ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Reihe Internationale Psychotherapie: Mexiko – Einkommen, Bildung und Wohnort sind entscheidend

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Reihe Internationale Psychotherapie: Mexiko – Einkommen, Bildung und Wohnort sind entscheidend

Sonnenmoser, Marion

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In öffentlichen Kliniken dominiert die psychiatrisch-medikamentöse Grundversorgung. Wer sich eine Privatklinik leisten kann, wird auch psychotherapeutisch behandelt. Die Berufsbezeichnung ist indes nicht geschützt.

Die moderne Psychologie hielt in Mexiko Ende des 19. Jahrhunderts Einzug und wurde hauptsächlich von europäischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern und deren Forschungen beeinflusst. In der klinischen Psychologie orientierte man sich jahrzehntelang an den Werken von Sigmund Freud und Erich Fromm. Neben der Psychoanalyse wurden aber auch der humanistische Ansatz von Carl Rogers sowie experimentelle und behaviorale Vorgehensweisen populär. An der hauptsächlich psychodynamischen Orientierung mexikanischer Psychologen und Psychotherapeuten hat sich bis heute kaum etwas geändert. Doch auch in Mexiko sind evidenzbasierte Formen der kognitiv-behavioralen Psychotherapie mehr und mehr auf dem Vormarsch.

Die Toleranz gegenüber einer Psychotherapie ist in der Stadt größer als auf dem Land. Eine Herausforderung besteht darin, auch die Menschen auf dem Land adäquat zu versorgen. Fotos: iStockphote
Die Toleranz gegenüber einer Psychotherapie ist in der Stadt größer als auf dem Land. Eine Herausforderung besteht darin, auch die Menschen auf dem Land adäquat zu versorgen. Fotos: iStockphote
Das mexikanische Gesundheitssystem gliedert sich in vier Bereiche. Drei davon dienen der Versorgung von Angestellten, Beamten und Bedürftigen und werden teils vom Staat und teils von Versicherungen finanziert; Beamte, Angestellte und deren Arbeitgeber müssen Abgaben leisten, für Arbeitslose, Nichtversicherte und Bedürftige ist die Versorgung hingegen kostenlos. Der vierte Bereich wird privat organisiert und finanziert. Sowohl Psychiater als auch Psychologen bieten Psychotherapie an. Um als Psychotherapeut praktizieren zu können, genügt eine Ausbildung zum Psychiater beziehungsweise die staatliche Anerkennung als Psychologe nach einem fünfjährigen Psychologiestudium, das auch supervidierte praktische Tätigkeiten umfasst. Spezielle Ausbildungsprogramme und Zertifizierungen für Psychotherapeuten sind noch in der Diskussion, und die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ ist nicht geschützt. Aus diesem Grund ist nicht genau bekannt, wie viele von den ungefähr 65 000 zertifizierten Psychologen Psychotherapie anbieten. Viele Psychologen sind in Berufsverbänden organisiert, von denen die Mexican Psychological Society und das Mexican College of Psychologists die größten sind. Klinische Psychologen gehören vor allem der Mexican Society of Behavior Analysis oder der Mexican Society of Clinical Psychology an. Sie organisieren ebenso wie der National Council for Research and Education in Psychology die professionelle Aus- und Weiterbildung, halten Kongresse ab und geben verschiedene Zeitschriften heraus, unter anderem das „Mexican Journal of Psychology“ oder „Psychology and Health“.

Allerdings lohnt sich der Beruf finanziell kaum, zumindest im öffentlichen Bereich. Psychologen verdienen in einer staatlichen Gesundheitseinrichtung wie dem Mexico Institute for Social Security 30 Prozent weniger als ein Arzt und zehn Prozent weniger als eine Krankenschwester. Ihr Gehalt entspricht dem eines Pflegers oder eines Sozialarbeiters. In der Hierarchie sind sie stets den Ärzten untergeordnet und arbeiten ihnen zu. Lediglich in privaten Kliniken und Praxen haben sie mehr Entscheidungsspielraum und werden besser bezahlt. Seit einigen Jahren sind jedoch auch in staatlichen Kliniken und Einrichtungen positive Veränderungen zu beobachten: Psychologen und Psychotherapeuten werden zunehmend anerkannt und respektiert. Ihre Aufgaben und Funktionen unterscheiden sich immer mehr von denen der Ärzte. Außerdem werden sie wesentlich häufiger in die Behandlung der Patienten einbezogen. Gelegentlich führen sie auch psychotherapeutische Interventionen durch, obwohl dies immer noch nicht ihre Haupttätigkeit ist.

Die Zeiten, in denen psychische Erkrankungen und die Konsultation eines Psychotherapeuten stigmatisierend waren, sind in Mexiko lange vorbei. Psychologie und Psychotherapie sind mittlerweile etablierte und angesehene Disziplinen, deren Dienstleistungen gern genutzt werden, obwohl die Medien manchmal noch Vorurteile schüren. Frau A. (siehe Fallbeispiel) hat jedoch ebenso wie viele ihrer Landsleute keine Scheu, sich professionelle Hilfe zu suchen. „Umfang und Art der Hilfe hängen allerdings stark von Einkommen, Bildungsstand und Wohnort des Hilfesuchenden ab“, sagt der Psychologe Juan José Sánchez-Sosa von der staatlichen Universität Mexiko-Stadt. So stehen Bewohnern von Städten mit hohen Einwohnerzahlen große Kliniken und ein breites Angebot an staatlichen und privaten Praxen und Kliniken zur Verfügung; Kleinstadt- und Landbewohner müssen sich hingegen mit Klinikambulanzen und relativ wenigen Anlaufstellen begnügen. In größeren Städten verfügen viele Bürger zudem über einen höheren Bildungsstand, sodass die Toleranz gegenüber psychischen Erkrankungen und die Bereitschaft, sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen, ausgeprägter sind als auf dem Land. Ein höheres Einkommen erlaubt darüber hinaus die Wahl zwischen staatlichen und privaten Therapieangeboten, während Geringverdienern nur der Gang zu öffentlichen Gesundheitsdiensten bleibt.

Aufgrund ihrer finanziellen Schwierigkeiten wird Frau A. sich bei ihrem Hausarzt vorstellen, der sie in eine staatlich finanzierte Klinik oder Ambulanz überweist. Sie wird dort allerdings kaum auf einen Psychologen oder Psychotherapeuten treffen, denn die wenigen Psychologen, die im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig sind, führen äußerst selten eine Psychotherapie durch, sondern hauptsächlich Diagnosen und Tests. Die Behandlung ist den Psychiatern vorbehalten, die in der Regel Psychopharmaka verschreiben. Psychotherapie wird, wenn überhaupt, nur ergänzend und in geringem Umfang angeboten. Dafür ist die Behandlung kostenlos. Lediglich an Universitätskliniken gibt es etwas mehr klinische Psychologen, die auch Psychotherapie anbieten. Sie arbeiten jedoch seltener mit psychodynamischen, sondern häufiger mit evidenzbasierten Verfahren als ihre Kollegen im privaten Sektor. Die kostenlosen Behandlungsmöglichkeiten werden allerdings nicht von allen Mexikanern genutzt. Vor allem im Südosten des Landes vertrauen sehr arme und ungebildete Menschen mit psychischen Problemen eher Kirchenvertretern oder Heilern statt der modernen Medizin und Psychotherapie.

Hätte Frau A. etwas mehr Geld zur Verfügung, könnte sie sich eine Behandlung in einer privaten Praxis oder Klinik leisten. Dort würde sie wahrscheinlich von einem Psychologen mit psychodynamischen Verfahren behandelt werden, der allerdings nur in Ausnahmefällen andere Spezialisten hinzuzieht. Die Einzelsitzungen könnten auf Wunsch von Frau A. durch eine Paar-, Familien- oder Gruppentherapie und medikamentöse Behandlung ergänzt werden. Möglichkeiten zur organisierten Selbsthilfe bestehen hingegen kaum, da es in Mexiko so gut wie keine Selbsthilfegruppen gibt.

Die verschiedenen Sprachen sollen berücksichtigt werden
Die Herausforderungen für die Zukunft bestehen nach Sánchez-Sosa darin, die Ausbildungsanforderungen für Psychotherapeuten zu vereinheitlichen und festzulegen. Außerdem wäre zu wünschen, dass die psychiatrisch-medikamentöse Grundversorgung in öffentlichen Kliniken stärker durch psychotherapeutische Angebote ergänzt wird. Die verschiedenen ethnischen Gruppen, Sprachen und Traditionen des Landes sollten in Psychotherapien zudem mehr Berücksichtigung finden. Wichtig wäre außerdem, die Begriffe „Psychotherapie“ und „Psychotherapeut“ zu schützen, denn es werden immer mehr dubiose Ausbildungen und Zertifikate angeboten – oft auch von „Online-Instituten“ – deren Qualität und Standards fragwürdig sind. Die größte Herausforderung besteht in der adäquaten Versorgung der Menschen, die arm und wenig gebildet sind und weit entfernt von gut organisierten Gesundheitsdiensten leben.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Juan José Sánchez-Sosa, Behavioral Medicine Program, Postgraduate Division of Psychology, National University of Mexico, D. F., Mexico, E-Mail: johannes@servicor.unam.mx


Fallbeispiel
Frau A. (30), verheiratet, leidet unter Depressionen und Ängsten. Sorgen bereiten ihr außerdem gewaltsame Ehestreitigkeiten, finanzielle Probleme, Auseinandersetzung mit den Eltern und der Schwiegermutter sowie Verhaltensauffälligkeiten ihrer beiden Kinder. Der zehnjährige Sohn spricht kaum, erbringt ungenügende Schulleistungen und lehnt Hilfe bei den Hausaufgaben ab. Die achtjährige Tochter ist kontaktscheu, wird von anderen zurückgewiesen und möchte nicht mehr zur Schule gehen.
1.
Ribes E: Psychology: Some reflections on its what, its how and its what for. In: Urbina-Soria J: The psychologist: Education, professional practice, and prospective. Mexico City: National University Press 1989: 847–60.
2.
Sánchez-Sosa JJ: Clinical psychology in Mexico: Background, current developments, and future trends. International Clinical Psychologist, Newsletter of the International Society of Clinical Psychology 1998; 1(1): 3–5.
3.
Sánchez-Sosa JJ: Psychology in Mexico: Recent developments and perspectives. In: Stevens M, Wedding D: Handbook of International Psychology. New York: Brunner Routledge 2004: 93–108.
4.
Sánchez-Sosa JJ: Psychotherapy in Mexico: Practice, training and regulation. Journal of Clinical Psychology 2007; 63(8): 765–71.
1. Ribes E: Psychology: Some reflections on its what, its how and its what for. In: Urbina-Soria J: The psychologist: Education, professional practice, and prospective. Mexico City: National University Press 1989: 847–60.
2. Sánchez-Sosa JJ: Clinical psychology in Mexico: Background, current developments, and future trends. International Clinical Psychologist, Newsletter of the International Society of Clinical Psychology 1998; 1(1): 3–5.
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4. Sánchez-Sosa JJ: Psychotherapy in Mexico: Practice, training and regulation. Journal of Clinical Psychology 2007; 63(8): 765–71.

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