ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2009Zuzahlungen: Mehr Eigenbeteiligung gefordert

POLITIK

Zuzahlungen: Mehr Eigenbeteiligung gefordert

Dtsch Arztebl 2009; 106(15): A-696 / B-594 / C-578

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: ddp
Foto: ddp
Ein Konzept, das Grund- und Zusatzleistungen miteinander verbindet, kann nach Ansicht des Gesundheitswissenschaftlers Prof. Fritz Beske die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung finanziell sanieren.

Tiefer in die eigene Tasche greifen sollen Patienten künftig nach Ansicht von Prof. Dr. med. Fritz Beske, Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen nach seiner Ansicht nur noch eine Grundversorgung übernehmen. „Wir brauchen endlich klare und einsehbare Regelungen bei Zuzahlungen und Festbeträgen im Rahmen eines Gesamtkonzepts“, erklärte Beske bei der Vorstellung seiner neuen Studie „Zuzahlungen im Gesundheitswesen – Grundlagen, internationaler Vergleich und Konzept für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung“ am 2. April in Berlin.

Klare Regeln sollen es richten
Beske bedauerte, dass in Deutschland die Begrenztheit der finanziellen Mittel für die Gesundheitsversorgung nicht ausreichend gesamtgesellschaftlich diskutiert werde: „Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung wird mehr und mehr unfinanzierbar sein und braucht sowohl zusätzliches Geld als auch mehr Systematik“, betonte er. Das bisherige „Zuzahlungswirrwarr“ belaste zudem das Arzt-Patienten-Verhältnis durch ständige Diskussionen über Ausnahme- und Härtefallregelungen. Dies müsse ein Ende haben.

Der Leiter des IGSF-Instituts schlägt deshalb vor, alle über eine Grundversorgung hinausgehenden und individuell nachgefragten Leistungen von den Patienten privat finanzieren zu lassen. Die Grundleistungen sollen von den Krankenkassen als „Festzuschusses“ abgedeckt werden. Wählt der Versicherte eine darüber hinausgehende Leistung, hat er einen gesetzlichen Anspruch auf Erstattung dieses Grundbetrags. Die Krankenkassen sollen ihren Versicherten dabei zwischen Kostenerstattung und Abrechnung über eine Kassenärztliche Vereinigung wählen lassen. Auch chronisch Kranke will Beske nicht von den erhöhten Zuzahlungen ausnehmen. Für sie soll eine Belastungsgrenze von zwei Prozent statt wie bisher einem Prozent des Jahreseinkommens gelten.

Die Vorschläge im Einzelnen:

- Praxisgebühr: Beske fordert, die Praxisgebühr von zehn Euro in ihrer jetzigen Form abzuschaffen. Künftig solle sie nicht beim ersten Besuch im Quartal fällig werden, sondern erst von dem 4. Arztbesuch im Quartal an. Bei Hausbesuchen sollten die Patienten zehn Euro direkt an die Ärzte bezahlen, die diese behalten dürfen. Beske hofft, auf diese Weise unnötige Hausbesuche, die bislang nicht kostendeckend honoriert würden, vermeiden zu können.

- Zuzahlung bei Krankenhausbehandlung: Auch wenn Patienten länger als 28 Tage stationär behandelt werden müssen, sollen sie nach Ablauf dieser Zeit nicht wie bisher von der Zuzahlung befreit werden. Schließlich handele es sich bei der Zuzahlung um eine Eigenbeteiligung, die eher als Kosten- oder Verpflegungspauschale angesehen werden könne, meint Beske.

- Ambulante psychotherapeutische Versorgung: Hier sollten Patienten zehn Prozent der Kosten pro Sitzung zuzahlen. Die Selbstbeteiligung sieht Beske als Teil des therapeutischen Prinzips.

- Zuzahlungen bei Arzneimitteln: Auch hier sollten Versicherte mehr zahlen müssen. Fällig werden sollte bei jeder Arzneimittelabgabe künftig eine feste Zuzahlung in Höhe von fünf Euro und eine prozentuale Zuzahlung in Höhe von zehn Prozent der Differenz zum Gesamtbetrag des Arzneimittels (Kappungsgrenze von 20 Euro).

- Hilfsmittel: Die Krankenkassen sollten die Kosten generell nur bis zur Höhe eines bestimmten Festbetrags übernehmen. Eine Ausschreibung von Hilfsmitteln sollte es nicht mehr geben.

- Zahnmedizinische Versorgung: Das Festzuschusssystem sollte ausgeweitet werden, ohne dass der Patient den Anspruch auf eine Grundabsicherung verliert.

- Künstliche Befruchtung: Die Kosten der künstlichen Befruchtung möchte Beske zu je einem Drittel zwischen gesetzlicher Kran­ken­ver­siche­rung, den behandelten Ehepaaren und der öffentlichen Hand aufgeteilt sehen, da eine erhöhte Geburtenzahl auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse liege.

Im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium stoßen die Pläne von Beske auf Skepsis. „Es gibt immer Vorschläge“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt. Man müsse sie aber nicht alle umsetzen.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema