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Wunden – von der Physiologie zum Verband

cme Kompakt 2009 (1)

Kujath, Peter; Michelsen, Angela

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Einleitung
Die optimale Versorgung von Wunden wird immer noch erforscht. Fundiertere Kenntnisse der physiologischen Wundheilung, gezielte Entwicklung von Wundauflagen und die Evaluierung der Wunddesinfizienzien führten zur Entwicklung neuer Konzepte der modernen Wundbehandlung.

Methode
Selektive Literaturrecherche.

Ergebnisse
Ziel jeder Wundbehandlung ist es, schnell einen definitiven Wundverschluss mit einer kosmetisch akzeptablen, belastungsstabilen Narbe zu erreichen. Im Gegensatz zur primären Wundheilung wirft die sekundäre Wundheilung chronischer Wunden, besonders bei alten und multimorbiden Patienten, viele Probleme auf. Neben der Behandlung der Grunderkrankung ist es essenziell, die Grundbedingungen der physiologischen Wundheilung einzuhalten. Jeder Verbandswechsel erfordert die Beurteilung des Status, die sorgfältige Reinigung und stadiengerechte Versorgung. Viele Lokaltherapeutika gelten als obsolet (Negativliste). Zur Wundabdeckung stehen inaktive, interaktive und bioaktive Wundauflagen zur Verfügung. Umfassende Studien mit hohem Evidenzgrad fehlen allerdings.

Schlussfolgerung
Neue Erkenntnisse in der Molekular- und Zellbiologie haben das Verständnis für die physiologische Wundheilung erweitert und zu einer Verbesserung der Wundheilung geführt. Dadurch konnten strukturierte Konzepte (Strategien) für die Wundversorgung und den Verbandswechsel erarbeitet werden.

Schlüsselwörter
Wundheilung, Wundbehandlung, Wundverband, chronische Wunde
Die Wunde ist definiert als Gewebsdurchtrennung von Haut, Schleimhäuten oder Organen. Man unterscheidet zwischen einfachen Wunden, die auf die Haut begrenzt sind, und komplizierten Wunden: diese gehen in die Tiefe und weisen zusätzlich eine Verletzung von Muskeln, Nerven und Gefäßen auf. Wunden können durch mechanische, thermische, chemische und radiogene Schäden entstehen. Davon abzugrenzen sind Wunden, die in Folge von Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, chronisch venöser/arterieller Insuffizienz und immunologischen oder dermatologischen Erkrankungen auftreten. Die Primärversorgung von Wunden ist Aufgabe der chirurgischen Fachgebiete. Hingegen können die Kontrolle von Wunden und die Durchführung weiterer Wundverbände von allen Ärzten vorgenommen und auch an pflegerisches Personal delegiert werden. Ziel jeder Wundbehandlung ist es, einen raschen Wundverschluss mit einer funktionell tragbaren und ästhetisch befriedigenden Narbe zu erreichen. Lernziele dieser Arbeit sind daher:

- den Kenntnisstand zur Wundheilung zu erfassen und
- den Anforderungen für einen praktikablen und effizienten Verbandswechsel gerecht werden zu können.

Physiologie der Wundheilung
Die Wundheilung ist ein überaus komplexer Vorgang, der seit über 120 Jahren erforscht wird (1, 2). Durch die Erkenntnisse der Molekularbiologie konnten in den letzten Jahren vermehrt Einblicke in die biologischen Vorgänge erworben werden. Wichtigstes Behandlungsprinzip aus praktischer Sicht ist es, den Wundheilungsprozess in seinem physiologischen Ablauf zu unterstützen und nicht durch fehlerhafte Manipulation zu gefährden. Traditionell wird die Wundheilung in vier Phasen eingeteilt, die sich überschneiden können (3, 2). Diese sind:

- exsudative Phase
- resorptive Phase
- proliferative Phase
- regenerative Phase.

In neueren englischsprachigen Veröffentlichungen wird unter immunologischen Gesichtspunkten die Wundheilung nur noch in drei Phasen eingeteilt: Entzündung, Proliferation und Wundmodulation (4). Da sich aus den einzelnen Phasen Konsequenzen für die Wundversorgung ergeben, sollte man die Einteilung in vier Phasen aus Gründen der Praktikabilität vorziehen. Zum Verständnis werden die einzelnen Phasen kurz skizziert, denn der Wundverband muss phasengerecht erfolgen.

Jede Wunde mit Aufbrechen des Hautinteguments führt zu einer Blutung mit Aktivierung der Gerinnungskaskade.

Exsudative Phase: Es kommt zur Bildung von Fibrin und zum Einstrom von Thrombozyten, die zusammen ein sichtbares Gerinnsel bilden. In der exsudativen Phase sezernieren die Thrombozyten verschiedene Mediatoren der Wundheilung, sogenannte Wachstumsfaktoren. Diese wiederum aktivieren Makrophagen und Fibroblasten (Grafik 1 jpg ppt). Die Steuerung der weiteren biologischen Vorgänge erfolgt über die bereits freigesetzen Mediatoren (Wachstumsfaktoren) beziehungsweise Zytokine. Diese bewirken einen Einstrom zellulärer Strukturen. Bislang sind über 30 Zytokine bekannt, die von Makrophagen, Thrombozyten, Fibroblasten, epidermalen Zellen und auch neutrophilen Leukozyten freigesetzt werden.

Resorptive Phase: Die entstehenden Fibrinabbauprodukte führen in der resorptiven Phase zu einer Aktivierung der Chemotaxis. Dabei kommt es schon nach 24 bis 48 h zur Einwanderung von Leukozyten und Makrophagen in die Wunde (Inflammation). Diese zellulären Bestandteile sind in der Lage, avitales Gewebe durch fermentative Vorgänge zu autolysieren und abzutragen. Insgesamt wird ein hochwirksames System aus Phagozytose, Infektabwehr und Immunsystem aufgebaut (5, 6).

Proliferative Phase: Zwischen dem dritten und siebten Tag erfolgt in der proliferativen Phase eine Einwanderung von Fibroblasten mit Gefäßproliferation. Kennzeichnend ist das sich bildende Granulationsgewebe. Vom Wundrand her kommt es zum Vorwachsen von epidermalen Zellen in die Wunde. Es bildet sich ein sichtbarer zarter Saum (Grafik 2 jpg ppt).

Auch diese Vorgänge werden durch verschiedene Wachstumsfaktoren (Zytokine) gesteuert. Die Fibroblasten bilden eine neue extrazelluläre Matrix. Die gebildeten Kapillaren versorgen das Gewebe mit dem für den Stoffwechsel notwendigen Sauerstoff. Der Abbau der primären Blutgerinnsel erfolgt durch Faktoren des Fibrinolysesystems: u-PA (Urokinase-Plasminogen-Aktivator) und t-PA (Tissue-Plasminogen-Aktivator). Auch die verschiedenen Matrixmetalloproteinasen (MMP) bauen die extrazelluläre Matrix um (7).

Verständlicherweise können diese biologischen Vorgänge nur dann kontrolliert ablaufen, wenn aktivierende und inhibierende Reaktionen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Dieser komplexe biologische Umbau des Gewebes aus einwandernden Fibroblasten und Kapillarsprossen in eine strukturierte extrazelluläre Matrix erfordert eine behutsame Handhabung beim Verbandswechsel.

Regenerative Phase: Sie kann bis zu einem Jahr andauern. Es kommt durch Ausreifung von Kollagen zu einer Zunahme der Reißfestigkeit der Wunde. Insgesamt setzen eine Epithelialisierung und Narbenbildung ein. Auch in dieser Phase treten ständige Umbau- und Umstrukturierungsprozesse auf. So wird Typ-III-Kollagen zum Typ-I-Kollagen der reiferen Wunde umgewandelt (8). Die Interaktionen zwischen Extrazellulärmatrix und Zellstrukturen der Wunde werden über transmembranöse Zellrezeptoren (Integrine) und durch Zytokine reguliert (6). Neben der vorgestellten pathologischen Ebene der Wundheilung existiert auch die klinische Einteilung. Hier teilt man die Wundheilung ein in die primäre Wundheilung (pp) „sanatio per primam intentionem“ und die sekundäre Wundheilung (ps) „sanatio per secundam intentionem“ (1).

Primäre Wundheilung
Unter primärer Wundheilung versteht man den unkomplizierten Heilungsvorgang nicht infizierter, gut adaptierter Wunden. Ist der Heilungsvorgang durch lokale Faktoren wie Infektionen, Dehiszenz, Mangeldurchblutung oder systemische Faktoren, beispielsweise Immunschwäche, gestört, liegt eine sekundäre Wundheilung vor.

Jede operative Wunde sollte in den ersten postoperativen Tagen möglichst einmal am Tag inspiziert werden. Häufigste Komplikationen einer primären Wunde sind die Infektion und die Nachblutung. Die Infektion zeigt sich an den klassischen Merkmalen wie „dolor, rubor, calor, tumor“. Bei Zeichen der Abszedierung ist eine ausreichende Inzision vorzunehmen, der Eiter zu entlasten und die Wunde lokal zu spülen. Für eine Anästhesie muss gesorgt werden (siehe sekundäre Wundheilung). Hämatome, seien es eine blutige Imbibierung oder Koagel, können abhängig von der Größe der Wunde bis zu einem Volumen von 50 bis 200 mL toleriert werden. Erst bei größeren Koageln kann die Wundheilung durch Ausräumen des Hämatoms verbessert und beschleunigt werden.

Da eine primär heilende, saubere Wunde sich durch Fibrinvernetzung rasch verschließt, kann schon nach 24 h eine sanfte mechanische Säuberung vorgenommen werden. Primär heilende Wunden können nach 24 h geduscht werden, um diese von Wundschorf und Resten des Desinfektionsmittels von der Operation zu säubern. Die Desinfektion der Wunde sollte mit einem Wundantiseptikum, wie Octenidin-2-HCL 0,1 %/Phenoxyethanol 2 %, Polyhexanid 0,04 % oder PVP-Jod-Präparat (Kasten 1 gif ppt) vorgenommen werden. Anschließend kann ein Schutzverband aufgelegt werden. Die meisten Patienten empfinden es als sehr angenehm, wenn die Wunde mit einem Pflasterverband abgedeckt wird (9). Die Entfernung von Klammern oder Wundfäden sollte nach Vorschlag des behandelnden Chirurgen, auch abhängig von der Durchblutung der jeweiligen Körperregion, erfolgen.

Nach einer Schilddrüsenoperation können die Wundfäden etwa am vierten bis fünften Tag entfernt werden, im Brustbereich nach sieben Tagen und an der unteren Extremität etwa nach 10 bis 14 Tagen. Zu berücksichtigen sind Begleiterkrankungen wie ein Diabetes mellitus, eine immunsuppressive Medikation, eine vermehrte Hautspannung bei Defektverschluss oder Ödembildung, die ein längeres Belassen des Nahtmaterials erforderlich machen.

Sekundäre Wundheilung
Vorrangiges Prinzip der Wundversorgung bei sekundärer Wundheilung ist es, für die Wunde ein feuchtes, physiologisches Milieu zu gewährleisten. Luft und insbesondere Sauerstoff sind zytotoxisch und führen bei Austrocknung unweigerlich zu flächigen Gewebenekrosen, die besonders bei kapillarfreiem (bradytrophem) Gewebe zu irreparablen Schäden führen.

Das zweite wichtige Prinzip ist die Einhaltung der Grundbedingungen einer hygienischen Wundversorgung. Eine offene Wunde ist immer mit den Erregern der Umgebung, die potenziell pathogen sein können, kontaminiert. Ziel weiterer Wundverbände muss es sein, es dem aktuellen Immunstatus zu ermöglichen, die vorhandenen Bakterien abzuwehren, eine weitere Besiedlung von außen zu vermeiden und damit eine Infektion zu verhindern.

Bei schmerzenden Wunden sollte man eine entsprechende Analgesie in die Planung des Verbandswechsels mit einbeziehen. Je nach Größe und Ausmaß der Wunde wird ein orales Analgetikum empfohlen. Zur Verfügung stehen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Metamizol, Paracetamol oder COX-2-Inhibitoren. Diese sollten etwa 30 bis 60 min vor dem Verbandswechsel verabreicht werden. Eine lokale Analgesie mit einem Salbengemisch aus Lidocain und Prilocain hat sich nach den Erkenntnissen einer Metaanalyse von sechs Studien bewährt (10). Zu beachten ist, dass die Einwirkzeit etwa eine Stunde beträgt. Eine Folie ist nicht erforderlich, wenn gewährleistet ist, dass die Salbe kontrolliert einwirkt.

Möglichst zu Beginn der Wundbehandlung sollte ein mikrobiologischer Abstrich entnommen werden. Dieser sollte auf grampositive und gramnegative Erreger sowie Anaerobier untersucht werden. Bei Risikopatienten (Alter > 75 Jahre, Diabetes mellitus, reduzierter Immunstatus, längerer Kranken­haus­auf­enthalt) sollte auf methicillin-resistente-Staphylococcus-aureus-(MRSA-)Stämme getestet werden.

Eine offene Wunde bedarf keiner antibiotischen Behandlung. Bestehen persistierend Fieber, eine Leukozytose und ein erhöhtes CRP, so ist eine genaue Inspektion oder Revision der Wunde – gegebenenfalls auch stationär – vorzunehmen, um eine mögliche Infektion abzuklären. Bei erhöhten Entzündungsparametern, wie Fieber über 38,5 °C sublingual, Leukozytose über 10 000/µL und CRP über dem Vierfachen der Norm, sollte eine systemische Antibiose eingeleitet werden (wenn zwei der Parameter positiv sind). Die Paul-Ehrlich-Gesellschaft empfiehlt bei mittelschweren Infektionen ein Aminopenicillin mit b-Lactamaseinhibitor, ein Cephalosporin der Gruppe 1 und 2 oder ein Fluorochinolon der Gruppe 4. Auch bei geschwächtem Immunstatus wie bei Patienten nach Transplantationen oder mit Diabetes mellitus oder Patienten unter Chemotherapie muss die Indikation zur Antibiotikatherapie erwogen werden. Gelegentlich findet sich am Wundrand eine Inflammation, die durch Rötung, Schwellung und Schmerzen gekennzeichnet ist. Wenn zusätzlich das Subkutangewebe infiltriert ist, liegt eine Phlegmone vor. Diese Begleitentzündung bedarf der besonderen Kontrolle. In der Literatur befürworten die meisten Autoren eine Indikation zur antimikrobiellen Chemotherapie (11).

Der Verbandswechsel bei sekundärer Wundheilung
Die Wundreinigung
In den frühen Phasen der Wundheilung – der exsudativen Phase und der resorptiven Phase – finden sich Blut- und Plasmabestandteile, Gerinnsel und Zelldetritus in der Wunde, die vorsichtig aus der Wunde entfernt werden sollten. Diese mechanische Wundreinigung ist eine wichtige Voraussetzung für eine rasche, störungsfreie Wundheilung und wird als Débridement bezeichnet (Kasten 2 gif ppt).

Es ist nachgewiesen, dass Bakterien und Zerfallsprodukte korpuskulärer Elemente die Wundheilung stören oder hemmen (12). Die einfachste Prozedur zum Säubern der Wunde ist es, diese auszuduschen. Nach aktuellem Kenntnisstand ist der Einsatz von Trinkwasser bei akuten wie auch bei chronischen Wunden unbedenklich (13, 14), die Qualität von Trinkwasser ist in Deutschland nach DIN-Norm gesetzlich festgelegt. Danach muss Trinkwasser frei von pathogenen Erregern sein.

Die Wunddesinfektion
Seit über 100 Jahren haben die Ärzte Substanzen erprobt, denen sie eine desinfizierende Wirkung auf die Wunde zuschrieben. Dazu gehören Agenzien auf Farbstoffbasis, wie Gentianaviolett, alkoholische Desinfizienzien und eine große Anzahl eiweißfällender Mittel (H2O2/NaCl 10 %). Diese führen bei längerem Einsatz jedoch zur Störung der Wundheilung und damit zur Chronifizierung. Eiweißfällende Mittel, Jodoform, Kaliumpermanganat und Borsäure gelten heute als obsolet. Aufgrund eines fehlenden Wirkungsnachweises, hoher Toxizität und großem Allergiepotenzial wurde eine Negativliste von Präparaten erstellt, die nicht mehr eingesetzt werden sollten (15).

Der Effekt der Antiseptika ist gering einzuschätzen (Evidenzgrad D) (Tabelle gif ppt) (www.wundzentrum-hamburg.de). Keinesfalls dürfen die Antiseptika die Wundheilungsprozesse negativ beeinflussen. Als Wundantiseptikum ohne gravierenden störenden Einfluss auf den Wundheilungsprozess können Octenidin-2-HCL 0,1 %/Phenoxyethanol 2 %, Polyhexanid 0,04 % oder PVP-Jod-Präparat eingesetzt werden (Kasten 1) (15, 16). Essenziell ist die offene Wundbehandlung, durch die das Milieu für die Erreger grundlegend verändert wird. Die Bakterien können so nur noch schwer kolonisieren und beeinflussen damit den Wundheilungsverlauf nur unwesentlich. Für die Wirkung auf die Heilung hat das feuchte Milieu den größten Stellenwert. Es fördert das Zellwachstum, die Angiogenese und die Fibrinolyse (2).

Wundabdeckung/Erhaltung des feuchten Milieus
Für eine physiologische Wundheilung ist es unbedingt notwendig, dass ein feuchtes Wundmilieu gewährleistet ist (18, 19) (Abbildung a, b, c, d jpg ppt). Man unterscheidet inaktive, interaktive und (bio)-aktive Wundauflagen (Transplantatmaterialien).

Die inaktiven oder konventionellen Wundauflagen zeichnen sich durch eine hohe Saugfähigkeit aus. Sie bestehen aus Baumwolle (Mullkompressen), synthetischen Fasern (Vliese) oder mehreren Materialschichten (Wundgazen). Zur Erhaltung eines feuchten Milieus werden diese Kompressen mit physiologischer Kochsalzlösung getränkt und mit einer wasserdichten Folie abgedeckt.

Vorteile sind die Saugkraft (Anwendung ohne Anfeuchten indiziert bei stark sezernierenden Wunden) und der niedrige Preis. Nachteilig sind ein mögliches Austrocknen der Wunde und das Verkleben mit dem Wundgrund. Frisches Granulationsgewebe wird dann beim Wechsel zerstört, was außerdem für den Patienten sehr schmerzhaft ist (9, 17).

Die Anforderungen an interaktive Wundauflagen sind vielfältig:

- Erhaltung des feuchten Milieus einschließlich eines pH-Wertes von 5,5
- Absorption toxischer Komponenten von Zerfallsprodukten der Bakterien
- Schutz vor Sekundärinfektion
- schonender, schmerzfreier Verbandswechsel und
- Praktikabilität.

Auf diese Voraussetzungen zielen die interaktiven, hydroaktiven Wundauflagen, die aufgrund spezieller Materialeigenschaften in Interaktion mit der Wunde treten. Sie ermöglichen optimale Bedingungen der Wundheilung und werden den jeweiligen Phasen angepasst eingesetzt. Außerdem ergeben sich zwei Vorteile für den Patienten: Der Verbandswechsel ist deutlich schmerzfreier, und die Verbände können bei Bedarf mehrere Tage belassen werden.

Zurzeit werden etwa 250 verschiedene Wundauflagen mehrerer Hersteller angeboten (20). Bei der Vielzahl der Produkte ist die Übersicht schwierig (Kasten 3 gif ppt). Im Hinblick auf Vorteile einzelner Klassen von Wundauflagen wurden in einem Chochrane-Review 42 kontrollierte, randomisierte Studien analysiert. In allen Vergleichsstudien konnte kein Nachweis für eine bessere Wundheilung durch Hydrokolloide, Alginate, Schaumverbände und Hydrogele erbracht werden. Das gleiche Ergebnis konnte auch durch Verbände erreicht werden, die lediglich ein feuchtes Milieu gewährleisten konnten (17).

Zu den (bio)aktiven Wundauflagen zählen die autologe Eigenhaut, lyophilisierte Schweinehaut, autologe Keratinozyten, Wundverbände auf Kollagenbasis und der Einsatz von Wachstumsfaktoren. Diese (bio)aktiven Wundauflagen sollten speziellen Indikationen bei chronischen Wunden eventuell im Rahmen einer stationären Behandlung vorbehalten sein (Evidenzgrad C).

Hautpflege beim Verbandswechsel
Eine gesunde Wundumgebung ist für eine komplikationslose Wundheilung unentbehrlich. Die Haut muss von allen Sekreten und Verbandsrückständen gereinigt werden. Interdigital und in Hautfalten sollten Kompressen ein Trockenhalten der Haut gewährleisten. Bei normaler Haut sind pH5-Gel-Cremes, bei trockener Haut, besonders bei Diabetikern, auch harnstoffhaltige Produkte oder Produkte mit hohen Fettanteilen zu empfehlen.

Falls Mazerationen der Haut aufgetreten sind, sollte das Exsudat durch entsprechend aufsaugende Verbände kontrolliert werden. Zeitweise kann eine Abdeckung der Wundumgebung mit Hydrocolloiden hilfreich sein. Zur Prophylaxe und Therapie von Mazerationen der Wundränder kann ein reizfreier, luftdurchlässiger und wasserabweisender Hautschutzfilm aufgebracht werden. Zinkpaste ist obsolet, weil sie okkludierend wirkt und den Wundrand austrocknet. Die Behandlung der Hyperkeratosen verdient besondere Beachtung, weil sie häufig den Ausgangspunkt für Ulzerationen darstellen. Neben der Behandlung beim Podologen ist oft die chirurgische Abtragung der Hyperkeratosen erforderlich. Hilfreich sind auch harnstoffhaltige (5- bis 10-prozentig) und salicylsäurehaltige (2,5- bis 10-prozentig) Salben.

Einsatz der Vakuum-Versiegelung
Bei der Vakuum-Versiegelung wird ein Schaumstoff auf die gesamte Wunde aufgebracht, unter Sog gesetzt und damit für die Wunde örtlich ein flächenhafter Unterdruck erzeugt. Hierbei werden drei Prinzipien der Wundbehandlung vereinigt:

- die Wundsäuberung durch kontinuierliche Drainage
- die Veränderung des Wundmilieus und Verringerung der bakteriellen Besiedlung
- die Erhaltung des feuchten Milieus.

Die Vakuum-Versiegelung ist bei chirurgisch débridierten Wunden in der proliferativen Phase indiziert. Eine starke Sekretion sowie tiefe Wundtaschen können durch die eingelegten Schwämme gut behandelt werden. Damit wird eine für den Patienten und seine Umgebung praktikable, hygienische Situation geschaffen. Ob die Abläufe der physiologischen Wundheilung durch die Vakuumtherapie beschleunigt werden, ist nicht bewiesen (21, 22). Die Vakuumtherapie lässt sich auch ambulant durchführen. Die Installation und Anwendung erfordert vom Therapeuten und Patienten spezifische Kenntnisse, die nach eigenen Erfahrungen derzeit noch nicht überall gegeben sind.

Für eine erfolgreiche Behandlung von Wunden mit Fliegenlarven gibt es viele wissenschaftliche Belege. Auch die Anwendung von Maden bedarf spezieller Kenntnisse. Der Einsatz sollte besonderen Indikationen bei chronischen Wunden vorbehalten sein (23).

Die chronische Wunde
Wenn die Wundheilungsprozesse länger als vier Wochen andauern und sich keine Heilungstendenzen zeigen, liegt definitionsgemäß eine chronische Wunde vor (2). Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss die Ursache der Wundheilungsstörung abgeklärt werden.

Primär sollte immer eine fehlerhafte Wundbehandlung ausgeschlossen werden. Dann ist eine Differenzialdiagnose der Wundheilungsstörung vorzunehmen.

Der Wundverschluss
Ziel jeder Wundbehandlung ist es, eine mechanisch belastbare und ästhetisch unauffällige Narbe zu erhalten, denn eine belastbare Narbe schützt das Gewebe am besten gegen das Wiederaufbrechen der Wunde. Offene Wunden sind als Dauerzustand inakzeptabel. Je nach Ausmaß und Lokalisation belasten und gefährden sie den Patienten. Die Bandbreite der Möglichkeiten des Verschlusses reicht von konservativer Ausheilung bis zur Deckung durch freie Hauttransplantate, die vaskulär gestielt eingebracht werden. Die Allgemeinchirurgie, die plastisch-chirurgische und die rekonstruktive Chirurgie haben heute einen Standard erreicht, der es ermöglicht, jeden Defekt zu verschließen (24) (Kasten 4 gif ppt).

Dokumentation
Die meisten einschlägigen Publikationen zu Wundverbänden fordern eine Dokumentation der Wunde und der Verbandsform. Das mag wohl erstrebenswert sein. Allerdings muss die Objektivierung von Befunden und Standardisierung der Verbandsformen im Hinblick auf Vergleichbarkeit in wissenschaftlichen Studien mehr oder minder als gescheitert angesehen werden (25). Als einfache praktikable Lösung erscheint die digitale Fotografie, die bei geringem Aufwand die höchste Information bietet.

Schlussfolgerungen
Bei dem hohen Stellenwert des Themas „Wunden“ im ärztlichen Alltag ist es verwunderlich, dass evidenzbasierte fachübergreifende Leitlinien fehlen. Die Gründe dafür liegen in der extremen Komplexität der Wundverhältnisse, der problematischen Standardisierung und den ausufernden Therapieoptionen.

Der Vorteil der vorgestellten einheitlichen Wundtherapie besteht darin, dass sie für jegliche Art von Wunden erfolgreich eingesetzt werden kann. Dadurch gelingt es, die komplexe Materie in praktischer Hinsicht zu vereinfachen. Für ein Dekubitalulkus, arterielle oder venöse Ulzera, postoperative Wundinfektionen und Ulzera beim diabetischen Fußsyndrom gelten die gleichen physiologischen Abläufe der Wundheilung und damit gleiche Therapieprinzipien beim Wundverband. Selbstverständlich muss eine verursachende Grunderkrankung, wie eine arterielle Verschlusskrankheit, eine venöse Insuffizienz oder ein sakrales Dekubitalulkus, kausal behandelt werden.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten:
eingereicht: 17. 7. 2007, revidierte Fassung angenommen: 31. 10. 2007
Vom Autor aktualisiert: 13. 3. 2009


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peter Kujath
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
E-Mail: peter.kujath@chirurgie.uni-luebeck.de
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