fehlenden Körperdeformierung „Kurzohren“ genannt werden. Mehrere hundert Jahre lebten die beiden Volksgruppen kooperativ zusammen. Vielleicht haben sie ihre Rivalitäten durch gegenseitiges Übertrumpfen bei der Schaffung von Steinfiguren ausgetragen. Nicht nur Moai entstanden zu Hunderten, auch Felszeichnungen und hölzerne Schrifttafeln, die bis heute Rätsel aufgeben.

Anakena Bucht: Schaffenswahn der Steinmetze. Foto: picture alliance/Bildagentur Huber
Anakena Bucht: Schaffenswahn der Steinmetze. Foto: picture alliance/Bildagentur Huber
Als der holländische Kapitän Jacob Roggeveen am Ostersonntag des Jahres 1722 ein Eiland vor sich aus dem Pazifik auftauchen sieht, nennt er es kurzerhand „Osterinsel“. Roggeveen erlebt die Insel, als ihre Hochkultur noch in Blüte steht. 50 Jahre später ist alles anders. Als Captain Cook 1774 landet, liegen die Moai umgestürzt und teilweise zerschmettert am Boden. Cook beschreibt die wenigen verbliebenen Einwohner als „klein, mager, ängstlich und elend“.

Was war passiert? Niemand kennt den Anlass für den Krieg der beiden Volksstämme. Jedenfalls wurden die Langohren bis auf den letzten Mann vernichtet und die Skulpturen von ihren Sockeln gerissen, als sollte damit der Schaffenswahn der Steinmetze auch symbolisch beendet werden. Ohnehin konnte man nicht mehr weiterwerkeln, weil sämtliche Palmen sowie sonstige Großgehölze inzwischen gefällt waren. Alle sind nun ausgerottet. Doch es kommt noch schlimmer. Menschenjäger vom südamerikanischen Festland laufen die Insel an, verschleppen fast alle männlichen Bewohner, die nach Tahiti und Südamerika deportiert und als Arbeitssklaven verhökert werden. Rapa Nui „verlor sein kollektives Gedächtnis“, wie René Oth in seinem Buch „Völker der Sonne“ feststellt. Der Rest der Tragödie ist schnell erzählt. 1888 annektiert Chile die Insel, doch erst 1965 werden aus den Rapa Nui chilenische Staatsbürger mit allen Rechten.

Am Rano Raraku: den Schritt dem Rhythmus der Südsee angepasst. Foto: Claudia Diemar
Am Rano Raraku: den Schritt dem Rhythmus der Südsee angepasst. Foto: Claudia Diemar
Der Verlust der Erinnerung erschwert bis heute den Wissenschaftlern die Arbeit und bremst die Reisenden in ihrer Neugier. Man kann über die Insel staunen, von ihr berührt werden, aber man kann sie ebenso wenig verstehen wie den Rhythmus und das Lebensgefühl ihrer Bewohner. Längst haben wir beim Wandern unseren forschen Schritt Uris gemächlichem Schlendern angepasst. Später, als wir längst abgereist sind, spüren wir, dass die Momente, in denen wir müßig dem heranrollenden Ozean entgegen trödelten, auf die Kraterseen oder auf die Pferde blickten, die zu Hunderten frei herumstreifen, die besten Augenblicke der Reise gewesen sind.

Wenig nur reißt Uri und ihren Kollegen Yoyo aus ihrer Gelassenheit. „Don’t step on the Ahu“, herrschen sie einmal Touristen an, die eine der heiligen Plattformen betreten wollen. Überall findet man diese an Inkabauwerke erinnernden gigantischen Altäre. Auf vielen von ihnen erheben sich ganze Gruppen von Moai. Viel Arbeit und schweres Gerät hat es gebraucht, die samt und sonders gestürzten Kolosse wieder auf ihre Positionen zu bringen. Wie einst schauen die Steinriesen zur Inselmitte, als wollten sie über die Bewohner wachen und deren Schicksal nicht aus dem Blick verlieren. Claudia Diemar

Informationen:
Unterkunft: Quartiere bei Privatvermietern und in Pensionen gibt es ab circa 30 US-Dollar pro Person und Nacht. Schön ist das Hotel „Hostal Pedro Atan“ oder das „Otai-Hotel“. Eine Top-adressse für solvente Reisende ist das kleine und sehr gut geführte Explora-Hotel „Casa Rapa Nui“, www.explora.com.

Pauschalreisen: Verschiedene Spezialveranstalter bieten Aufenthalte auf Rapa Nui im Anschluss an Chile-Rundreisen an. Bei „Windrose“ kosten drei Nächte im Explora-Hotel mit Vollpension und Exkursionen 1 596 Euro pro Person (günstiger als die direkte Buchung bei Explora), Telefon: 0 30/20 17 21-0, Internet: www.windrose.de.

Auskünfte im Internet unter www.chileinfo.de sowie www.osterinsel-info.de.

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