ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009Johann Sebastian Bach: Sudoku des Hochbarock

KULTUR

Johann Sebastian Bach: Sudoku des Hochbarock

Goertz, Wolfram

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Hans-Eberhard Dentler: Johann Sebastian Bachs „Musicalisches Opfer“. Musik als Abbild der Sphärenharmonie. Schott Musikwissenschaft. Schott Music, Mainz 2008, 207 Seiten, kartoniert, 39,95 Euro
Hans-Eberhard Dentler: Johann Sebastian Bachs „Musicalisches Opfer“. Musik als Abbild der Sphärenharmonie. Schott Musikwissenschaft. Schott Music, Mainz 2008, 207 Seiten, kartoniert, 39,95 Euro
Die Fans von Johann Sebastian Bach bewegt seit Langem die Frage nach dem Sinn seines späten Rätselwerks, des „Musicalischen Opfers“. Handelt es sich bei diesem 1747 von König Friedrich dem Großen angeregten Zyklus aus einer Triosonate, kniffligen Fugen und artifiziellen Kanons um eine riesige Knobelaufgabe, gar um eine Demonstrationsshow aus Bachs einzigartiger kontrapunktischer Werkstatt? Gibt es einen unbekannten spirituellen Kern, von dem man bislang nur die Randbereiche identifiziert hat?

Hans-Eberhard Dentler, Arzt und Cellist zugleich, hat jetzt die gleichsam endokrine Steuerung des Komponiervorgangs erforscht und die Frage beantwortet, was Bach hier hat sagen wollen. Bislang war es üblich, die originale Reihenfolge der Sätze wild zu vertauschen, als seien zerebrale Schichtaufnahmen neu zu sortieren. Falsch, lehrt Dentler. Er baut für seine Bach-Analyse ein mächtiges geistesgeschichtliches Fundament auf, um nachzuweisen, dass der Thomaskantor sein Werk in ein kopernikanisches System stellte, in dem alles seinen interstellaren Platz hat; Astronomie, Rhetorik und Mathematik sind die Trigger und Bezugsdisziplinen gleichermaßen. Tatsächlich muss man sich klarmachen, dass Bach das Werk nicht nur aus Gehorsam schrieb, sondern auch aus Lust – für Lorenz Mizlers „Societät der akademischen Wissenschaften“, eine elitäre Runde von Tüftelbrüdern; Friedrich selbst war ja ein gebildeter Mann, den das Denken ebenso vergnügte wie das Regieren.

Irdische Musik, kosmische Musik, Sonne, Mond und sogar die Einleitungsrede als Rahmenpunkte, in der Mitte eine Symmetrieachse, um welche alles wie in einer Kathedrale gespiegelt ist: Ein solches Sudoku des Hochbarock konnte nur Bach einfallen. Der Preußenkönig, Herrscher vor Gott und Welt, hatte genau gewusst, warum er ihm den Auftrag gab.
Wolfram Goertz
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