ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Jochen Gerz: Original und Abbild

KUNST + PSYCHE

Jochen Gerz: Original und Abbild

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Die Spannung zwischen Original und Abbild ist für Jochen Gerz ein unerschöpfliches Feld. Längst vor unseren ersten Erfahrungen mit „virtuellen Realitäten“ hat er in seinen künstlerischen Arbeiten thematisiert, wie höchst fragwürdig unser Verhältnis zur Wirklichkeit und ihrer medialen Repräsentation ist. Aber was ist für uns heutzutage überhaupt noch „Wirklichkeit“? Haben wir uns nicht längst schon daran gewöhnt, dass es lediglich Ansichten gibt, bestenfalls in sich stimmig erscheinende Sichtweisen? Müssen wir nicht jeder dieser Sichtweisen kritisch gegenüberstehen, sie auf ihre Vorannahmen und Voraussetzungen hin befragen? Müssen wir uns nicht jeweils neu positionieren, um unsere eigene Sichtweise nicht zu verlieren?

Was heute zum Allgemeinwissen zählt, hat Jochen Gerz schon vor Jahrzehnten in der hier vorliegenden kleinen Foto-Text-Arbeit von 1974 thematisiert. Der kurze Text unterhalb der beiden Fotos lautet: „Er konnte den Verdacht nicht loswerden, dass allen Tatsachen zum Trotz beide, Bild und Text, in ein ganz anderes Duell verwickelt waren, in dem es darum ging, Beweise für einen Vorfall zu liefern, dessen Protagonisten ebenso gut nicht gelebt haben konnten. Ihm selbst war die Kenntnis auch nichts als ein neuer Ersatz.“ Gerz wirft uns mit dieser Bild-Text-Kombination auf die Unsicherheit unserer Wahrnehmung und deren Interpretation zurück und bedient sich dabei einer denkbar einfachen, unkomplizierten Alltagssituation, eines Einstiegs in die Metro in Paris. Zwei Schnappschüsse und einen sowohl handschriftlich als auch maschinengeschriebenen Text – mehr braucht Jochen Gerz nicht, um uns das Thema von der Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmung und ihrer Interpretation vor Augen zu führen.

Oder sollte der Künstler noch etwas ganz anderes gemeint haben?
Hartmut Kraft

Biografie Jochen Gerz
Geboren 1940 in Berlin. Studium der Literatur, Sinologie und Urgeschichte in Köln, Basel und London. Seit 1968 Arbeiten im öffentlichen Raum, seit 1984 häufig in Zusammenarbeit mit Esther Shalev-Gerz. Beteiligungen an der Documenta 5 (1972), 6 (1977) und 8 (1987) sowie an der Biennale Venedig 1976 (zusammen mit J. Beuys und R. Ruthenbeck). 1995 Deutscher Kritiker-Preis für Kunst, Berlin; 1998 Grand Prix National des Arts Plastiques, Paris. Lebt in Paris.

Literatur
Gerz J: Foto/Texte, The French Wall & Stücke. Badischer Kunstverein u.a., Karlsruhe 1975.
Gerz J: Griechische Stücke, Kulchur Pieces. Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 1984.
Gerz J: Daran denken. Texte in Arbeiten 1980–1996. Richter, Düsseldorf 1997.
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