ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2009Wissenschaftsbetrug: Pure Imagination

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Wissenschaftsbetrug: Pure Imagination

Dtsch Arztebl 2009; 106(15): A-702 / B-598 / C-582

Gerste, Ronald D.

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Die Umstellung von Schmerzmanagement-Protokollen beruht auch auf Studien des Anästhesisten Scott Reuben. Foto: Fotolia
Die Umstellung von Schmerzmanagement-Protokollen beruht auch auf Studien des Anästhesisten Scott Reuben. Foto: Fotolia
Der bekannte Anästhesist Scott Reuben hat mit dreisten Fälschungen von Studien zur Schmerztherapie dem Ansehen der klinischen Forschung geschadet.

Nicht wenigen Ärzten ist es gelungen, sich mehrfach und aufgrund unterschiedlicher biografischer Wegmarken in die Geschichte der Heilkunst einzutragen – oder zumindest für eine gewisse Zeit Berühmtheit zu erlangen. Die Janusköpfigkeit einer ärztlichen Karriere der Gegenwart personifiziert der US-amerikanische Anästhesiologe Scott Reuben vom Baystate Medical Center in Springfield, Massachusetts: Das Vertrauen in ihn und seine wissenschaftlichen Arbeiten ist seit Veröffentlichung der Ausgabe von „Anesthesia and Analgesia“ am 20. Februar schlagartig auf null gegangen. Was war der Grund für die Abkehr von Respekt und Anerkennung durch die Öffentlichkeit?

Reuben gilt innerhalb seines Fachbereichs als einer der Begründer der multimodalen Analgesie, in seiner Heimat auch preemptive analgesia genannt. Kern dieses Ansatzes ist es, mit einer Kombinationstherapie unterschiedlicher Analgetika den Schmerz bereits vor der Wirkung der denselben auslösenden Stimuli zu behandeln – die Sensibilisierung des Nervensystems gegen schmerzauslösende Noxen quasi zu verhindern. Eine wichtige Anwendung der präemptiven Analgesie ist die perioperative Anwendung: durch Verabreichung eines multimodalen Analgesieregimes soll das Schmerzleitungssystem vor einer übermäßigen Aktivierung nozizeptiver Einflüsse geschützt werden. Reuben favorisierte vor allem die Gabe von Cyclooxygenase-2-Inhibitoren wie Celecoxib und von Pregabalin gegen neuropathische Schmerzen.

Noch im Jahr 2007 lobte ein Editorial der Zeitschrift „Anesthesia and Analgesia“ Reuben als einen Forscher, der „an vorderster Front bei der Umstellung von Schmerzmanagement-Protokollen“ stehe. Dieses und andere Fachorgane trifft nun die Erkenntnis hart, dass Reubens reiches wissenschaftlich-publizistisches „Œuvre“ größtenteils gefälscht worden ist. Allein zehn der bei „Anesthesia and Analgesia“ eingereichten Arbeiten haben sich inzwischen als Produkte der puren Fantasie von Scott Reuben entpuppt: Bislang sind 21 seiner 72 publizierten Studien der letzten 13 Jahre identifiziert worden, die nicht einfach – wie man es aus der Welt des publish or perish ja durchaus gewohnt ist – Plagiate waren, sondern rundum ersponnen und erlogen:

Studien mit Patienten, die nie behandelt wurden, und mit Analgetika, die nie injiziert, infundiert und ingestiert wurden. Die Dreistigkeit, mit der Reuben über viele Jahre Veröffentlichungen fabulierte, hat ihm nach Bekanntwerden dieses Skandals schnell den Ruf eines „Bernie Madoff der Medizin“ eingebracht, eines Gauners, der in derselben Liga spielt wie der Wall-Street-Betrüger Madoff.

Reubens Machenschaften flogen im vergangenen Mai auf, als sein Arbeitgeber bei einer Routineüberprüfung feststellte, dass er für zwei Studien keine Genehmigung vom Aufsichtsrat des Krankenhauses in Springfield eingeholt hatte. Das Krankenhaus stellte den 50-Jährigen vom Dienst als Chef der Akutschmerzabteilung frei. Über seine Anwältin ließ Reuben sein tiefes Bedauern ausdrücken, „er werde alles tun, damit sich so etwas nicht wiederholt“.

Der Chefredakteur von „Anesthesia and Analgesia“ spricht nun von „Millionen Patienten“, die weltweit in ihrer perioperativen Schmerzbehandlung durch Reubens Pseudoforschungen beeinflusst worden seien (siehe nachfolgenden Artikel). Doch noch ist eine Frage unbeantwortet: Haben Reubens Betrügereien den Betroffenen tatsächlich geschadet?

Einen Schaden hat auf jeden Fall das Vertrauen in die moderne medizinische Studienkultur davongetragen. Denn die Schmach bleibt in dieser Affäre nicht bei dem Einzeltäter allein hängen. Reuben, gewiss, hat gelogen und betrogen. Auch die Journale, die seine imaginären Studien veröffentlicht haben, und die medizinischen Koryphäen, welche die Studien im Peer-review-Verfahren geprüft haben, stehen in einem ungünstigen Licht da. Diese Meinungsbildner in die Irre zu führen, scheint nicht viel schwieriger gewesen zu sein, als gierigen Investoren Millionen aus dem Portfolio zu locken und in den Sand zu setzen.

In der öffentlichen Diskussion in den USA hat der Reuben-Skandal das Vertrauen in die Kontrollmechanismen der Medizin im Speziellen und der Wissenschaft im Besonderen nachhaltig erschüttert – ein Schock auch deswegen, weil man die Welt der Heilkunde und der Forschung noch am ehesten für immun gegen jene menschlichen Schwächen wie katastrophales Missmanagement und grenzenlose Gier hielt, die als Essenz der derzeitigen Wirtschaftskrise angesehen werden.
Dr. med. Ronald D. Gerste
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