ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Wenn einer eine Reise tut...

VARIA: Post scriptum

Wenn einer eine Reise tut...

Josten, Mathias

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LNSLNS Weil die Urlaubsreise nie ein reines Vergnügen wird, erfüllen sich nicht alle Urlaubsträume. Dabei sind die vorgebrachten Klagen, verglichen mit denen in der Antike, absolute Nichtigkeiten. Hier der Bericht einer Gesellschaftsreise aus dem elften Jahrhundert: "Im Jahre 1064 schlossen sich 7 000 Personen zusammen, zu einer Pilgerreise zu den heiligen Stätten. Nur etwa 2 000 von ihnen sind zurückgekommen. 5 000 Personen bezahlten diese Reise mit ihrem Leben." Heute ist die Gefahr, auf einer Reise verlorenzugehen, denkbar gering. Die meisten Klagen betreffen das Hotel. Man fühlt sich übervorteilt. Diese Touristen sollten die Sittengeschichte Roms lesen.
Plinius (24 bis 79 n. Chr.) berichtet in "Gasthäuser, Zöllner und Räuber": "Die Gastwirte waren verrufen und ihr Gewerbe mißachtet. Sie prellten, betrogen und fälschten den Wein. Nicht nur die Habe, auch die Person des Reisenden war eine zu verwertende Beute. Mancher Reisende verschwand in den unterirdischen Bagnos, in denen die Reichen ihre Sklaven in Gewahrsam hielten."
Wer sich das vorstellt, der zahlt gerne jede Hotelrechnung. Was er auch bezahlt, er darf als freier Mann, wenn auch verarmt, die Heimreise antreten. Das war damals nicht so. Hier ein Bericht, der gerade 300 Jahre alt ist: "Gegen Ende des 17. Jahrhunderts ließ ein Wirt in Krems an der Donau Gäste durch eine Falltür in den Keller stürzen und raubte sie aus. 187 Personen verschwanden dort spurlos."
Heute geht man eine mit Teppich belegte Treppe hinunter in den Keller, wo sich die Bar befindet. Dort wird man von netten Damen und mit kühlen Drinks verwöhnt. Zwar wird man so legal ausgeraubt, jedoch darf man die Treppe wieder hinaufgehen.
Manche der Reisenden klagen, daß das Hotel nicht sauber gewesen sei. Plinius schreibt über die Hotelbetten: "Die Herbergen waren voll von Pferdeknechten und Maultiertreibern. Die mit Schilf vollgestopften Bettenpolster wimmelten von Flöhen." Laut Plinius nächtigten deshalb viele Römer in ihren Zelten. Das war der Anfang der heutigen Campingbewegung.
Mancher Reisende ist erbost, wenn er feststellen muß, daß sein Hotelzimmer belegt ist. Er möge bei Plinius lesen: "Oft mußten sich mehrere, einander unbekannte Reisende das Zimmer, sogar das Bett teilen. Es konnte passieren, daß der Wirt in der Nacht noch einen Gast ins Zimmer schob, der zu einem ins Bett schlüpfte."
Ehemänner klagen, daß ihre Frauen zu viel Gepäck mitschleppen. Poppäa, die vor 2 000 Jahren auf Reisen war, ließ sich stets die Badewanne nachtragen. Neben zahllosen Packtieren mit Garderobe und Schönheitsmitteln folgten ihr 500 Eselinnen, in deren Milch sie täglich badete.
Cicero berichtet: "Wenn ein hoher Beamter reiste, wälzte sich ein langer Zug über die Straße. Voran Musiker und Sänger, die das Lob des hohen Reisenden sangen. Der hohe Beamte ritt auf einem silberbeschlagenen Maultier. Den Abschluß des Zuges bildeten die Packesel, die das Gepäck schleppten."
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