ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2009Gründe für den Ärztemangel: Der Feind in meinem OP

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Gründe für den Ärztemangel: Der Feind in meinem OP

Dtsch Arztebl 2009; 106(14): A-681 / B-581 / C-565

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Zum Bersten gespannt ist die Stimmung im OP. Geredet wird nur, um zu kritisieren. Erklärt wird nichts. Foto: Daniel Rühmkorf
Zum Bersten gespannt ist die Stimmung im OP. Geredet wird nur, um zu kritisieren. Erklärt wird nichts. Foto: Daniel Rühmkorf
Irgendwo in einem deutschen Krankenhaus: Voller Elan startet eine junge Ärztin ihre Weiterbildung zur Anästhesistin. Nur sechs Monate später hat sie genug und kehrt der kurativen Medizin den Rücken.

Heute ist es so weit: Mein erster Arbeitstag als Ärztin in der Anästhesie! Nach sechs Jahren Studium heißt es: Verantwortung übernehmen. Keine Angst, es wird bestimmt ein Tutoriat und eine kurze Schonzeit geben, bevor man alleine auf Patienten „losgelassen“ wird, und ich bin nicht auf den Mund gefallen: Wenn etwas unklar ist, wird nachgefragt! Das hat immer funktioniert, und Illusionen hatte ich nie.

Pünktlich um 7.30 Uhr sitze ich in der Morgenbesprechung und blicke in die große Runde. Das sind also meine neuen Kollegen. Die meisten Assistenten sind sehr jung. Das spricht wohl für die Klinik, wenn so viele motivierte Leute nach dem Examen hier anfangen. Obwohl einige deprimiert aussehen, aber das liegt bestimmt an der Uhrzeit.

Für die ersten drei Monate bin ich in der Orthopädie eingeteilt. Kein Zuckerschlecken für den Anfang, wie mir meine Kollegen berichten: Da kann es ziemlich heiß zugehen, aber man könnte – „wenn man darf“ – sogar Regionalanästhesien lernen. Wenn man darf? Natürlich möchte ich diese nicht gleich in den ersten Wochen üben – zunächst muss eine einfache Narkose funktionieren. Die Aussage irritiert mich ein wenig, aber ich bin ja motiviert. Wer ist nun mein Tutor? Die Antwort lautet: Es gibt keinen! Von der Klinik meines Anästhesie-PJ kenne ich das anders, aber „Learning by doing“ ist ja auch nicht schlecht.

Vom zweiten Arbeitstag an stehe ich ganz allein im OP. Wo kommt denn dieser Alarm jetzt her? Ruhig bleiben, die Spritze in die Hand nehmen und rein damit. Entwarnung. Wo ist denn der Oberarzt? Rauchen, heißt es. Ich weiß noch nicht einmal, wo ich im Notfall wichtige Dinge finde. Keiner hat mir etwas gezeigt, und zum Selbstnachforschen hatte ich bisher keine Gelegenheit. Hauptsache, ich stehe hier im Saal und beobachte die Monitore.

Der Oberarzt sieht mich ständig finster an. Auf meine Versuche, mit ihm zu kommunizieren, reagiert er nicht. Argwöhnisch beäugt er mein Handeln, erklärt nichts und redet nur mit mir, wenn er mich kritisiert. Rückmeldung darüber, was ich hätte anders oder besser machen können, um zu lernen, bekomme ich nicht. Fragen werden mit Augenverdrehen oder Sätzen wie: „Sie haben doch studiert, oder? Dann lesen Sie doch selbst nach!“ beantwortet.

Jeden Tag das gleiche Spiel, und ich frage mich, ob ich vielleicht besser putzen gehen sollte. Wie konnte ich nur das Studium durchziehen, wenn ich anscheinend so dumm bin? Liegt das alles an mir? In meinen zahlreichen Famulaturen und im praktischen Jahr hatte ich soziale Inkompetenz und Respektlosigkeit in diesem Maß nicht erlebt. Im Gegenteil: Meine Offenheit und Teamfähigkeit waren gelobt worden, und nun bekomme ich Sätze zu hören wie „Sie sind zum Arbeiten und nicht zum Reden hier“ – ich hatte versucht, eine ängstliche, weinende Patientin zu beruhigen.

Was ist hier los? Bin ich zu empfindlich, ist meine Wahrnehmung verzerrt? Dass sie das nicht ist, bestätigen mir meine Leidensgenossen, indem sie ihre Erlebnisse zum Besten geben. Lachen kann darüber keiner, im Gegenteil: Ich erfahre, dass Assistentinnen schon weinend den OP verließen, dass Gespräche mit dem Chef stattfanden wegen unstrukturierter Weiterbildung und unzureichender Assistentenbetreuung. Die scheinen vieles über sich ergehen zu lassen und abzustumpfen. Will ich das? Nein. Und heulen werde ich mit Sicherheit nicht!

Da ich mit meinem freundlichen, interessierten Wesen nicht weiterkomme, meine Fragen permanent zynisch kommentiert und ich als Person ignoriert werde, beschließe ich, den Oberarzt auch nicht zu beachten und nur essenzielle Dinge zu fragen. Das wiederum ändert gar nichts, und es liegt eine fühlbare Spannung in der Luft. Soll ich mit ihm darüber sprechen?

Ich frage den stellvertretenden Chef um Rat, zu dem ich einen ganz guten Draht habe. „Sind Sie wahnsinnig? Vergessen Sie das! Da müssen Sie durch! Sie werden sich in einem Jahr nicht mehr wiedererkennen, denn Sie sind in einer der strengsten Hierarchien gelandet, schlimmer als bei der Bundeswehr . . .“ Toller Vergleich: Ich stehe wirklich jeden Tag an der Front, und die Zahl der Kriegsverletzungen wird nicht weniger.

Natürlich verändere ich mich: Ich quäle mich zur Arbeit, komme frustriert nach Hause und frage mich jeden Tag: wofür? Woanders ist auch nicht alles perfekt. Dennoch verdient man für gleich viel Arbeit mehr Geld, hat ein angenehmeres Betriebsklima und geregelte Arbeitszeiten.

Es folgt die Eskalation – ohne erkennbaren Grund. Morgens betrete ich den OP und werde von besagtem Oberarzt sofort in den Aufenthaltsraum zitiert. Er komme gleich, müsse mit mir reden. Was um Himmels Willen ist denn jetzt schon wieder los? Das Herz schlägt mir bis zum Hals, tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Habe ich einen Fehler gemacht, einem Patienten geschadet? Ich denke nach, mir fällt nichts ein. Nach zehn Minuten kommt er, knallt die Tür zu und schreit mich an, dass er keine Lust mehr habe, mit mir zu arbeiten. Die Frage, was für ein Problem er mit mir habe, kann ich nicht zu Ende formulieren, weil er mich sofort unterbricht: „Lassen Sie das Geplapper!“ Er will, dass ich in eine andere Abteilung wechsle. Das werde ich bestimmt nicht tun. Jetzt erst recht nicht! Ich kehre in den OP zurück, beiße die Zähne zusammen und mache meine Arbeit.

Da die Situation für ihn anscheinend noch unerträglicher ist als für mich, lässt er mich nach einer weiteren Woche versetzen. Erneut suche ich das Gespräch mit dem Stellvertreter des Chefs; vor allem, weil ich nicht weiß, was mein „Feind“ über mich verbreitet. Ohne Scheu lege ich meine Sicht der Dinge dar, um die verlegene Antwort zu erhalten: „Mit ihm ist es nicht leicht. Das kennen wir schon, jetzt sind Sie ja weg von dort.“ Nimmt die Sorgen und Probleme der Assistenten hier denn keiner ernst?

Dem Klinikdirektor begegne ich nur, wenn ich Privatpatienten behandele. Fragen, wie man sich eingelebt hat, wie es einem an der Klinik gefällt, werden nicht gestellt.

Interesse besteht lediglich darin, ob die Zeiten im Protokoll korrekt erfasst sind, damit es keine finanziellen Einbußen bei der Abrechnung gibt. Kritik hagelt es, wenn man sich im OP primär um den bereits narkotisierten Patienten kümmert und erst danach um das Protokoll. Ist es denn egal, ob Beatmung, Lagerung und Vitalwerte in Ordnung sind?

Nach drei Monaten bin ich „durch“ mit dem Job – an dieser Klinik und im Allgemeinen. Ich beschließe, „Dienst nach Vorschrift“ zu tun und meiner Verantwortung gerecht zu werden. Parallel strecke ich meine Fühler nach Berufsalternativen aus.

In der Abteilung, in der ich jetzt arbeite, herrscht zwar kein offenes Gefecht zwischen Oberärzten und Assistenten, dafür wird psychologische Kriegsführung eingesetzt („Denken Sie an die Vertragsverlängerung“). Vorne wird einem ins Gesicht gelacht und hinten das Messer hineingerammt. Nicht nur mir – das muss betont werden. Es reicht!

Sechs Monate nach Arbeitsbeginn habe ich eine Stelle außerhalb der kurativen Medizin gefunden. Meine Kündigung zieht weite Kreise: Kollegen preisen meinen Mut und erneut zeigt sich, wie frustriert viele sind. Paradoxerweise „scharwenzelt“ die Oberarztriege ab diesem Zeitpunkt freundlichst um mich herum – sie haben Angst, dass ich Negativpropaganda betreibe.

Beim Chef lasse ich mir einen „Verabschiedungstermin“ geben. Als ich versuche, die krassen Missstände anzusprechen, schiebt er mich mit einem Lächeln Richtung Tür und wünscht mir einen guten Neustart. Kein Wort zu alledem, was abgelaufen ist. Er weiß es, aber es interessiert ihn nicht. Das Spiel läuft weiter – mit einem neuen Kandidaten . . .
Name der Verfasserin ist der Redaktion bekannt.
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