ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Demografie: Geistig-kulturelle Krise
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LNSLNS Fürwahr – unaufgeregter Umgang ist richtig, jedoch: Dass es irgendwelche Anpassungsmechanismen schon richten werden, stellt eine folgenschwere Verdrängung dar. Sozialmedizinische Verantwortung würde eher bedeuten, darauf hinzuweisen, dass nur die Aufzucht und Sorge für die nächste Generation und ihre kulturell-moralische Prägung seit Urzeiten sowohl dem Individuum wie der Gesellschaft Ziel und Sinn geben. So steht schon mahnend im Psalm 90,12: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir im Leben klug werden“. – Die zitierten Prognosen aber stellen Hochrechnungen zur Erwerbstätigkeit in den Vordergrund – Familienarbeit wird weitestgehend ausgeblendet. Staat und Versicherungen suggerieren mit ähnlichen Prognosen, dass angespartes Geld künftig Menschen ersetzen könnte etc. . . . Mahnen wäre also gerade in einer Ärztezeitschrift geboten, bewusst zu machen, wie tief die geistig-kulturelle Krise einer Gesellschaft ist, die einer Abwrackprämie von 2 500 Euro einen „Kinderbonus“ von 100 Euro gegenüberstellt, welcher Hohn das für Eltern als die Zukunftsträger der Gesellschaft ist! Geboten wäre auch, bewusst zu machen, wie Zukunftsfähigkeit (auch der Wirtschaft!) bewirkt werden kann – eben nicht durch Aktionismen und Strohfeuer zur „Ankurbelung“ der Konjunktur, sondern nur durch ideelle Wertschätzung und finanzielle Absicherung der Familienarbeit im Privathaushalt, durch steuerfinanzierte Investitionen in die intakte Lebenswelt von Kinderfamilien und Alleinerziehenden. Nur so gäbe es einen kausalen Ausweg aus Kriminalität, Kinderarmut, inhumaner Arbeitswelt, aus den drohenden Defiziten in der Kranken- , Pflege- und Rentenversicherung von irreparablem Ausmaß usw. Wirtschaftsszenarien beruhen auf einseitiger Überbewertung der Quantität von Erwerbsarbeit und Unterbewertung ihrer lebenspraktischen und moralischen Qualität: Ob man Wohnungen baut oder abreißt, ist für das Bruttoinlandsprodukt unerheblich – ebenso, ob Kinderschuhe, Luxusgüter oder Waffen produziert werden. In Regionen überalterter Bevölkerung und Flucht der Jungen können auch beste Investitionsanreize die Wirtschaft nicht langfristig in Gang halten . . .

Dr. Heinrich Günther, Lönsstraße 12, 01259 Dresden
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