ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2009Provenzalische Inseln: Die Schlaglöcher gehören zum Lebensgefühl

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Provenzalische Inseln: Die Schlaglöcher gehören zum Lebensgefühl

Sobik, Helge

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Ein Eiland ohne Bausünden: Wer standesgemäß anreist, kommt mit der eigenen Jacht. Foto: mauritius images
Ein Eiland ohne Bausünden: Wer standesgemäß anreist, kommt mit der eigenen Jacht. Foto: mauritius images
Porquerolles – das ist ein typisch französisches Dorf, das vor der Côte d’Azur Anker geworfen hat. Hier finden auch die Reichen und Schönen ihre Ruhe.

Eigentlich sollte ihn möglichst keiner bemerken – damals, als er mit Nochehefrau Cécilia reiste. Aber dann geriet die Jacht, mit der er ankam, selbst für die verwöhnten hiesigen Maßstäbe etwas zu schick, etwas zu auffällig, obwohl sie die beiden nur kurz an der Langoustier-Halbinsel absetzte und wieder Richtung Saint-Tropez verschwand:

Nicolas Sarkozy auf Porquerolles. Schon beim nächsten Mal hat Carla Bruni mit eingecheckt: im Luxushotel „Mas du Langoustier“ auf der größten der alles in allem zehn provenzalischen Inseln vor Hyères.

Mit dem Linienschiff von La Tour Fondue über die Meerenge hinweg hätte Sarkozy nur eine knappe Viertelstunde bis zum Anleger im Hauptort Porquerolles-Village gebraucht. Aber kaum einer der Gäste des „Mas du Langoustier“ reist so an: Es machte einen zusätzlichen 10-Minuten-Transfer über holprige und nur auf der Hälfte des Weges asphaltierte Straßen bis zum Hotel erforderlich. Und es wäre nicht standesgemäß. Mindestens ein Wassertaxi-Schnellboot muss es zum einsam gelegenen Insel-Hideaway sein, notfalls das hoteleigene. Prominente von Laetitia Casta bis Zinedine Zidane, von Sarkozy bis Bruni finden auf der Langoustier-Halbinsel von Porquerolles ihre Ruhe. Alle anderen, die nicht ganz so exklusiv wohnen und obendrein mit dem Linienschiff zufrieden sind, haben ein bisschen mehr Rummel um sich: gut drei Kilometer weiter östlich im Hauptort Porquerolles-Village. Und drumherum.

Warum sie alle diese kleine Insel, gerade einmal zwölfeinhalb Quadratkilometer groß, so lieben? Weil sie so etwas wie ein typisch südfranzösisches Dorf ist, das vor der Küste Anker geworfen und vor ein paar Jahrzehnten die Uhr angehalten hat: mit großem Sandplatz vor der kleinen Kirche, den sich die Boule-Fans mit Fußball spielenden Kindern teilen. Mit Platanen, Straßencafés, einem halben Dutzend Eisdielen mit mehr als 50 Sorten im Angebot – und Orange-Mango als Renner der Saison. Mit Ortsbild ohne Bausünden. Ein Eiland mit zahllosen Wanderwegen, mit Weinreben, Zehntausenden Olivenbäumen, Steilküste auf der einen und herrlichen Sandstränden auf der anderen Seite. Eine Insel mit 2 500 Leihfahrrädern und Autoverbot, von dem nur ein paar Einheimische ausgenommen sind.

Mit dem Fahrrad unterwegs – weil Autoverbot herrscht und es auf der Fahrt herrlich nach Südfrankreich duftet. Foto: Helge Sobik
Mit dem Fahrrad unterwegs – weil Autoverbot herrscht und es auf der Fahrt herrlich nach Südfrankreich duftet. Foto: Helge Sobik
Salvatore Troia ist einer von ihnen. Er zuckt mit den Schultern, als wäre ihm diese Tatsache ein bisschen peinlich. Den Wagen mit den abgewetzten Sitzen und dem nicht mehr taufrischen Chassis braucht der Direktor des „Mas du Langoustier“, um seinen Gästen ab und zu Pendelverkehr ins Ortszentrum zu bieten. Warum er kein neues Auto anschafft, kein standesgemäßeres für die Edelkundschaft? „Weil dieses zum Lebensgefühl gehört – und besser zu den vielen Schlaglöchern auf dem letzten Kilometer Sandpiste zum Hotel passt. Und weil es jedem zeigt, dass er angekommen ist in einer Welt, in der der äußere Schein zweitrangig ist.“ Troia braucht dieses Auto, um zu demonstrieren, dass Porquerolles ganz anders ist als Cap d’Antibes. Aus demselben Grund lässt er die Schlaglöcher nicht zuschütten: „Wir wollen abgelegen sein. Und der Weg zu uns soll sich jedes Mal wieder so anfühlen.“

Staatspräsident Georges Pompidou wollte 1972 die anstehende Urbanisierung der Insel nach dem Vorbild der Côte d’Azur verhindern und veranlasste kurzerhand, dass der französische Staat das Eiland der Besitzerfamilie Fournier abkaufte – und anschließend unter strengen Schutz stellte. Familienoberhaupt Lélia Fournier blieb noch lange Bürgermeisterin von Porquerolles mit rund 340 ganzjährigen Einwohnern.

Ein paar Quadratkilometer Land haben die Fourniers behalten – die kostbarsten Böden, die schönsten Grundstücke: die Langoustier-Halbinsel mit dem Hotel zum Beispiel, dazu das Weingut „Domaine de la Courtard“ – und einen Flecken Sand unter Pinien direkt am Strand, wo heute Stéphanie Le Ber Fournier regiert: als Chefin des Restaurants „Plage d’Argent“, dessen Tische fast alle im Freien auf der großen Holzterrasse stehen, durchweg Meerblick haben und dessen Gäste fast alle mit dem Fahrrad anreisen. Weil es so üblich ist auf dieser Insel. Weil es Spaß macht, und weil es unterwegs so herrlich nach Südfrankreich duftet, nach Pinien, nach Gräsern, nach provenzalischen Kräutern. Weil die Vögel singen und der salzige Seewind die Lippen benetzt.

Nur ein paar Gäste machen es wie Bono von U2 und der ehemalige Formel-1-Rennstall-Magnat Eddie Jordan: Sie kommen mit dem Boot – was ein bisschen untertrieben ist, wenn es darum geht, die Jacht von Jordan zu beschreiben. Sie ankern in der Bucht vor dem Restaurant, nehmen das Beiboot, knattern Richtung Strand und machen es sich auf eine gebratene Dorade mit Mandelkruste bei Stéphanie gemütlich. Der Auftritt ist so selbstverständlich wie der Fahrradtrip der anderen und löst auf Porquerolles kaum Getuschel oder neugierige Blicke aus: „Bono? Auch hier? Kein Problem. Schön, dass er diese Insel mag.“ Eher gefällt es den anderen so noch einen Hauch besser als ohnehin schon, wenn sie einen wie ihn hier sehen, der sich jeden Winkel der Welt leisten könnte. Aber auf die Idee, um ein Autogramm zu bitten, kommt keiner: nicht beim Essen, nicht hier, nicht auf Porquerolles. Helge Sobik

Informationen: Ein Superior-Doppelzimmer im Hotel „Mas du Langoustier“ kostet rund 358 Euro pro Nacht inklusive Halbpension, Internet: www.langoustier.com; ein Superior-Doppelzimmer in der „Villa Sainte-Anne“ (drei Sterne) kostet im Herbst rund 148 Euro, Internet: www.sainteanne.com.
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