ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009Allgemeinmedizin: Bessere Vernetzung soll den Hausärztemangel bekämpfen

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Allgemeinmedizin: Bessere Vernetzung soll den Hausärztemangel bekämpfen

Joos, Stefanie; Szecsenyi, Joachim

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Strukturierter Weg zum Facharzt: Die „Verbundweiterbildung- Plus“ garantiert eine nahtlose Rotation über den gesamten Weiterbildungszeitraum. Foto: Superbild
Strukturierter Weg zum Facharzt: Die „Verbundweiterbildung- Plus“ garantiert eine nahtlose Rotation über den gesamten Weiterbildungszeitraum. Foto: Superbild
Der Beruf Hausarzt muss für Studierende und Ärzte attraktiver werden.
Um die Aus-, Weiter- und Fortbildung zu koordinieren, wurde in Baden-Württemberg das „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin“ gegründet.

Der Mangel an Hausärzten wird in den kommenden Jahren viele Regionen betreffen, in manchen ist er schon heute Realität. Daher fördert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg seit Juli 2007 das „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin“. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk der fünf allgemeinmedizinischen Universitätsstandorte in Baden-Württemberg: Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen, Ulm. Ziel des Kompetenzzentrums ist es, mehr allgemeinmedizinischen Nachwuchs zu gewinnen und damit die hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg zu sichern.

Allgemeinmedizin aufwerten
Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Allgemeinmedizin für Studierende und Weiterbildungsassistenten attraktiver werden. Das Gleiche gilt aber auch für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und anderen medizinischen und nicht medizinischen Gesundheitsberufen. Das Kompetenzzentrum koordiniert und fördert deshalb standortübergreifend die Aktivitäten in Forschung, Lehre, Weiter- und Fortbildung.

Kernthemen des Kompetenzzentrums sind folgende Bereiche:
- Identität/Berufsfeld
- Aus-, Weiter- und Fortbildung
- Koordinierung der Versorgung. Zur Bearbeitung der Themen wurden standortübergreifende Arbeitsgruppen gebildet. Mit Mitteln des Ministeriums finanziert das Kompetenzzentrum an jedem der fünf Universitäten eine Stelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Außerdem stehen Fördergelder für die Leitung des Kompetenzzentrums und für Sachmittel zur Verfügung. Darüber hinaus hat das Kompetenzzentrum einen externen wissenschaftlichen Beirat. Es besteht eine Kooperation mit Wissenschaftlern der Universitäten Manchester in Großbritannien und Nimwegen in den Niederlanden.

Ohne erfolgreiche Forschung ist jedes Fach für den studentischen Nachwuchs unattraktiv, erreicht kein akademisches Profil und wird im Gesundheitssystem nicht wahrgenommen. Um die Forschung im Fach Allgemeinmedizin zu fördern, hat das Kompetenzzentrum ein curriculäres Fortbildungsprogramm konzipiert (HeiTrain). Die ganztägigen Veranstaltungen des HeiTrain-Programms finden einmal monatlich an wechselnden Standorten statt. Sie bestehen aus Inputvorträgen zu Forschungsmethodik, Datenmanagement, Projektmanagement, wissenschaftlichem Schreiben und Lehrforschung. Außerdem bilden die Veranstaltungen einen Rahmen für die themenbezogene Projektarbeit in den jeweiligen Arbeitsgemeinschaften. Somit werden gezielte Fortbildung und Projektarbeit kombiniert, was dazu führt, dass insbesondere neue Mitarbeiter der allgemeinmedizinischen Abteilungen/Lehrbereiche rasch für die Forschung qualifiziert werden. Sie können dann selbstständig Projekte entwickeln, planen und durchführen. Mitarbeiter der fünf Standorte haben bereits zahlreiche Forschungsprojekte begonnen.

Das Kompetenzzentrum will das Niveau der Lehre in der Allgemeinmedizin anheben. Die Standorte sollen sich dazu besser austauschen und die Lehrinhalte harmonisieren. Außerdem soll die Qualifizierung der akademischen Lehrpraxen fortentwickelt werden. Um gemeinsame Ziele zu identifizieren, fanden bereits mehrere Treffen von Lehrenden der Standorte statt. Die Beteiligten haben eine Übersicht über die Lehraktivitäten erstellt. Zudem entstand ein Schulungsprogramm für Hausärzte, die Studierende im Rahmen des praktischen Jahres ausbilden. Dieses wird den Lehrpraxen kostenfrei angeboten.

Weiterbildung koordinieren
Wer in Deutschland Hausarzt werden will, steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss sich die erforderlichen Weiterbildungsabschnitte in Kliniken und Praxen in Eigenregie organisieren. Eine externe Koordination der Stellenfolge gibt es nicht. Viele Bewerber sind außerdem verunsichert, was die Qualität der Weiterbildungsstätten und die Vergütung angeht.

Mit der „Verbundweiterbildung-Plus“ unterstützt das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin die Bildung regionaler Weiterbildungsverbünde – bestehend aus Kliniken und niedergelassenen Allgemeinmedizinern, die den jungen Ärzten strukturierte und nahtlose Rotationen über den gesamten Zeitraum ihrer Weiterbildung garantieren. Zum jetzigen Zeitpunkt haben bereits sieben Verbünde in ganz Baden-Württemberg ihre Kooperation zugesagt. Zwölf weitere – insbesondere auch im ländlichen Raum – sind zurzeit im Aufbau.

Die Weiterbildungsassistenten erhalten innerhalb der „Verbundweiterbildung-Plus“ ein kontinuierliches Mentoring sowie ein Angebot an Weiterbildungsmodulen. Konzipiert und veranstaltet werden diese vom Kompetenzzentrum. Damit die Assistenten die Module und allgemeinmedizinischen Kongresse besuchen können, sichern ihnen die Verbundpartner zehn Fortbildungstage im Jahr zu. Um die Weiterbildungsinhalte transparent und evaluierbar zu machen, soll zudem ein Curriculum entwickelt werden.

Angebote evaluieren
Das Kompentenzzentrum will mit der „Verbundweiterbildung-Plus“ aber nicht nur die Weiterbildung besser strukturieren, sondern auch einen Beitrag zur nachhaltigen Identitätsfindung der Allgemeinmedizin leisten. Die Assistenten sind in ihrer Weiterbildung nicht mehr isoliert und auf sich allein gestellt.

Bislang sind mehr als 25 Bewerbungen für die Verbundweiterbildung eingegangen, was darauf hindeutet, dass das Programm gut angenommen wird. In den ersten Auswahlgesprächen hat sich gezeigt: Für die Bewerber ist neben der kontinuierlichen und strukturierten Weiterbildung mit festem Rotationsschema insbesondere die Anbindung an akademische Strukturen attraktiv. Das gilt vor allem für Bewerber, die sich für eine Stelle in einem ländlichen Gebiet entscheiden. Für die Verbundweiterbildung können sich sowohl Berufsanfänger als auch Ärzte in fortgeschrittener Weiterbildung jederzeit bewerben.

Darüber hinaus hat das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin in Kooperation mit dem europäischen Netzwerk junger Allgemeinmediziner (Vasco da Gama Movement) eine Online-Umfrage zum Thema Weiterbildung initiiert. Alle sich in der Weiterbildung zum Allgemeinarzt befindlichen Assistenten beziehungsweise junge Fachärzte (bis fünf Jahre nach der Prüfung) können im Internet unter http://vdgm-fragebogen.competence-base.net an einer Umfrage teilnehmen. Die Ergebnisse ermöglichen eine internationale Vergleichbarkeit und können damit Hinweise liefern, wie die Weiterbildungssituation in Deutschland verbessert werden kann.

Probleme gibt es aber nicht nur in der Weiter-, sondern auch in der Fortbildung. Die bestehenden Angebote sind meist zu wenig an die Praxis angepasst. Deshalb hat die Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung in Heidelberg den „Tag der Allgemeinmedizin“ entwickelt. Dieses Konzept beinhaltet Work-shops für Hausärzte und Medizinische Fachangestellte, die sich eng an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientieren. Sie sind nicht von der Industrie gesponsert und passen zu den Fortbildungs- und Qualitätsanforderungen der neuen hausarztzentrierten Verträge. Der „Tag der Allgemeinmedizin“ findet zweimal jährlich in Heidelberg statt. Entsprechende Angebote gibt es mittlerweile aber auch in Freiburg und Tübingen. Das Konzept soll auf alle Standorte des Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin ausgeweitet werden.

Das Kompetenzzentrum bringt seine Erfahrungen auch in die gesundheitspolitische Diskussion zur hausärztlichen Versorgung ein. Gemeinsam mit dem Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst lud es im Oktober 2008 zur Fachtagung „Zukunft der hausärztlichen Versorgung in Baden-Württemberg“ ein. Politik, ärztliche Selbstverwaltung, Verbände, Kostenträger und Universitäten diskutierten über laufende und geplante Aktivitäten. Die Veranstaltung wurde von den Teilnehmern als positiv bewertet und ist ein Ansporn für alle Institutionen und Gremien, beim Thema Nachwuchsförderung stärker zusammenzuarbeiten.
Dr. med. Stefanie Joos
Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi
Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin
Baden-Württemberg

www.kompetenzzentrum-allgemeinmedizin.de
www.verbundweiterbildung-allgemeinmedizin.de
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