ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009Katholische Krankenhäuser: Ärztetarife durch die Hintertür

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Katholische Krankenhäuser: Ärztetarife durch die Hintertür

Flintrop, Jens

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Jens FlintropRedakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Der Marburger Bund hat jüngst eine Broschüre zum Berufseinstieg herausgebracht, die Medizinstudierenden und Klinikärzten einen guten Überblick über die Einstiegsgehälter und die Gehaltsentwicklung bei den verschiedenen Krankenhausträgern vermittelt. Demnach verdient ein Arzt in einem katholischen Krankenhaus signifikant weniger als sein Kollege bei einem Träger, mit dem die Ärztegewerkschaft einen arztspezifischen Tarifvertrag abgeschlossen hat. In einer Zeit, in der viele Kliniken händeringend Ärzte suchen, ist die Konsequenz aus diesem Missverhältnis logisch: Mehr noch als andere haben die katholischen Krankenhausträger Probleme, ihre ärztlichen Stellen zu besetzen. Inzwischen gehen immer mehr dieser Arbeitgeber pragmatisch damit um und zahlen den Ärzten individuelle Zulagen, um sie als neue Kräfte zu gewinnen beziehungsweise zum Bleiben zu bewegen – manchmal hat der viel gescholtene Wettbewerb im Gesundheitswesen halt doch sein Gutes.

Die Gesellschaft der Alexianerbrüder mbH geht jetzt noch einen Schritt weiter und stuft alle 280 Ärzte in ihren Kliniken in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt grundsätzlich – wenn man so will „virtuell“ – in den Tarifvertrag für Ärzte an kommunalen Krankenhäusern ein (TV-Ärzte/VKA). Die Alexianer-Ärzte verdienen also genauso viel, als ob sie in einer kommunalen Klinik tätig wären. Den Angaben zufolge steigen die Bruttovergütungen für die Ärzte dadurch um durchschnittlich zehn Prozent. Nur einige lang gediente Fachärzte mit vielen Kindern profitieren nicht von der Regelung, die rückwirkend zum 1. Januar 2009 greift. „Hintergrund der Entscheidung ist, dass die für den katholischen Unternehmensverbund zuständige arbeitsrechtliche Kommission im Deutschen Caritasverband zum Thema Ärztevergütung bisher zu keiner Einigung gekommen ist“, erläutert Andreas Kather, Leiter des Bereichs Personal. „Wir mussten jedoch kurzfristig auf die derzeitige Marktsituation reagieren, damit ärztlicher Nachwuchs zu uns kommt.“

Durch die Hintertür kommen somit die arztspezifischen Tarifverträge des Marburger Bundes auch in katholischen Krankenhäusern zum Tragen – der Ärztemangel macht es möglich. Ein eigener Tarifabschluss zwischen dem Caritasverband und dem Marburger Bund für die rund 20 000 in katholischen Kliniken beschäftigten Ärzte bleibt aber wohl weiterhin ein frommer Wunsch der Ärztegewerkschaft. Schließlich räumt das Grundgesetz den Kirchen das Recht ein, ihre Personalangelegenheiten eigenständig zu regeln. Dieses Privileg, nicht zu Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften verpflichtet zu sein, wird der Caritasverband kaum freiwillig aufgeben.

Jene Ärztinnen und Ärzte, die immer noch ohne eine angemessene individuelle Zulage in einem katholischen Krankenhaus beschäftigt sind, könnten sich spätestens nach der Lektüre dieses Artikels motiviert fühlen, das Gespräch mit ihrer Personalabteilung zu suchen und ebenfalls eine Gehaltsaufstockung auf das Niveau des TV-Ärzte/VKA zu fordern. Warum auch nicht? Angesichts der aktuellen Lage auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt stehen die Chancen gut, dass der Arbeitgeber zu Zugeständnissen bereit ist.
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