SUPPLEMENT: Reisemagazin

Ukraine: Auf dem Weg nach Odessa

Rieser, Sabine

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LNSLNS Wer per Schiff auf dem Dnjepr reist, kann Stadttouren, Ausflüge zu historischen Stätten und Einblicke in die moderne Ukraine mit stillen Stunden an Bord verbinden.

Blick auf den Dnjepr bei Kiew, im grauen April. Im Sommer sind seine kleinen Inseln die Oasen der Stadtbewohner. Fotos: Sabine Rieser
Blick auf den Dnjepr bei Kiew, im grauen April. Im Sommer sind seine kleinen Inseln die Oasen der Stadtbewohner. Fotos: Sabine Rieser
Heute ist das Leben ein langer, ruhiger Fluss. Die „Viking Lavrinenkov“ tuckert in der kühlen Aprilsonne auf dem Dnjepr von Kiew nach Zaporizzja. Etliche Mitreisende haben es sich, warm eingepackt, auf den Liegen an Deck gemütlich gemacht und studieren die Landschaft: die ausgedehnten Schilfzonen, das frische Grün der Wälder am Ufer, die riesigen Felder, auf denen im Sommer der Weizen reifen wird. Immer wieder verändert sich der Fluss, mal wird er schmaler, mal weit wie ein großer See. Dass der Dnjepr als drittlängster Fluss Europas ein wichtiger Transportweg ist, mag man von der „Viking Lavrinenkov“ aus kaum glauben, so wenigen anderen Schiffen begegnet das Flusskreuzfahrtschiff.

Tags zuvor hatten alle noch festen Boden unter den Füßen und Großstadtgetümmel um sich herum. Die Reise auf dem Dnjepr beginnt in Kiew. In ein paar Minuten gelangt man vom Schiffsanleger in „Podil“, der Unterstadt, zur altmodischen Standseilbahn. Die Station mit den Glasmosaiken verströmt den Charme der 1950er-Jahre. Alle paar Minuten fährt die Bahn in die Oberstadt, wo sich die meisten Sehenswürdigkeiten Kiews befinden, darunter das Goldene Tor und die Sophienkathedrale. Schon im Mittelalter war die Stadt berühmt für ihre prächtigen Kirchen. Honoré de Balzac nannte sie „Rom des Nordens“. Die Sakralbauten wurden immer wieder zerstört, nicht zuletzt in der Stalinzeit. Doch die Ukrainer bauten ihre Kirchen unverdrossen wieder im alten Stil auf. Ein herber Kontrast dazu sind Bauwerke der sozialistischen Zeit wie „Mutter Heimat“, eine riesige Frauengestalt mit erhobenen Armen, oder die Metallbögen des „Monuments der Völkerfreundschaft“.

Friedliche Zeiten: der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, bekannt seit der orangenen Revolution. Foto: Visum
Friedliche Zeiten: der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, bekannt seit der orangenen Revolution.
Foto: Visum
Nun noch durchs Regierungsviertel Lypky? Oder dem Unabhängigkeitsplatz die Aufwartung machen, der seit der orangenen Revolution so bekannt ist? Oder doch ins schaurig-schöne Höhlenkloster? Bereits vor mehr als einem Jahrtausend gruben sich hier fromme Männer in Höhlen ein und lebten als Eremiten. Im Laufe der Jahre wurden diese mit prächtigen Kirchen überbaut. Im oberen Bereich der Anlage befindet sich ein Museum, im unteren das verzweigte Höhlensystem. Dort stehen in Nischen Särge der Mönche, deren Leichname seltsamerweise mumifiziert sind.

Überhaupt die Kirchen: Sie scheinen in der Ukraine immer voll zu sein. Nicht nur alte Mütterchen kaufen sich eine dünne Kerze, zünden sie an, schlagen das Kreuz, küssen die Heiligenbilder, wischen sie dann vorsichtig mit ihrem Schal ab und verharren noch eine Weile im Gebet. Auch junge Ukrainerinnen in gerade angesagten Stilettos trippeln herein und küssen die Heiligenbilder.

Schade, dass wir zurückmüssen, aber die „Viking“ wartet nicht. Müde gelaufen freuen sich alle auf das Abendessen. Zuständig sind, wie für alle Mahlzeiten, das Team um den Süddeutschen Armin Rommler und die Ukrainerin Elena Goloburdina. Es gibt internationale Küche mit ukrainischen Einsprengseln, wie zum Beispiel Warenyki, einer Art Maultauschen. Wer mag, kann tagsüber eine Küchenführung machen. Danach weiß man, warum man bei einer Kreuzfahrt wenigstens ein bisschen zunehmen muss: Sollen Herr Rommler und Frau Goloburdina etwa 20 bis 25 Tonnen Fisch und Fleisch oder zwei Tonnen Ost und Gemüse, die sie bevorraten, am Ende der Reise wegwerfen?

Küchenführung, Besuch beim Schiffsarzt oder Stippvisite auf der Kommandobrücke, das sind Angebote für den Bordtag ohne Landgänge. Auf der „Viking Lavrinenko“ kann man komfortabel reisen und wird an Bord wie bei den geführten Landausflügen sehr gut betreut. Aber das Schiff ist keine Aida: Wellnesstempelchen und vielfältige Unterhaltungsangebote sucht man vergebens.

Vor uns liegen noch Abstecher von der Hafenstadt Cherson, wo die Schwarzmeerflotte gegründet wurde, zu den Fischerinseln. Wir steigen auf einen Ausflugsdampfer um und schippern die verzweigten Wasserwege entlang. Noch ist es zu kalt. Aber im Sommer blüht und wächst es hier in den Gärten, die vor den bunten Wochenendhäuschen direkt am Wasser liegen.

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Reiseführerin Svetlana verschweigt bei den abendlichen Vorträgen in der Sky Bar aber auch die Probleme des Landes nicht. „Alles hat sich in einen riesigen Markt verwandelt“, sagt sie. Das Leben ist teuer, viele Ukrainer suchen in anderen Ländern Arbeit. Dazu kommen die Probleme zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, beispielsweise den nationalbewussten Bewohnern im Westen und denen auf der Krim, die sich eher Russland verbunden fühlen. Ihre Landsleute sollten sich nach Europa wie nach Russland hin orientieren, findet Svetlana, das passe zu ihren Wurzeln.

Wir orientieren uns täglich neu an Land. Überall könnte man noch länger bleiben, vor allem auf der Halbinsel Krim: In Sevastopol, dem Stützpunkt der Flotte, das sich vom Hafen die Hügel hinaufschiebt und bis in die 1990er-Jahre als militärisches Sperrgebiet gar nicht zu besuchen war. Bei den Ausgrabungen in Chersonessos, einer Siedlung aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Oder in Bachcysaraj, der ehemaligen Hauptstadt der Krimtartaren, deren Khanspalast an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht erinnert.

In Jalta, dem immer noch charmanten Badeort mit seiner Strandpromenade, flanieren wir am Meer und steigen die vielen vielen Treppen hinauf und hinab. Zwischen den Krimkiefern liegen unzählige Sanatorien. Manche verfallen, so wie viele schöne alte Holzhäuser, die ihre armen Bewohner nicht renovieren können und die den Neureichen am Ort wertlos erscheinen. Reiseführerin Valentina stammt aus Jalta. Sie schwärmt für ihre Stadt. Auch wenn sie manchmal auf Strom verzichten muss und immer ein bisschen Trinkwasser in Eimern bunkert.

Dann geht es nachts übers Schwarze Meer nach Odessa, das manche früher „Paris des Ostens“ nannten. Odessa war besonders, kosmopolitisch, ein Gemisch der Völker und Kulturen. Noch heute ist die Stadt mit dem klassizistischen Rathaus, der frisch renovierten Oper und den Museen eine Reise wert. Wie die ganze Ukraine. Auf dem Bahnhof in Odessa, in einem ehemaligen Kloster untergebracht, steht ein Zug, der bis nach Berlin fährt. Die Ukraine ist näher, als man denkt – in vieler Hinsicht. Sabine Rieser


Informationen:
Reise: Viking-Flusskreuzfahrten bietet regelmäßig die elftägige Tour von Kiew über Jalta nach Odessa „Auf den Spuren der Kosaken“ an. Ein viertägiger Verlängerungsaufenthalt in Istanbul ist möglich. Weitere Informationen: www.vikingflusskreuzfahrten.de.

Literatur: „Flußkreuzfahrten auf dem Dnepr“: ein Reiseführer, der sich eng an die Route anlehnt. „Kulturschock Ukraine“: eine sachkundige, vielschichtige Einführung in Land und Leute. „Lala“ von Jacek Dehnel: eine Liebeserklärung an eine ukrainische Großmutter und ihr bewegtes Leben (Roman).

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