ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2009Psychobiografie: Intellektueller Perspektivenreichtum

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Psychobiografie: Intellektueller Perspektivenreichtum

Cierpka, Manfred

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Wie können wir Leidenschaften und Lebenskrisen bewältigen, ohne unsere Produktivität einzubüßen, wie können wir gar schöpferische Energie aus solchen Krisen ziehen? Eindrucksvolle Antworten darauf gibt das neue, sehr lesenswerte Buch von Rainer M. Holm-Hadulla. Für die Erforschung des Schöpferischen ist Goethe deswegen so beispielhaft, weil kaum eine andere Lebensgeschichte von Familienangehörigen, Bekannten und dem Dichter selbst so detailliert dokumentiert ist. Zudem hat Goethe in seinen Werken seine persönliche und kreative Entwicklung, seine Leiden und Leidenschaften beständig reflektiert. Dabei wird jenseits des idealisierten Dichterfürsten eine menschliche Seite mit all ihren Sorgen und Selbstwertproblemen deutlich, und es wird klar, wie Goethe mit seinen künstlerischen Werken und praktischen Tätigkeiten psychische und soziale Konflikte bewältigen konnte.

Nach einer eingehenden Betrachtung von Goethes Beziehungen zu seinen Eltern und seiner Schwester, die für Goethes kreative Entwicklung sehr bedeutend waren, beschreibt Holm-Hadulla, wie Goethe von der Adoleszenz bis ins hohe Alter immer wieder Freundinnen, Freunde und Mentoren fand, deren Unterstützung er in seiner Verzagtheit und Melancholie selbsttherapeutisch nutzen konnte. Dies wird leicht und unverkrampft erzählt, und die interessanten neuen Befunde, zum Beispiel zu Goethes Sexualleben, sind eingebettet in gut nachvollziehbare Interpretationen von Gedichten und Dramen. Der Leser ist angetan von der guten Lesbarkeit angesichts des intellektuellen Perspektivenreichtums. Überzeugend wird in dem Kapitel „Goethes gesunde Krankheit“ dargestellt, dass Goethe immer wieder an leichten bis mittelgradigen depressiven Verstimmungen litt, die er in einzigartiger Weise für seine künstlerische und praktische Arbeit nutzen konnte.

Aus Goethes Leben und Wirken werden Strategien zur Entwicklung von alltäglicher Kreativität abgeleitet. Goethes Weg zur Kreativität wird mit modernen Prinzipien von Psychotherapie und Lebenskunst verglichen, und es werden interessante Aspekte für die heutige Praxis entwickelt. Die Lektüre dieses Buchs ist nicht nur ein großes intellektuelles Vergnügen, sondern auch von lebenspraktischer Bedeutung.
Manfred Cierpka

Rainer M. Holm-Hadulla: Leidenschaft: Goethes Weg zur Kreativität. Eine Psychobiographie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 266 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
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