ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Suchtbehandlung: Wenig hilfreich
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LNSLNS Schön, dass mal wieder eine Lanze für die Verbesserung der Suchtbehandlung im deutschen Gesundheitssystem gebrochen wird. Nötig ist das allemal.

Allerdings, ein Aufruf lediglich zur intensiveren Nutzung der vorhandenen Strukturen, ohne diese zu verändern, erscheint mir sehr wenig hilfreich. Für die Arbeit mit Suchtpatienten bedarf es besonderer Kenntnisse (zum Beispiel Arbeit mit dem Transtheoretischen Modell zur Veränderungsmotivation, differenzielle Diagnostik, Motivational Interviewing, definierter Umgang mit Konsumverhalten) und besonderer Angebote, die in den bestehenden Strukturen ambulant praktisch nicht vorgehalten werden können. Eine Psychotherapie ist mit akut Abhängigkeitskranken nur sehr bedingt möglich. Ohne eine sehr hohe Veränderungsbereitschaft – die in der Regel mindestens kontrolliertes Trinken, wenn nicht Abstinenz erfordert – kann höchstens mit Motivationsaufbau und Beziehungsbildung gearbeitet werden. Suchtgefährdete und -patienten haben eine vergleichsweise hohe No-Show-Quote, man kann in der Regel bei ihnen auch nicht mit Ausfallhonoraren arbeiten. Nicht nur dadurch wird die Zusammenarbeit erschwert. Schwerste Fälle sind „nicht wartezimmerfähig“, und für viele Fälle ist eine begleitende Sozialarbeit, manchmal auch aufsuchende Angebote, notwendig. Nachdem ich mich nach mehr als zwölf Jahren Tätigkeit im Bereich ambulanter und stationärer Suchttherapie niedergelassen habe, sind mir die Probleme und Fallstricke und Ineffizienzen der bestehenden Strukturen nur allzu gut bekannt. Suchtpatienten kann ich in den bestehenden Strukturen trotz meiner Fachkenntnis und Erfahrung nur in sehr wenigen Fällen sinnvoll behandeln. Ohne eine gründliche Revision dieser Strukturen kann ich nicht erkennen, wie sich allein durch gute Absicht der Zugang zu Suchtgefährdeten und ihre Behandlung bessern sollten.

Dipl.-Psych. Alexander Weicker, Psychologischer Psychotherapeut, Verhaltenstherapie, Konrad-Adenauer-Straße 156, 52511 Geilenkirchen
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