ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009„Bedingungslos“: Liebe in den Zeiten der Amnesie

KULTUR

„Bedingungslos“: Liebe in den Zeiten der Amnesie

Osterloh, Falk

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Der dänische Ausnahmeregisseur Ole Bornedal nimmt den Zuschauer in einem Film noir mit auf die poetische Suche nach den Untiefen der Liebe.

Manchmal ist die Liebe am schönsten, wenn sie nur im Hier und Jetzt existiert, wenn sie losgelöst ist von allen Verbindlichkeiten der Vergangenheit. Julia und Sebastian erleben eine solche Liebe. Nach einem schweren Verkehrsunfall erhält Julia die Diagnose: Erblindung und retrograde Amnesie. Sie erinnert sich nicht mehr an Sebastian, mit dem sie eine intensive Zeit in Asien verbrachte und der sie nun liebevoll am Krankenbett pflegt. Mit seiner Hilfe verbessert sich ihr Gesundheitszustand rasant, und Julia und Sebastian wird der Moment, jeder Moment, zu einer reinen Reflexion ihrer Liebe. Doch da gibt es noch ein Problem: Sebastian ist gar nicht Sebastian. In Julias Leben hat sich ein Betrüger geschlichen, der verzweifelt versucht, auch seine Vergangenheit aus seinem Gehirn zu verdrängen. Doch man ahnt es schon: Es wird bei dem Versuch bleiben. Die Liebe zweier Menschen in ein zeitloses Sublimat gießen zu wollen, bleibt eine Utopie. Die Vergangenheit lässt sich nicht vertreiben.

In Julias Leben hat sich ein Betrüger geschlichen, der verzweifelt versucht, auch seine Vergangenheit aus seinem Gehirn zu verdrängen. Foto: Nordisk Film
In Julias Leben hat sich ein Betrüger geschlichen, der verzweifelt versucht, auch seine Vergangenheit aus seinem Gehirn zu verdrängen. Foto: Nordisk Film
Der neue Film von Ole Bornedal („Nachtschicht“) bietet verschiedene Komponenten eines sogenannten Neo-Noir-Films. Eine Frau mit einem Geheimnis. Ein Mann, der dieser Frau verfällt. Und eine Lichtkomposition, bei der eine finstere Parallelwelt durch die Ritzen des Alltags scheint. Doch „Bedingungslos“ ist mehr als das. Der Film wirft Fragen auf über das Wesen der Liebe, über die Bedeutung von Erinnerung für das menschliche Bewusstsein. In einer Szene zeigt ein Gerichtsmediziner anhand des Gehirns eines Toten, wo die Liebe beim Menschen verortet ist: an einer Stelle, wo sich das Begehren und der Wunsch nach Harmonie überschneiden – „zwei unvereinbare Bedarfsartikel“, erklärt der Pathologe. „Deshalb ist das Resultat die Hölle.“ Heißt das, die Liebe ist nur ein biochemisches Abfallprodukt, elektrische Impulse zur falschen Zeit am falschen Ort? Nicht die Lösung aller Probleme, sondern deren Ursache?

Die retrograde Amnesie ist kein seltener Gast im Thrillergenre, ermöglicht sie doch die scheibchenweise Aufdeckung eines düsteren Geheimnisses. So liefert „Bedingungslos“ eine solide, aber keine erstaunliche Kriminalgeschichte. Erstaunlich ist hingegen, wie Regisseur Bornedal durch die Art (nur zufällig das englische Wort für „Kunst“?) seiner Inszenierung neue Bedeutungsebenen öffnet und Poesie schafft, wo andere Regisseure die Zuschauer nur mit Schrecken ködern wollen. Selten wurde zum Beispiel ein Autounfall so zärtlich, so bildschön dargestellt. Mithilfe eines großartigen Schnitts erhält der Film nicht nur eine stete, elegante Beschleunigung, sondern es werden Erzählstränge in einer einzigen, fließenden Bewegung gegenübergestellt und wie selbstverständlich zu einer neuen Realität verwoben. Und Realitätserneuerung erscheint in Bornedals Bestandsaufnahme seines Heimatlandes am Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus als erstrebenswertes Ziel. Denn der Nährboden für die Fluchtversuche der Protagonisten ist das dänische Kleinbürgertum, für das der samstägliche Familieneinkauf im Supermarkt das Highlight der Woche ist. Im Ergebnis ist „Bedingungslos“ ein herausragend inszenierter, in poetische Bilder gefasster Krimi über Menschen, die durch die Liebe aus ihrem einförmigen Vorortleben ausbrechen wollen, doch von der bitteren Realität eingeholt werden. „Bedingungslos“ war der erfolgreichste dänische Film des Jahres 2007.
Falk Osterloh
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