SUPPLEMENT: Reisemagazin

Albanien: Abschied von der Vergangenheit

Willenberg, Ulrich

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Fotos: Ulrich Willenberg
Fotos: Ulrich Willenberg
Der Mittelmeerstaat kämpft mit dem Erbe der kommunistischen Diktatur und befreit sich allmählich aus der Isolation. Inzwischen entdecken auch Touristen die Vielfalt des Landes.

Das kommunistische Albanien war über Jahrzehnte hinweg von der Welt so isoliert wie Nordkorea. Auch lange nach dem Ende der Diktatur gilt der Mittelmeerstaat den meisten Deutschen immer noch als rückständiges und gefährliches Reiseland. Doch diese Ängste sind unbegründet. „Albanien ist seit einigen Jahren sicher“, zerstreut Klajd Kruja die Bedenken. „In Tirana kann man sein Auto offen stehen lassen. Diebstähle sind selten.“ Der junge Reiseführer, der in Heidelberg Pädagogik studiert hat, begleitet seit Jahren deutsche Touristen. Neben historischen Schätzen bietet Klajds Heimat lange Sandstrände, einsame Buchten, fischreiche Seen und dichte Nadelwälder, durch die Bären, Wölfe und Luchse streifen. Tiefe Täler mit abgeschiedenen Dörfern durchschneiden schroffe Gebirge mit bis zu 2 800 Metern hohen Gipfeln.

Groß ist der Kontrast dieser einsamen Bergregion zur Hauptstadt Tirana. Bis zur Wende Anfang der 90er-Jahre lebten hier 200 000 Menschen, jetzt sind es gut 800 000. Genau weiß das niemand. Die meisten sind vom Land nach Tirana geströmt auf der Suche nach einem besseren Leben. Jetzt platzt die Stadt aus allen Nähten. Vor allem in den Außenbezirken reiht sich eine Baustelle an die andere. Wo früher Obstbäume wuchsen, stehen jetzt Fabriken, Autohäuser, Bürogebäude, Apartmenthäuser und Hotels. „Tirana boomt“, sagt Klajd. Aber immer noch leben viele Bewohner in maroden Plattenbauten aus der Zeit der kommunistischen Schreckensherrschaft. Zehntausende von Albanern sollen dem Regime von Diktator Enver Hoxha zum Opfer gefallen sein. Er machte aus dem Land ein Gefängnis. Die Albaner durften nicht aus-, Touristen nicht einreisen. Heute sind Ausländer in Albanien jedoch gern gesehene Gäste.

Schroffe Küsten, lange Strände, einsame Bergregionen: Albanien zeigt sich abwechslungsreich von der Riviera (l.) bis ins historische Berat (r.). Foto: dpa
Schroffe Küsten, lange Strände, einsame Bergregionen: Albanien zeigt sich abwechslungsreich von der Riviera (l.) bis ins historische Berat (r.). Foto: dpa
Der Tourismus spielt wirtschaftlich eine immer größere Rolle, seit sich die politische und wirtschaftliche Lage in den letzten Jahren stabilisiert hat. Im ersten Halbjahr 2008 kamen fast 13 000 Deutsche ins Land. Tendenz steigend. „Wir haben aber keinen Massentourismus“, erklärt Klajd.

Doch entlang der Küste gibt es bereits einige Bausünden, wie man sie von Spanien und aus der Türkei kennt. In den Städten Durrës, Vlora und Saranda reiht sich ein neues Hotel an das andere. Und es werden immer mehr. Auch Apartmenthäuser wachsen oft nur wenige Meter voneinander entfernt in den Himmel. Zumeist sind es Ferienwohnungen von gut situierten Albanern. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die niedrigen Preise und günstige Baukredite albanischer Banken. Auch immer mehr Ausländer kaufen sich hier ein. Noch ist die rund 400 Kilometer lange Küste aber weitgehend unverbaut. Abgesehen von den Bunkern aus der Zeit Hoxhas. Rund 700 000 dieser halbkugelförmigen Betonpilze ließ er nach dem Austritt Albaniens aus dem Warschauer Pakt im Jahr 1961 bauen, um sein Land gegen Invasoren verteidigen zu können. Der befürchtete Angriff auf den kleinen Staat blieb jedoch aus. Inzwischen dienen die Unterstände Bauern als Lagerraum für Tierfutter und Geräte. Die äußerst stabilen Bauwerke zu beseitigen, käme viel zu teuer. Für ausländische Touristen gehören sie neben den antiken Monumenten zu den meistfotografierten Motiven.

Zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten in Albanien zählt Apollonia, wo einst der spätere römische Kaiser Augustus studierte, sowie das in einem Nationalpark gelegene Butrint nahe der Meerenge von Korfu. Auf einer Halbinsel inmitten eines klaren Sees findet man Ruinen aus griechischer, römischer, venezianischer und türkischer Zeit. Butrint wurde nach der Wende von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, ebenso die von hohen Bergen umgebene Stadt Gjirokaster nahe der griechischen Grenze. Viele der mächtigen, mehrstöckigen Häuser aus osmanischer Zeit sind jedoch in einem erbärmlichen Zustand. Auf den gewaltigen Mauern der Festung über der Stadt weht die Fahne der Europäischen Union (EU) neben der albanischen mit dem doppelköpfigen Adler auf blutrotem Grund. Dass der etwa dreieinhalb Millionen Einwohner zählende Staat in die EU aufgenommen wird, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Schon jetzt finanziert Brüssel mehrere Projekte, darunter auch den Ausbau der ramponierten Küstenstraße im Süden des Landes. Gelder fließen auch in die Restaurierung der maroden Altstadt von Gjirokaster.

Während die Wirtschaft rund um Tirana boomt, ist in manchen entlegenen Gebieten wenig vom Aufschwung zu sehen. Rund ein Drittel der Albaner ist noch in der Landwirtschaft tätig. Doch es werden immer weniger. Vor allem junge Menschen ziehen in die Städte oder wandern aus.

Im Hotel Akademia schlagen am Abend die Wachhunde an. Vielleicht haben sie einen Bären gewittert, der um das einsam in einem Wald gelegene Anwesen schleicht. Wieder einmal ist in dem auf 1 200 Metern Höhe gelegenen Hotel der Strom ausgefallen. Das kommt selbst in der Hauptstadt Tirana noch vor. Auch die Heizung funktioniert an diesem kalten Spätsommerabend nicht. Die Touristen nehmen es gelassen. Dick eingemummelt versammeln sie sich um den knisternden Kamin des Restaurants. „Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Reiseführer Klajd. Ulrich Willenberg

Informationen:
Unterkunft: Hotels gibt es inzwischen in fast allen Landesteilen. Die nordalbanischen Alpen sind touristisch bisher wenig erschlossen. Ein Doppelzimmer kostet ab 20 Euro. In Tirana liegen die Hotelpreise weit höher als auf dem Land. Am schönsten ist das Luxushotel Rogner Europark im Zentrum der Stadt (Doppelzimmer mit Frühstück ab 250 Euro).

Literatur: Sehr empfehlenswert ist „Albanien entdecken“ von Renate Ndarurinze (Trescher-Verlag). Gute Tipps bietet der Reiseführer „Western Balkans“ von Lonely Planet (in Englisch).

Auskünfte im Internet: www.albaniantourism.com; www.albaniatourism.com; www.wikinger.de.
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