SUPPLEMENT: Reisemagazin

Venedig: Stadt ohne Geräusche

Sobik, Helge

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Foto: picture-alliance /akg-images
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Mit einem antiquarischen Reiseführer von 1926 unterwegs in der Lagunenstadt

Für das Buch ist es die zweite Reise. Mindestens. 1926 war es das erste Mal hier, denn zwischen den Seiten 48 und 49 liegt noch immer die Rechnung eines Hotels, das es längst nicht mehr gibt – gefaltet und offenbar als Lesezeichen genutzt. 150 Lire haben die sechs Übernachtungen damals gekostet – 1926, dem Erscheinungsjahr dieses Buchs. Das entspräche heute knapp einem Euro. Ob der Besitzer dieses Reiseführers danach je wieder nach Venedig gereist ist? Mit diesem Buch? Die Antworten darauf sind in den Zeiten verloren gegangen. Aber jener „Grieben Reiseführer Band 106 Venezia – Venedig und Umgebung“ in der neunten Auflage von 1926 hat alles überstanden, was seitdem mit der Welt geschah, und war zwischenzeitlich in einem Antiquariat gelandet: ein wenig vergilbt, aber in bestem Zustand. Jetzt ist das Buch wieder mit an die Adria gereist – und in vielem immer noch erstaunlich aktuell.

Der Markusplatz bietet zu jeder Zeit ein reiches, von Menschen aus allen Weltteilen belebtes Bild, wurde der Leser schon 1926 aufgeklärt. Und seinerzeit ebenso wie heute waren unter den vielen Reisenden nicht nur ehrliche Zeitgenossen: Geld und Wertsachen sollten auch dem bestverschlossenen Koffer niemals anvertraut werden. Waffentragen wird mit Gefängnis bestraft. Auch Stockdegen, Dolche und größere Messer sind verboten.

Jetzt ist das Buch wieder mit an die Adria gereist – und in vielem immer noch erstaunlich aktuell. Foto: Helge Sobik
Jetzt ist das Buch wieder mit an die Adria gereist – und in vielem immer noch erstaunlich aktuell. Foto: Helge Sobik
Cafés im historischen Zentrum können es sich heute erlauben, für ein Tässchen Cappuccino zu Livemusik vom privaten Kammerorchester auf dem Markusplatz mehr als zehn Euro zu kassieren. Caffè Espresso, guter schwarzer Kaffee, kostet 60 bis 80 Centesimi pro Tasse – hieß es im Grieben von 1926, während die Mahnung zur Wachsamkeit noch immer passt: Wichtig ist die Kenntnis der italienischen Zahlen, damit man den Kellnern nachrechnen kann.

Jeder Kutscher und Führer erwartet außer dem vereinbarten Preis noch ein kleines Trinkgeld. Heute erwarten sogar manche antike Statuen eine Spende. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sie trotz größter Sorgfalt gelegentlich blinzeln und zucken. Es sind junge Leute, die sich mit mattem Weiß angemalt haben, als Jupiter mit Lorbeer-Dekoration im Haar posieren, auf selbst gebauten Holzpodesten vor prächtigen Portalen nahezu reglos herumstehen und für Schreck, Überraschung oder bloßes Vorhandensein auf ein Trinkgeld spekulieren. Die Geschäftsidee ist deutlich jünger als der Grieben, der obendrein Top-Ten-Listen und Insider-Tipps heutiger Reiseführerreihen noch nicht kannte. Stattdessen zählten Sachaussagen:

Venedig ist die Stadt ohne Hast, die Stadt ohne Geräusche, die Stadt der lautlos schwebenden Gondeln, der gelassen schreitenden Frauen. Nervenleidenden bietet ein Aufenthalt in Venedig Erholung wegen des fehlenden Straßenlärms und der erfrischenden Luft. Laut ist es inzwischen geworden – aber die Luft ist immer noch gut. Der leichte Seewind sorgt dafür.

Um die 170 000 Einwohner hatte das historische Zentrum 1926 – etwa 60 000 sind es heute. Viele sind über die Jahrzehnte den Überschwemmungen gewichen, den Instandhaltungskosten, den Umständlichkeiten des Alltags in einer Stadt aus Kanälen und Brücken – und den Tagestouristen. Dabei bot die Lage am Wasser einst größere Nachteile als heute: Schutzmaßregeln gegen Moskitos – man nehme während der Sommermonate unbedingt nur Zimmer mit Musselinvorhängen um die Betten.

Wenn es dämmert und der Mond über den bröckelnden Fassaden der Palazzi und dem düsteren Wasser der Kanäle emporklettert, leeren sich die Gassen, und die Stadt holt Atem. Foto: mauritius images
Wenn es dämmert und der Mond über den bröckelnden Fassaden der Palazzi und dem düsteren Wasser der Kanäle emporklettert, leeren sich die Gassen, und die Stadt holt Atem. Foto: mauritius images
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Die Moskitos sind seltener geworden, die Gondoliere sind aber noch immer da. Manche singen Opernarien, während sie ihre schmalen Boote durch die Kanäle staken, und bekommen Applaus von den Brücken aus, von Zufallszuhörern, die gar nichts dafür bezahlen müssen und der Szene jenen Zauber abgewinnen können, den sie hat – wie schon vor mehr als 80 Jahren. Auch sie haben die Preise zwischenzeitlich erhöht. Die Gondel nimmt in Venedig die Stelle der Droschke oder des Fiakers anderer Städte ein. Stundentarif für bis zu drei Personen zehn Lire. Knapp 100 Euro sind es heute mit Gesang. Ehrlicher sind die Gondoliere über die,Jahre nicht geworden, und manche Stunde hat auf ihrer Uhr nur 40 Minuten: Beschwerden sind an die Inspektion im Palazzo Municipale zu richten.

Foto:Vario Images
Foto:Vario Images
Die Motorboote unterdessen sind weit zahlreicher geworden, viel schneller und vor allem lauter. Sie ziehen gewaltige Wellen hinter sich her, wenn sie abseits maroder Stelzen der Palazzi mit Vollgas durch die Lagune Richtung Lido krachen: Die Lagune sei eine weite, wenig bewegte Wasserfläche mit zahlreichen größeren und kleineren Inseln und einer sumpfigen, fieberreichen Niederung an der Küste des Festlandes, erzählt der Reiseführer von 1926. Im Winter kommen bei Nordwinden bisweilen Springfluten vor, sodass sogar der Markusplatz überschwemmt wird. Inzwischen ist der durchschnittliche Wasserspiegel in der Lagune noch weiter gestiegen – um etwas mehr als 20 Zentimeter innerhalb der letzten 80 Jahre. Die Venezianer haben Holzstege angeschafft, die sich schnell aufbauen lassen und inzwischen an 100 Tagen im Jahr den Markusplatz überspannen, wenn die Lagune einmal wieder versucht, sich diese Stadt auf Stelzen zu holen. Im Sommer brauchen sie sie nicht, denn dann gibt die Adria Ruhe, und schon bald soll ein Schutzwall mit 79 Schleusen die Lagune auch im Winter vor Hochwasser schützen.

Nicht nur das Bild Venedigs, das traumhaft aus den Wassern steigt, ist einzig in der Welt. Einzig ist das Fluidum seiner Atmosphäre, das Leuchten seiner Farben. Im Dämmerlicht, im Mondschein wird die Stadt zum Märchen. Denn wenn es dämmert und der Mond über den bröckelnden Fassaden der Palazzi und dem düsteren Wasser der Kanäle emporklettert, leeren sich die Gassen, und die Stadt holt Atem. Es bleiben die, die sich eines der teuren Zimmer leisten. Die Nacht in Venedig ist die Investition wert, weil tatsächlich der Zauber zurückkehrt – aus der Zeit von 1926. Und weit davor. Helge Sobik


Informationen: Übernachtung in einfacheren Altstadthotels ab 30 Euro, zum Beispiel bei Dertour (www.dertour.de), im vornehmen „Cipriani“ ab 640 Euro pro Doppelzimmer (www.orient-express.com).
Weitere Informationen: Italienische Zentrale für Tourismus, Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt am Main, Telefon: 0 69/23 74 34, Internet: www.enit.de.

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