SUPPLEMENT: Reisemagazin

Neuseeland: Mitten durchs Herz

Howest, Markus

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LNSLNS Im Zug von Wellington nach Auckland ist der Weg das Ziel, und die atemberaubende Landschaft ist steter Gast im Abteil.

Unterwegs im „Overlander“: auf 650 Kilometern feinste optische Leckerbissen. Fotos: Tranz Scenic
Unterwegs im „Overlander“: auf 650 Kilometern feinste optische Leckerbissen. Fotos: Tranz Scenic
Pünktlich um 7.25 Uhr setzt sich die Lokomotive ruckelnd in Bewegung. Wie jeden Morgen startet der Overlander von Wellington nach Auckland, gut 650 Kilometer in zwölf Stunden – through the heart of the country, durch das Herz des Landes, wie der ausliegende Werbeprospekt verheißt. Genauer gesagt führt die Strecke durch den Großteil der Nordinsel.

Einfach nur Stress? Weit gefehlt, denn hier wird Zugfahren zelebriert. Man fühlt sich in eine Zeit zurückversetzt, als die Reise noch das Ziel war. Höchst ausführlich beschreibt der Zugbegleiter den Reiseverlauf, flachst herum, kümmert sich um die Gäste. „Es ist wie vor einer großen Premiere im Theater“, kommentiert eine junge Britin treffend. Die Fenster sind ausladend groß, die Sitze gut gepolstert, und die Beinfreiheit kann mit jedem Konzertsaal konkurrieren.

Grüne Hügel,Wiesen, weidende Schafe: ein Ausschnitt aus dem Panorama, das der „Overlander“ durchquert
Grüne Hügel,Wiesen, weidende Schafe: ein Ausschnitt aus dem Panorama, das der „Overlander“ durchquert
Als Ouvertüre steht heute ein perfekter Sonnenaufgang auf dem Programm. Hinter den Bergen im Osten steigt der Feuerball langsam empor und taucht die Seenlandschaft um Wellington in ein rötlich warmes Licht. Die Fahrgäste räkeln sich und schlürfen genüsslich ihren Kaffee. Abrupt endet die Romantik, als der Overlander für viereinhalb Kilometer in einem Tunnel verschwindet. Dann aufatmen, endlich präsentiert die sanfte Hügellandschaft dem Auge wieder feinste optische Leckerbissen. Entlang des Tasmansees mit Blick auf das Naturreservat der Kapitiinseln bahnt sich die Diesellok ihren Weg Richtung Norden. Das frühe Sonnenlicht verwandelt die Landschaft in eine Märchenwelt. Kurz vor Paraparaumu, wo die Strände besonders schön sind, pfeift die Lok und kündigt ihre Ankunft an. Eine Handvoll Touristen besteigt den Zug, der langsam seinen Weg fortsetzt – sanfte Hügel, Regenwald, Farndickichte und Wiesen mit weidenden Schafen wechseln einander ab.

„Soeben überqueren wir den Manawatu River“, tönt es aus dem Lautsprecher. „Der Fluss ist einzigartig unter den Flüssen Neuseelands“, heißt es. Er entspringt auf der Ostseite der die Insel teilenden Gebirgszüge und mündet auf der Westseite. Bei der Manawatu Gorge hat er das Gebirge durchbrochen. Eilig huschen einige Passagiere durch zwei weitere Abteilwagen, ihr Ziel ist die „viewing platform“ – der beste Platz für Fotofans. Gar nicht so einfach, denn für das Überqueren der Waggonverbindungen braucht man gutes Stehvermögen, und auf der Aussichtsplattform selbst ist nur für sechs Personen Platz. Spätestens hier macht sich das Wildwestgefühl breit – das Rattern der Gleise ist ohrenbetäubend, und in der Kurve sieht man von der Reling aus, wie sich die Lok am Fuß der Berge entlangkämpft. In Palmerston North, nach etwa 100 Kilometern, hat die Lok ihren Dienst erfüllt und wird gegen eine andere ausgetauscht; Gelegenheit sich auf dem einsamen Bahnhof die Füße zu vertreten.

Kleine Gruppen von Passagieren stehen zusammen, tauschen Reiseerfahrungen aus, geben einander Tipps und Ratschläge. Wie eine globale Reisebörse wirkt die Szenerie. Eine Schweizerin berichtet vom Glacierexpress zwischen Davos und Zermatt, Sally aus Philadelphia erzählt begeistert von ihrer Nepaltour, und Susan aus Südafrika empfiehlt den Desert-Express in Namibia. „Aber hier ist es etwas ganz Besonderes“, resümiert eine Deutsche mit deutlich bayerischem Akzent. „Irgendwie europäisch und doch so anders.“

Wie in einem riesigenWohnzimmer: Die Fahrgäste unterhalten sich prächtig.
Wie in einem riesigenWohnzimmer: Die Fahrgäste unterhalten sich prächtig.
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Die Lokomotive pfeift, Schaffner Steve wirft einen letzten Blick aufs Gleis, und schon ist der Overlander wieder umgeben von Wiesen, Schluchten und Bergen. Hinter Hunterville überquert der Zug den Rangitikei River gleich viermal in sieben Minuten. Die gusseisernen Stahlbrücken fügen sich wie gemalt in die Silhouette der unberührten Landschaft ein. Kurz hinter Okakune ist die „platform“ heiß begehrt. Jetzt passiert die Diesellok eine 79 Meter tiefe Schlucht über eine 300 Meter lange Brücke. Aufgeregt werden die Kameras in Position gebracht.

Wenige Minuten später ist die Hälfte der Strecke geschafft. An der Nationalpark-Station heißt es: „Time for Lunch.“ Mit Blick auf den Tongariro-Nationalpark und seine Berge wird die Rast bei Sandwich und French Fries zu einem besonderen Erlebnis. „Da genießt man den Anblick der verschneiten Gipfel, und fünf Minuten später sind sie in dicke Wolken gehüllt“, beschreibt eine ältere Frau aus Auckland ihre langjährigen Erfahrungen mit den Wetterkapriolen in dieser Region. Heute ist der Panoramablick tadellos.

Bevor es weitergeht, ein Personalwechsel: Das Zugmikrofon ist eingeschaltet, und die Passagiere werden Zeugen einer turbulenten Unterhaltung zwischen alter und neuer Besatzung. Die Reisenden applaudieren und fordern eine Zugabe: Erst jetzt bemerkt die Crew den Fauxpas. Sie marschiert lächelnd und winkend durch die Waggons und erfreut sich ihres komödiantischen Geschicks.

Nach mehr als sechs Stunden Gleisgeräuschen fallen den Fahrgästen hier und da die Augen zu, nur kurz, denn schon tut sich wieder die nächste spektakuläre Aussicht auf, und die „viewing-platform“ ruft. Nicht immer hat man das richtige Timing – manchmal ist der nächste Tunnel schneller und hat den Overlander wieder verschluckt.

In Taumarunui, das wörtlich übersetzt „großer Schirm“ bedeutet und Schutz vor der Sonne gewähren soll, wie die neue Zugbegleiterin Sarah erklärt, erreicht der Zug das Tor zu Neuseelands größtem Skigebiet am Mount Ruapehu – zugleich Ausgangspunkt für zwei Bahnstrecken mit der Dampflok. Nach Süden hin zum Vulkanplateau am Mount Ruapehu, nach Westen bis nach Stratford und New Plymouth. Gerade einmal 6 500 Einwohner zählt das Städtchen und sieht aus wie die meisten seiner Größe: eine Straße, ein paar einfache Holzbauten, ein Hotel, eine Bank, Pub und Store. Was braucht man mehr?

Waggon Nummer sieben des Overlander gleicht inzwischen einem riesigen Wohnzimmer, querbeet verteilt parlieren und kichern die Fahrgäste aus aller Welt, das Bistro versorgt sie großzügig mit warmen Speisen und Getränken, Sarah informiert ausführlich über wichtige Details der Reise. Etwa über Tekuiti, das alte Goldgräberstädtchen und heutige Zentrum für Schafscherer, und darüber, dass der Zug von Hamilton aus am Waikato River entlangfährt, dem mit 425 Kilometern längsten Fluss Neuseelands.

Hinter Hamilton erstreckt sich flaches Weideland soweit das Auge reicht, Schaffarmen liegen verstreut entlang der Zugstrecke, grasende Schafe erschrecken und preschen auseinander. Bei Papakura, dem letzten Stopp, verabschiedet sich die Sonne als treue Begleiterin und hinterlässt einen roten Horizont. Kurze Zeit später blinkt die Spitze des Skytowers, Aucklands Wahrzeichen und mit 328 Metern das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre. Hier endet eine unvergessliche Reise mit garantiert neuen Freundschaften aus aller Welt. Markus Howest

Informationen: www.tranzscenic.co.nz

Weitere Zughighlights:
Der TranzAlpine fährt zwischen Christchurch und Greymouth auf der Südinsel vom Pazifik bis zur Tasmansee an der Westküste. Er braucht für die 224 Kilometer Strecke 4,5 Stunden Fahrzeit. Start ist täglich um 8.15 Uhr, Preis: 81 NZ-Dollar. Informationen im Internet: www.tranzscenic.co.nz.

Der TranzCoastal fährt täglich einmal in jede Richtung zwischen Christchurch und Picton über Kaikoura. Man sieht die Berge von Kaikoura auf der einen Fensterseite und die raue Pazifikküste auf der anderen. Abfahrt in Christchurch um 7 Uhr, Ankunft um 12.13 Uhr, Kosten für Erwachsene circa 89 NZ-Dollar. Informationen im Internet: www.tranzscenic.co.nz.

Der Kingston Flyer ist die einzige regelmäßig verkehrende Dampflok, die auf einer restaurierten 14 Kilometer langen Strecke zwischen Kingston und Fairlight auf der Südinsel pendelt. Zwischen Oktober und April fährt der Zug zweimal täglich. Informationen im Internet: www.kingstonflyer.co.nz.

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