ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Psychologische Hilfe: Stressfaktor Geld

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Psychologische Hilfe: Stressfaktor Geld

Sonnenmoser, Marion

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Ein falscher Umgang mit Geld führt häufig zu Schulden, Privatinsolvenz und Existenzkrisen. Schuldund Schamgefühle sind die Folge. Foto: Fotolia
Ein falscher Umgang mit Geld führt häufig zu Schulden, Privatinsolvenz und Existenzkrisen. Schuldund Schamgefühle sind die Folge. Foto: Fotolia
Finanzielle Sorgen können Menschen in einem erheblichen Ausmaß belasten. Amerikanische Psychologen haben nun ein Programm entwickelt, das den Betroffenen helfen soll, die vielfältigen negativen Auswirkungen zu reduzieren.

Geld ist für viele Menschen mit Sorgen, Problemen und Stress verbunden. Aus einer aktuellen Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts geht zum Beispiel hervor, dass der Anstieg der Lebensmittel- und Energiepreise den Bundesbürgern mehr zu schaffen macht als alles andere. Angesichts der weitverbreiteten Befürchtung, künftig immer mehr für den täglichen Bedarf ausgeben zu müssen, geraten selbst Ängste vor Krieg oder Terrorismus ins Hintertreffen. In den USA sieht es nicht anders aus. Einer Umfrage der American Psychological Association aus dem Jahr 2004 zufolge betrachten 73 Prozent aller US-Amerikaner das Geld als Hauptfaktor für Stress in ihrem Leben, noch weit vor Stress am Arbeitsplatz, durch Familie oder Krankheiten. Diese Einschätzung dürfte sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise weiter verstärkt haben.

Amerikanische Psychologen um Bradley Klontz, tätig in den Coastal Clinics auf Hawaii, sind angesichts der weitverbreiteten Belastung durch finanzielle Probleme überrascht darüber, dass es bisher fast so gut wie keine psychologisch-psychotherapeutischen Hilfsangebote gibt. Laut Klontz berücksichtigen Psychologen und Psychotherapeuten die Probleme ihrer Patienten beim Umgang mit Geld lediglich im Kontext von Spielsucht. An psychologisch fundierten Programmen, die dazu beitragen, Stress und Schuldgefühle von Menschen mit finanziellen Problemen zu mindern, mangelt es hingegen.

Das Selbstwertgefühl der Betroffenen ist gemindert
Ein falscher Umgang mit Geld führt in vielen Fällen zu Schulden, Privatinsolvenz, Existenzkrisen und Armut. Daraus ergeben sich oft Streitigkeiten, Frustrationen, Stress, Anspannung und eingeschränkte Möglichkeiten in zahlreichen Lebensbereichen, was die Betroffenen, ihre Familien und ihr soziales Umfeld in erheblichem Ausmaß belastet. Auch die Leistungsfähigkeit und das Selbstwertgefühl der Betroffenen sind vermindert und werden häufig von Schuld- und Schamgefühlen und zahlreichen psychischen und körperlichen Symptomen begleitet. Unter besonders schwierigen Bedingungen, wie zum Beispiel in Zeiten einer Finanz- oder Wirtschaftskrise, kann Stress durch Schulden, Fehlinvestitionen und -spekulationen sogar zum Suizid führen, wie der Fall des Milliardärs Adolf Merckle gezeigt hat.

Psychotherapeutische beziehungsweise der Psychotherapie entlehnte Interventionen können weder eine Schuldnerberatung ersetzen noch die Probleme beheben, die mit Geldmangel verbunden sind. Klonth und Kollegen zufolge können sie jedoch dazu beitragen, den Betroffenen Ängste, Sorgen und Schuldgefühle im Umgang mit Geld zu nehmen, und ihnen in Verbindung mit entsprechenden Kenntnissen dabei helfen, einen Neuanfang zu wagen. Dieses Ziel verfolgten die Wissenschaftler mit einem Programm, das sechs Tage dauerte und sowohl erfahrungsintensive Psychodrama-Gruppentherapie und Meditation als auch Psychoedukation und Informationen über finanzielle Angelegenheiten umfasste. Im Rahmen der Gruppentherapie sollten die Teilnehmer ihre Erfahrungen, Lernprozesse, Einstellungen, Denkweisen, ungelösten Konflikte und verdrängten Emotionen im Hinblick auf finanzielle Angelegenheiten erkunden und herausfinden, welchen Einfluss sie auf ihren problematischen Umgang mit Geld haben. Die achtsame Meditation diente dazu, das Bewusstsein auf den eigenen Körper zu lenken, um Ängste zu reduzieren und ein Gefühl von Ganzheitlichkeit zu fördern. Darüber hinaus wurden die Betroffenen über Geldmanagement, Einnahmen und Ausgaben, Geldanlageformen, Rentenvorsorge, Steuern und Schuldenabbau informiert.

Das Programm wurde an 33 Personen getestet, die sich wegen erheblicher Probleme im Umgang mit Geld freiwillig gemeldet hatten und nicht unter klinisch relevanten, psychischen Störungen litten. Die Symptome wurden mithilfe standardisierter Tests und Fragebögen vor, unmittelbar nach der Durchführung des Programms und nochmals drei Monate später erfasst. Am Ende der sechs Behandlungstage war festzustellen, dass Symptome und Stress nachweisbar zurückgegangen waren. Dieser Effekt war auch nach drei Monaten noch feststellbar. Die Teilnehmer litten seltener unter unerwünschten Gedanken und Impulsen und fühlten sich selbstsicherer bei der Interaktion mit anderen Menschen. Sie berichteten von neuer Hoffnung und einem gestärkten Selbstvertrauen. Ihre Nervosität, inneren Spannungen, Ängste, Schamgefühle und Befürchtungen im Hinblick auf Geld hatten nachgelassen, und ihre „finanzielle Gesundheit“ war besser geworden. Darunter sind Gefühle der Kontrolle und Autonomie zu verstehen, die durch ein vernünftiges, sinn- und planvolles Finanzgebaren hervorgerufen werden. Im Gegensatz zu früher hatte das Geld für die Teilnehmer an Bedeutung verloren. Sie werteten es kaum noch als Statussymbol oder Ausdruck von Erfolg und wollten andere Menschen nicht mehr mithilfe von Geld beeindrucken oder manipulieren. Auch die Bedrohlichkeit von Geld hatte nachgelassen. „Geld und Situationen, in denen Geld eine Rolle spielt, lösten kaum noch Angst bei den Teilnehmern aus“, berichten die Wissenschaftler. Kritisch anzumerken ist, dass die Zahl der Probanden sehr niedrig war und die Ergebnisse auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sodass sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern lassen. Darüber hinaus gibt es kaum Studien, die dieses Ergebnis erhärten könnten, da die Thematik bisher kaum wissenschaftlich untersucht wurde.

Klonth und Kollegen regen an, dass sich nicht nur Rechtsanwälte und Finanzberater, sondern auch Psychologen und Psychotherapeuten gelegentlich finanziellen Themen und den damit verbundenen Problemen und Symptomen annehmen oder sie zumindest „im Hinterkopf“ haben, Klienten darauf ansprechen und ihnen geeignete Interventionen anbieten, falls sich abzeichnet, dass belastende Geldprobleme vorliegen. Das beschriebene Programm oder Elemente daraus können hierfür einen Ansatz bieten.

Ein pathologischer Umgang mit Geld ist jedoch nicht nur ein Stress-faktor, sondern kann auf psychische und Persönlichkeitsstörungen hinweisen, beispielsweise auf bipolare Störungen oder Suchterkrankungen. Geldprobleme sind bei diesen Erkrankungen zwar kein Symptom, gehen aber oft mit ihnen einher. Der pathologische Umgang mit Geld normalisiert sich in der Regel durch eine effektive Behandlung. Bei bipolaren Störungen lässt sich dies am besten beobachten: Sobald die Patienten eine ausgeglichene Stimmungslage erlangt haben, fällt auch das „sinnlose Geldausgeben“ weg. Bei akuten Krankheitsschüben oder in besonders angespannten Situationen könnten Gespräche oder Beratungen zum Umgang mit Geld diese Patienten möglicherweise vor verschwenderischen Ausgaben und Verschuldung bewahren.

Stress und Ängste im Zusammenhang mit Geld werden in der traditionellen Psychotherapie bisher kaum thematisiert. Ob die genannte Studie sich eines Problems annimmt, das eigentlich keiner professionellen, psychotherapeutischen Behandlung bedarf, oder ob sich die Beratung und Behandlung finanzstressgeplagter Menschen künftig zu einer Teildienstleistung von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelt, bleibt offen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Bradley Klontz, Coastal Clinics, PO Box 529, Kapaa, HI 96746, USA, E-Mail: btklontz@aol.com
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1.
Gallen R: The money trap. New York: Harper Collins 2002.
2.
Klontz B, Bivens A, Klontz P, Kahler R, Wada J: The treatment of disordered money behaviors: Results of an open clinical trial. Psychological Services 2008; 5(3): 295–308.
3.
Mitchell JE, Burgard M, Faber R, Crosby R, de Zwaan M: Cognitive behavioral therapy for compulsive buying disorder. Behavior Research and Therapy 2006; 44: 1859–65.
1. Gallen R: The money trap. New York: Harper Collins 2002.
2. Klontz B, Bivens A, Klontz P, Kahler R, Wada J: The treatment of disordered money behaviors: Results of an open clinical trial. Psychological Services 2008; 5(3): 295–308.
3. Mitchell JE, Burgard M, Faber R, Crosby R, de Zwaan M: Cognitive behavioral therapy for compulsive buying disorder. Behavior Research and Therapy 2006; 44: 1859–65.

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