ArchivDeutsches Ärzteblatt14/20093 Fragen an … Dr. med. Ute Mendes, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Sozialpädiatrischen Zentrum, Vivantes-Klinikum im Friedrichshain, Berlin

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3 Fragen an … Dr. med. Ute Mendes, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Sozialpädiatrischen Zentrum, Vivantes-Klinikum im Friedrichshain, Berlin

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Was ist besonders wichtig bei der Arbeit mit den betroffenen Kindern und deren Familien?
Ute Mendes: Vor Beginn einer Förderung bedarf es einer umfangreichen Diagnostik. Dazu gehört neben einer Intelligenz- und Teilleistungsdiagnostik (Lese- und Rechtschreibtests) der Ausschluss organischer Ursachen. Weiterhin müssen komorbide (zum Beispiel ADHS) beziehungsweise sekundäre psychische Störungen (zum Beispiel Angststörungen) abgeklärt werden. Die Behandlung von Kindern mit einer LRS erfordert eine enge, inhaltlich abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Schule, Elternhaus und gegebenenfalls Lerntherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychologen.

Was passiert, wenn eine LRS nicht erkannt wird?
Mendes: Kinder, deren LRS (in der Schule) nicht erkannt wird, leiden häufig an psychosomatischen Beschwerden, Ängsten oder depressiven Verstimmungen. Sie zeigen oft eine große Misserfolgsempfindlichkeit und ein niedriges Selbstwertgefühl. Schulisch droht eine fächerübergreifende Leistungsminderung (trotz ausreichender Intelligenz) bis hin zu einem generellen Scheitern. Die Diagnosestellung und Aufklärung der Eltern, der Lehrer und des Kindes führen oft schon zu einem Rückgang der Folgestörungen, besonders wenn die Kinder dann auch gezielt gefördert und (zum Beispiel durch Notenschutz) entlastet werden. Wichtig ist es, das Vorliegen einer LRS auch dann zu bedenken, wenn zunächst eine andere Problematik geschildert wird. Zum Beispiel werden Kinder mit dem Verdacht auf ein ADHS vorgestellt, bei denen sich die Überforderung infolge einer LRS als Ursache der Konzentrationsschwäche erweist.

Wie beraten Sie die Kinder und ihre Eltern?
Mendes: Die Kinder halten sich häufig für dumm. Sie empfinden es als entlastend, wenn jemand ihr Leistungsvermögen in anderen Bereichen sieht und ihre großen Anstrengungen anerkennt. Vor den Eltern liegt meist ein schwerer Weg. Sie müssen lernen, an ihr Kind angemessene Anforderungen zu stellen und individuelle Fortschritte zu sehen. Spezielle schulische Fördermaßnahmen sind nicht überall in ausreichender Qualität und Quantität verfügbar. Durch eine außerschulische Lerntherapie entstehen jedoch Kosten, die von den Krankenkassen nicht übernommen werden, obwohl LRS eine Diagnose nach der ICD-10 ist. Eine Finanzierung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 35 a SGB VIII) ist möglich, wenn dem Kind eine „seelische Behinderung“ droht oder diese infolge der LRS bereits eingetreten ist und ihre „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ beeinträchtigt ist. Eltern müssen für die Rechte ihrer Kinder kämpfen und sind dabei auf Unterstützung angewiesen.
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