ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/200990 Jahre Designrevolution: Wer nicht brav ist, kommt ins Bauhaus

SUPPLEMENT: Reisemagazin

90 Jahre Designrevolution: Wer nicht brav ist, kommt ins Bauhaus

Diemar, Claudia

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LNSLNS „Frauen in Hosen und mit kurzen Haaren“ – viele Zeitgenossen waren pikiert von der Avantgarde. Doch zum Jubiläum steht Thüringen ganz im Zeichen des Bauhauses.

Strenge Linien, lichtdurchflutete Räume: das Ausflugslokal „Kornhaus“ in Dessau.Fotos: S. Kaps Stadt Dessau-Roßlau
Strenge Linien, lichtdurchflutete Räume: das Ausflugslokal „Kornhaus“ in Dessau.
Fotos: S. Kaps Stadt Dessau-Roßlau
Weimar ist idyllisch: keine Industrie weit und breit, dafür hübsche Villen aus der Gründerzeit und der weite Landschaftspark an der Ilm mit dem Gartenhäuschen des Geheimrats. Aber Weimar ist nicht nur die Stadt der Klassik, wo man allenthalben auf Goethe und Schiller trifft. Vor 90 Jahren stand der Ort im Zeichen des Umbruchs. Der deutsche Kaiser war gerade erst ins Exil gegangen, die Verfassung der jungen Republik hier im Theater verabschiedet worden, als am 1. April 1919 das „Staatliche Bauhaus Weimar“ seinen Betrieb aufnahm. Die Hochschule für Gestaltung ging aus der von Henry van de Velde gegründeten Großherzoglichen Kunstgewerbeschule hervor. Das Bauhaus schuf nie Gesehenes in Kunst und Architektur. Statt Gründerzeitopulenz und Jugendstilromantik huldigte man plötzlich den klaren, strengen Linien. „Formmeister“ entwarfen in demokratischem Schaffensprozess mit ihren Studenten lichtdurchflutete würfelförmige Häuser sowie Möbel aus Leder und Chrom.

Noch heute wird das Design des Bauhauses als hochmodern empfunden. Und die Hochschule vor Ort heißt längst wieder „Bauhaus-Universität“. Man kann hier Architektur, Bauingenieurwesen, Medienwissenschaft und Gestaltung studieren. Noch immer gibt es auch Werkstätten an ihrem angestammten Platz hinter der gläsernen Fassade. Und das Büro von Direktor Walter Gropius mit seinen würfelförmigen Sitzmöbeln sieht exakt aus wie einst. Studenten führen interessierte Besucher gern durch die Uni. „Die frühe Weimarer Zeit war das Experimentierfeld des Bauhauses“, sagt Sven Müller, der hier gerade seinen Abschluss gemacht hat. Doch die Weimarer waren pikiert ob der seltsamen Vögel, die durch die Straßen ihres ehrwürdigen Städtchens zogen. „Frauen in Hosen und mit kurzen Haaren etwa“, erläutert Sven Müller und weiß auch, mit was Eltern damals ihren ungezogenen Kindern drohten: „Wer nicht brav ist, kommt ins Bauhaus!“

Foto: N. Mohadjer, Bauhaus Universität
Foto: N. Mohadjer, Bauhaus Universität
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Wo so Ungewöhnliches mit Ecken und Kanten geschaffen wurde, muss man nicht auf ein „rundes“ Jubiläum warten. Das Bauhaus feiert daher in ganz großem Stil 2009 seinen 90. Geburtstag. Weimar spielt dabei die wichtigste Rolle. „Es ist der Empfang ins Thema“, erklärt Dr. Ulrike Bestgen, die Kuratorin der Klassikstiftung. Im Mittelpunkt des Jubiläumsjahres steht die Ausstellung „Das Bauhaus kommt“. In vier verschiedenen Museen werden allein in Weimar ab Anfang April die Vertreter der Gestaltungsrevolution inszeniert: Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky etwa. Ebenso wird van de Velde als Wegbereiter der Avantgarde ins Zentrum gerückt und damit der ideengeschichtliche Ursprung der Designrevolution nachvollziehbar gemacht. Egal, ob Schiller-Museum oder Goethe-Nationalmuseum – vom Frühjahr an ist überall Bauhaus zu sehen, und die Klassik wird für eine Weile eingemottet.

Möbel aus Leder und Chrom: das Büro von Walter Gropius in Weimar. Foto: M. Schuck Thüringen Tourismus
Möbel aus Leder und Chrom: das Büro von Walter Gropius in Weimar. Foto: M. Schuck Thüringen Tourismus
Die Liaison zwischen dem Bauhaus und Weimar währte nur bis 1925. Beiden Wahlen in Thüringen erlangten die Rechtskonservativen schon 1924 die Mehrheit und hungerten das Bauhaus durch Mittelkürzung aus. Weimar vertrieb seine Avantgarde nach Dessau. Doch schon 1923, zwei Jahre vor dem Wegzug, stand die Förderung der Schule auf dem Spiel. Walter Gropius trat damals die Flucht nach vorn an und richtete statt des geforderten Rechenschaftsberichts die „1. Internationale Bauhausausstellung“ aus. Sie machte die Designer aus Weimar weltbekannt. Eigens für die Schau wurde sogar ein Wohnhaus errichtet: das „Haus am Horn“, unweit des Goetheschen Gartenhäuschens gelegen und ein rechter Kontrast zu diesem. Im Zentrum des Gebäudes findet man einen überhöhten Raum als Treffpunkt der Bewohner, die Funktionsräume liegen in variabler Aufteilung rundherum. An alles wurde gedacht: hochmoderne Wärmedämmung aus Torf in den Außenwänden, eine Einbauküche mit Bauhausvorratsgefäßen, drehbare Fenster.

Haus am Anger in Erfurt: Produkt demokratischen Schaffensprozesses. Foto: Claudia Diemar
Haus am Anger in Erfurt: Produkt demokratischen Schaffensprozesses. Foto: Claudia Diemar
Doch Weimars Nachbarstadt Jena war für die Bauhauskünstler die vielleicht wichtigere Plattform zur Präsentation ihres Schaffens. Hier entstanden Gebäude wie das Studentenhaus und das „Abbeanum“ als mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät sowie gut erhaltene private Villen im Stil der neuen Sachlichkeit. Auch in Erfurt ist das Bauhaus in vielen öffentlichen Gebäuden vertreten. Industrielle und Mäzene aus dem örtlichen Kunstverein boten hier den jungen Talenten eine Chance zur Realisierung ihrer kühnen Architektur. Jeweils zwei Ausstellungen werden daher in Erfurt und Jena vom Frühling bis zum Herbst zu sehen sein.

Das Weimarer Land mit seinen Dörfern bot dem Maler und begeisterten Tourenradler Lyonel Feininger eine Fülle von Motiven. Kein Wunder daher, dass in Apolda im „Kunsthaus Avantgarde“ gleichfalls von September an das Bauhaus anschaulich vertreten sein wird. Apolda erhofft sich davon neue Impulse, denn die einstige Stadt der Strickwaren ist seit der Wende in der Krise. Auch das Bauhaus kannte Notzeiten. Seine Studenten hungerten während der Weltwirtschaftskrise. Gropius schrieb damals an eine Freundin: „Kannst Du mir nicht helfen, ein paar Kapitalisten zu finden?“ Vielleicht richten es ja heute die kulturinteressierten Touristen. Claudia Diemar

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