ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2009Studium: Selbstauflösung
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. . . Der Vorgang beleuchtet ein Problem der Medizin als universitäres Fach: Die Einheit von Forschung, Lehre und Krankenversorgung wird von allen Seiten erodiert. Unter dem Druck der Klinikkonzerne auf die kurative universitäre Medizin und der Max-Planck-Institute auf die forschende Medizin mag es attraktiv erscheinen, das lästige Grundstudium Vorklinik abzustoßen. Dann verabschiedet sich die Medizin aber nach etlichen Jahrhunderten freiwillig aus dem Kanon der universitären Fächer. Die Lehre im Grundstudium ist in allen Fächern weniger beliebt als die Lehre im Hauptstudium, egal ob es sich um Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften handelt. Aber kein Fach kann allein als Hauptstudium existieren, es wird dann zwangsläufig zum Unterfach einer anderen Fakultät. Die Vertreter der klinischen Fächer tun also gut daran, sich um den Erhalt ihrer Vorklinik zu bemühen. Die Aussage „Anatom oder Physiologe wolle ja eh kaum noch jemand werden“ ist übrigens nicht ganz korrekt: Das Interesse an den medizinischen Grundlagenfächern ist bei den Studierenden der Medizin weiterhin vorhanden. Kritisch wird es, wenn sich Interessenten die Karrierechancen anschauen: Die Durchlässigkeit zwischen den theoretischen Fächern und den klinischen Fächern der Medizin hat in letzter Zeit abgenommen, und das betrifft nicht nur die Vorklinik, sondern auch Fächer wie Pharmakologie oder Virologie. Somit bleibt neben der Hoffnung auf eine Professur im theoretischen Fach oft nur der Alternativweg in der forschenden Industrie, der Weg ins Ausland oder der Ausstieg aus der Medizin. Auf diese Weise geht der Medizin ein großer Teil des hervorragend ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchses verloren. Die Sicherstellung des wissenschaftlichen Nachwuchses für das eigene Fach, dessen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, sind Themen, die von der AWMF seit einiger Zeit mit Sorge verfolgt werden. Im vorklinischen und klinischen Studium ist die wissenschaftliche Grundausbildung ganz an den Rand gedrängt, wenn nicht gar eliminiert. Seitens der in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzte wird zunehmend kritisiert, dass eine Ausbildung in wissenschaftlichen Arbeitstechniken mit einem Auslandsaufenthalt verbunden werden muss, weil sonst die Freistellung fehlt. Dabei liegt die Lösung vor der Haustür: Rotationsstellen zwischen klinischen Einrichtungen und theoretischen Einrichtungen nutzen beiden Seiten. Die klinische Einrichtung erhält Kompetenz in Versuchsplanung und Labortechniken und die theoretische Einrichtung Kompetenz zur klinischen Relevanz für die Lehre und für Forschungsfragestellungen. Während Outsourcing eigener Kernkompetenz wie der vorklinischen Lehre langfristig zur Selbstauflösung führt, kann die Integration von Vorklinik und Klinik auf allen Ebenen (Lehre, Stellenpläne, Weiterbildungscurricula) die Zukunft der Medizin als Universitätsfach sichern.

Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede, Vorsitzender der Kommission „Wissenschaftlichkeit in der Medizin“ der AWMF, Lehrstuhl für Neurophysiologie, CBTM, Universität Heidelberg, Ludolf-Krehl-Straße 13–17, 68167 Mannheim
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