ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2009Die Kunst des Hier und Jetzt: Requiem für eine Buche

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Die Kunst des Hier und Jetzt: Requiem für eine Buche

Diers, Knut

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LNSLNS Landart: Für die einen ist es Spinnerei, für die anderen der Weg zurück zur Natur und zu sich selbst.

Zum Abschied spielt der Wind ein Lied auf Ferdinands Buchenorgel.
Zum Abschied spielt der Wind ein Lied auf Ferdinands Buchenorgel.
Sie pusseln in der Erde herum, suchen Blätter und Zweige, um ein Kunstwerk zu schaffen, das in die Natur passt. Bald ist es wieder vom Wind verweht, aber das macht nichts. Sich beim Erschaffen flüchtiger Landschaftskunst im Hier und Jetzt fühlen – dabei entspannen sich immer mehr Menschen.

Ortstermin am Benther Berg bei Hannover. Rosemarie zupft noch. Sie hat drei Pfützen auf einem Waldweg entdeckt. Diese umrahmt sie mit saftig grünen Blättern. „Ich habe Weichziest genommen, das ist so ähnlich wie Brennnessel“, erläutert sie ihr auffälliges Kunstwerk. Dann erzählt sie von den Hunden. Einer hat die Hälfte des Blätterrunds weggetrampelt. Manche Menschen scheinen ähnlich eingestellt zu sein. „Spinnerei“, „Ist das Kunst?“ und „Opas Ameisentheater“ waren die Begriffe, die sie sich während ihrer filigranen Bodenarbeit anhören musste. „Opas Ameisentheater klingt ja noch gut“, meint Wolfgang. Der 52-jährige Garten- und Landschaftsarchitekt leitet mit seinem Kollegen Frank das Seminar zur Landart. Die Runde aus mehr als zehn Teilnehmern steht jetzt auf einem Weg auf dem Benther Berg. Es ist Abschlussbesprechung. Das klingt formell, ist aber ein lauschiger Rundgang durchs Unterholz zu den einzelnen Kunstobjekten, die die Teilnehmer an diesem Wochenende im Wald geschaffen haben. Rosemarie ist als Erste dran. Sie erzählt von ihrer Kindheit, einer Seenlandschaft und ihrem vier Kilometer langen Schulweg auf dem Land. All diese Erinnerungen kamen für sie zurück, als sie diese Pfützen sah. Dann die Blätter, die etwas stinken, wenn man sie zerreibt – das ist ein Gewächs, wie sie es aus ihrem Schrebergarten kennt.

Gestalten aus dem, was vor Ort wächst oder herumliegt: Seminarleiter Wolfgang Buntrock (vorn) berät einen Künstler.
Gestalten aus dem, was vor Ort wächst oder herumliegt: Seminarleiter Wolfgang Buntrock (vorn) berät einen Künstler.
Landschaftskunst – das ist Einfühlen in die Natur, Erspüren des Ortes, Loslassen vom Alltag, sich Einfühlen ins Hier und Jetzt. Es geht um das Gestalten eines Kunstobjekts aus den Materialien, die an diesem Ort wachsen oder herumliegen. In Deutschland, der Schweiz und in Österreich boomt die Landschaftskunst oder auch Landart. Christo und Jeanne-Claude, die Verpackungskünstler des Reichstags, gehören zu der Bewegung. Andy Goldsworthy gilt als einer ihrer Begründer.

Frank Nordiek und Wolfgang Buntrock sind zwei aufstrebende Experten mit ihrem Landart-Atelier in Hannover. Sie haben an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen. „Wir setzen Starenkästen in den Niederlanden, bauen Schwengelpumpen im Fläming in Brandenburg und haben vergangenes Jahr zum Thema Traktoren in Österreich eine Wahnsinnsinstallation gehabt“, freut sich Frank.

Rosemaries Pfützen sind irgendwann weggetrocknet. Sie legt in den äußeren Ring kleinere Blätter. Es ist eine fast meditative Arbeit, eine, bei der man alles um sich herum vergisst. Fallen lassen in das, was die Natur einem vorgibt, ohne Zeitdruck auf die innere Stimme hören, auf die Intuition. Das alles wird so oft verschüttet im Alltag. Hier blüht es auf und wird belohnt durch den Zuspruch der anderen.

„Öffne dich der Ausstrahlung eines Ortes“: Rosemarie zupft Weichziest zu einem Pfützenprojekt. Fotos: Knut Diers
„Öffne dich der Ausstrahlung eines Ortes“: Rosemarie zupft Weichziest zu einem Pfützenprojekt. Fotos: Knut Diers
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Hunde, kopfschüttelnde Spaziergänger, Zecken – damit erschöpft sich die Riege der natürlichen Feinde von Landart. Ferdinand hatte gegen keinen von ihnen zu kämpfen. Er fand im Unterholz eine vom Wind niedergedrückte Buche, ein kräftiges Exemplar. „Ich bin ein nüchterner Mensch“, beginnt er seinen kleinen Vortrag, „aber dieser Baum tat mir leid.“ Ferdinand schnitzte aus Zweigen ein Gestell, errichtete es auf dem waagerecht liegenden Stamm und verband es mit einem Juteseil. „Das ist hier mal erlaubt, obwohl der Bindfaden nicht von diesem Ort stammt“, kommentiert Seminarleiter Frank Ferdinands Tun. Am Seil hängen etwa 40 Zentimeter lange Paare von gerade gewachsenen Buchenzweigen. Im Wind schlagen sie gegeneinander und lassen ein Lied erklingen. „Der Wind, der sie gefällt hat, spielt ihr ein Lied zum Abschied“, erzählt Ferdinand voller Eifer, „ich nenne es mal ,Requiem für eine Buche‘“. Das löst Staunen aus. So hat kaum einer an diesem Wochenende die Landart-Idee auf den Punkt gebracht.

„Entdecke das Besondere des Ortes“, hatte Frank den Teilnehmern mit auf den Waldweg gegeben. „Öffne dich der Ausstrahlung eines Ortes.“ Die Besonderheit der Landschaft muss in einem zentralen Punkt aufgegriffen werden, dann ist es eine gute Installation. Jetzt schlägt er mit einem Holz gegen die 20 Pendel und spielt das Lied, das sonst der Wind spielt: „Die Waldarbeiter werden sich wundern.“

Sicher, fast jeder schießt Fotos von seinem Kunstwerk. Ansonsten wissen alle: Die Werke sind vergänglich, und das sehr schnell. Rosemaries Blätter lagen am Abend schon nicht mehr in der Ordnung, die sie vorgegeben hatte. Ferdinands Buchenorgel wird spätestens von den Waldarbeitern zum Schweigen gebracht, die den Stamm zerschneiden. „Das macht nichts“, sagt eine andere Teilnehmerin, „wir leben heute, für diesen Moment, bei der Landart sind wir für Stunden ein Glied in der Natur. Es ist die Kunst des Hier und Jetzt. Da spürst du die Kraft.“ Knut Diers

Informationen: Seminare zur Landart findet man im Internet unter www.landart.de. Die Künstler Wolfgang Buntrock und Frank Nordiek sind unter der Telefonnummer 01 79/4 73 15 95 zu erreichen.

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