KULTUR

Medizinmanga: Am Puls der Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2009; 106(15): A-721 / B-615 / C-599

Litten, Freddy

Manga: Ähnlich wie der westliche Begriff Comic ist auch Manga in seiner Bedeutung eher unscharf und schließt neben statischen Bildergeschichten auch kurze Comicstrips und Karikaturen ein. Mit Manga werden in Japan jedes Jahr mehr als drei Milliarden Euro umgesetzt.
Manga: Ähnlich wie der westliche Begriff Comic ist auch Manga in seiner Bedeutung eher unscharf und schließt neben statischen Bildergeschichten auch kurze Comicstrips und Karikaturen ein. Mit Manga werden in Japan jedes Jahr mehr als drei Milliarden Euro umgesetzt.
Action bei den Operationen, Entscheidungen auf Leben und Tod, ethische Konflikte – solche dramatischen Elemente sind Pflicht.

Bereits seit Jahren beklagt Japan einen Mangel an bestimmten Fachärzten, speziell Anästhesiologen. Lange Dienstzeiten, schlechte Bezahlung sowie Missachtung (und sexuelle Belästigung) durch die Chirurgen gehören zu den Gründen, glaubt man dem Manga „Hana, die Anästhesiologin“ („Masuikai Hana“, 2007/8). Wer jetzt aber meint, dieser „mal ernste, mal komische“ Manga sei einfach dahinfabuliert, irrt. Die Autorin und Zeichnerin Hakua Nakao zeichnet gemeinsam mit dem Anästhesiologen Kappei Matsumoto verantwortlich; weitere Ärzte und Ärztinnen halfen offenbar bei der Recherche.

Fotos: Iryu Team Medical Dragon © 2003 by Taro Nogiziaka, Akira Nagai/Shogakukan Inc.
Fotos: Iryu Team Medical Dragon © 2003 by Taro Nogiziaka, Akira Nagai/Shogakukan Inc.
Dass sich eine Fortsetzungsgeschichte in Comicform mit Ärzten und ihren Problemen beschäftigt, mag den deutschen Leser zunächst befremden. Doch ist die Vielfalt des Mangas längst so groß, dass es eher verwunderlich wäre, eine solche gesellschaftliche Gruppe dort nicht behandelt zu finden. Tatsächlich ist im letzten Jahrzehnt ein eigenes Genre des „Medizinmangas“ zu beobachten, das wohl auch durch einschlägige US-amerikanische Fernsehserien wie „Emergency Room“ gespeist wurde. Außerhalb Japans bislang kaum beachtet, sind mindestens ein Dutzend Mangaserien entstanden, die zum Teil noch nach Jahren fortgesetzt werden, also als erfolgreich gelten können.

Foto: Iryu Team Medical Dragon © 2002 by Taro Nogizaka, Akira Nagai/Shogakukan Inc.
Foto: Iryu Team Medical Dragon © 2002 by Taro Nogizaka, Akira Nagai/Shogakukan Inc.
„Hana“ spielt in einer Universitätsklinik, in der die Verhältnisse für Anästhesiologen, so die Verlagswerbung, noch schlimmer sein sollen als in öffentlichen Kliniken. Das erinnert an den Manga „Iryû-Team Medical Dragon“ von Tarô Nogizaka und Akira Nagai, der es seit 2002 auf immerhin 18 Bände und zwei Verfilmungen als reale Fernsehserie gebracht hat. Der 2004 verstorbene Nagai war selbst Arzt gewesen. Anhand des Chirurgen Ryûtarô Asada, der als Außenseiter in eine Universitätsklinik geholt wird, um ein Team für eine Batista-Herzoperation aufzubauen, kritisiert „Team Medical Dragon“ aufs Heftigste die Zustände des japanischen Gesundheitswesens. Korrupte Ärzte, starre Hierarchien, Ausbildung ohne praktische Erfahrung, Ignorierung der Patientenbedürfnisse sowie vieles mehr werden hier angeprangert. Und wenn am Ende des ersten Kapitels die Universitätskliniken als „Feudalgesellschaften“ charakterisiert werden, stellen die Autoren wie selbstverständlich den historischen Bezug zu dem Begründer des Medizinmangas, dem Arzt und „Gott der Manga“, Osamu Tezuka dar, der Ähnliches in „Ode an Kirihito“ (dazu DÄ, Heft 26/2007) vor fast vier Jahrzehnten äußerte.

Nun soll allerdings nicht der Eindruck entstehen, bei den Medizinmanga handele es sich um Sachmanga, wie es sie zum Beispiel als Einführung in die Relativitätstheorie gibt. Action bei den Operationen, Entscheidungen auf Leben und Tod, ethische Konflikte – solche dramatische Elemente der Story sind Pflicht. Chirurgen bieten sich dabei als Hauptpersonen an, müssen jedoch nicht immer an einer großen Klinik agieren. In der inzwischen auf 22 Bände angewachsenen und ebenfalls als „Fernsehdrama“ verfilmten Serie „Dr. Kotôs Krankenstation“ („Dr. Kotô shinryôjo“, 2000 ff.) von Takatoshi Yamada verlässt Kensuke Gotô wegen eines Operationsfehlers Tokio und wird Allgemeinmediziner auf einer abgelegenen Insel. Dort erhält er zwar Gelegenheit, seine spektakulären chirurgischen Künste zu beweisen, aber der sonst fast unbeholfen wirkende Jungmediziner muss auch das Vertrauen der Inselbewohner und der hübschen Krankenschwester gewinnen. Ein „Arztroman“ deutscher Prägung ist „Dr. Kotô“ dennoch nicht, denn wie bei fast allen Medizinmanga ist das Zielpublikum eher männlich. Mit mehr als zehn Millionen verkauften Bänden hat „Dr. Kotô“ einen durchschlagenden, wenn auch keinen internationalen Erfolg.
Freddy Litten
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