ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009Prof. Dr. med. Gudrun Neises: Immer unter Volldampf

POLITIK: Porträt

Prof. Dr. med. Gudrun Neises: Immer unter Volldampf

Merten, Martina

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LNSLNS Die Nahtstelle zwischen Medizin und Wirtschaft hat Neises früh interessiert. Vor einigen Jahren hängte sie ihren Arztkittel tatsächlich an den Nagel und lehrt seitdem an der Hochschule Fresenius in Idstein – als Stada-Stiftungsprofessorin für Gesundheitsmanagement.

Foto: Georg Lopata
Foto: Georg Lopata
Es ist kurz vor halb acht, als Prof. Dr. med. Gudrun Neises am Morgen des 1. Oktober 2003 auf ihre Uhr schaut. Neises ist – für sie selbst höchst verwunderlich – eine der ersten, die an diesem Tag das Gebäude der Hochschule Fresenius im hessischen Idstein betritt. Doch die Fachärztin für Innere Medizin und Endokrinologie ist noch so geprägt vom Klinikstress, dass sie es bereits für spät hält. Nicht nur das: „Ich konnte einfach nicht glauben, dass über Nacht niemand gestorben war“, sagt die 45-Jährige.

Dieser Morgen liegt beinahe sechs Jahre zurück. Es scheint fast so, als gäbe es ein Leben vor diesem Tag und eines danach. An das Leben vorher, das als Ärztin mit Kittel und Birkenstockschuhen, wie sie sich rückblickend selbst beschreibt, erinnert kaum noch etwas. Wer die Professorin für Gesundheitsmanagement heute kennenlernt, trifft auf eine Frau in eleganten Hosenanzügen, die nach wie vor Natürlichkeit ausstrahlt, die aber schwer in einer Welt vorstellbar ist, in der morgens um 7 Uhr als erstes Blut abgenommen wird und Patienten über Nacht ums Überleben kämpfen mussten. Doch genauso sah der Alltag von Neises bis 2003 größtenteils aus. Als Assistenz- und später als Oberärztin an der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf hätten „Blut, Krankheit und Chroniker“ auf der Tagesordnung gestanden, sagt die Ärztin. Schließlich handelt es sich bei stationär betreuten Diabetikern immer um schwerkranke Menschen.

Der Moment der Veränderung
Neises identifizierte sich sehr mit ihrer Arbeit, war rund um die Uhr für ihre Patienten ansprechbar. Einer von vielen Nachtdiensten veränderte dann ihre Einstellung. Sie war zwar froh darüber, dass sich über Nacht der Zustand ihrer Patienten nicht dramatisch verschlechtert hatte. Dennoch erkannte sie in diesem Moment: Sie musste etwas anderes machen, „zumindest eine Zeit lang“.

Neises war in einer christlichen Familie aufgewachsen, Nächstenliebe hatte sie immer großgeschrieben. Sie hatte es als Privileg empfunden, lernen und studieren zu dürfen, noch dazu, um später anderen zu helfen. „Im Dienst von Patienten zu stehen, bedeutete mir sehr viel“, sagt sie. Deshalb hat es ihr auch lange Zeit gefallen, sich mit chronisch kranken Patienten zu beschäftigen, damit, wie man ihnen helfen kann, ein normaleres Leben zu führen. Neises entwarf während ihrer Düsseldorfer Zeit Schulungskonzepte für Typ-II-Diabetiker, baute eine Ambulanz für Schwangere mit Diabetes und eine für Patienten mit Stoffwechselerkrankungen mit auf. Sie versuchte immer, medizinische Informationen so zu transportieren, dass auch Laien sie verstehen.

Doch nach diesem Nachtdienst, dieser Erkenntnis, dass sie sich nach einem anderen Umfeld sehnte, schlug Neises einen neuen Weg ein. Sie konnte sich schon lange gut vorstellen zu lehren. Die Nahtstelle zwischen Medizin und Wirtschaft interessierte sie besonders. „Obwohl zur damaligen Zeit das Thema Gesundheitswirtschaft noch recht unbekannt war“, erinnert sich die Professorin. In den kommenden Jahren erwarb Neises – neben ihrer Arbeit als Ärztin – den Titel der Diplom-Gesundheitsökonomin, absolvierte ein Postgraduiertenaufbaustudium „Betriebswirtschaft für Ärztinnen und Ärzte“ und begann mit einem Public-Health-Zusatzstudium in Düsseldorf.

Wann sie für all das Zeit fand, kann Neises nicht mehr genau sagen. „Ich habe meine Arbeit jedenfalls nie als Belastung empfunden“, sagt die Ärztin, dafür habe sie aus all dem Neuen viel zu viel Kraft geschöpft. Belastet hat die 45-Jährige jedoch bisweilen die Vorstellung, persönlich stehen zu bleiben. Auf die Frage, warum gerade eine engagierte Frau wie sie solche Sorgen plagten, hat Neises eine einfache Antwort: „Damals, Anfang der Neunzigerjahre, war eine Assistenzarztstelle nicht selbstverständlich.“ Planungssicherheit habe es für sie nicht gegeben. Vielleicht war das der Grund dafür, warum Neises Anfang 2000 den Schritt in die Selbstständigkeit als Endokrinologin ging – eine Selbstständigkeit, die sie drei Jahre später wieder aufgab.

Ruhiger? Vielleicht später
Denn 2003 hatte Stada eine Stiftungsprofessur für Gesundheitsökonomie ausgeschrieben, auf die Neises sich ohne langes Zögern bewarb. Der Tag der Zusage war der Schritt in ein anderes Leben – nicht in ein ruhigeres Leben. Neises verließ die Praxis, wechselte von Wuppertal an die Hochschule Fresenius nach Idstein und fing, wie sie selbst betont, „noch einmal ganz neu an“.

Dabei wäre sie wohl nicht sie selbst geblieben, hätte sie im Rahmen ihrer Professur nicht alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten genutzt. So entwickelte sie zusammen mit der Welsh School of Pharmacy ein Masterprogramm „International Pharmaoeconomics“, reiste um die halbe Welt, um die internationalen Interessen der Fachhochschule zu vertreten und wurde 2007 zur Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ernannt.

Neises weiß, dass es in diesem Tempo nicht ewig weitergehen kann. In etwa 20 Jahren könnte sie sich aber auch eine humanitäre Tätigkeit vorstellen, in jedem Fall eine Arbeit, bei der sie im Dialog mit jungen Menschen bleibt. Bis dahin vergeht allerdings noch viel Zeit – Zeit, in der sie sich weiterhin ein intensives Leben wünscht, beruflich und privat.

Martina Merten
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