ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009DGHO-Frühjahrstagung: Die Versorgung Krebskranker muss noch besser werden

POLITIK

DGHO-Frühjahrstagung: Die Versorgung Krebskranker muss noch besser werden

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Zugang zu Innovationen soll Patienten weiterhin offenstehen, verlangen Hämatologen und Onkologen. Gleichzeitig müssen sie einer kritischen Beurteilung im Versorgungsalltag unterzogen werden.

Ein neuer Bluttest, womit sich möglicherweise Tumoren des Dick- und Enddarms im Frühstadium nachweisen lassen, erregte vor Kurzem Interesse. Entwickelt hatten ihn Wissenschaftler der Universität Bonn und der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. Die beteiligte Bonner Ärztin Dr. med. Gisela Walgenbach-Brünagel erklärte damals aber auch: „Für ein endgültiges Urteil sind noch weitere Studien mit viel mehr Patienten nötig.“

Zum Zeitpunkt der Zulassung sind viele Fragen offen
Nicht nur auf dem Feld der Tumormarker mangelt es an Studien, die die Behandlung von Krebspatienten tatsächlich verbessern helfen. Darauf wiesen Fachleute bei einer Podiumsdiskussion während der Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) Mitte März in Berlin hin. Sie forderten, mithilfe öffentlicher Gelder viel mehr wissenschaftsinitiierte, versorgungsrelevante Forschungsvorhaben auf den Weg zu bringen. Denn „Fragen der Versorgungsrealität werden in der Forschung fast nicht mehr bearbeitet“, kritisierte Prof. Dr. med. Michael Hallek, Köln.

Zulassungsstudien reichen nicht aus. Bei Patienten mit soliden Tumoren betragen die Jahrestherapiekosten häufig zwischen 40 000 und 80 000 Euro. Dabei liegt die Ansprechrate bei Chemotherapie und neuen Wirkstoffen nach Darstellung von Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Berlin, meistens im Durchschnitt bei nur zehn bis 30 Prozent. „Zum Zeitpunkt der Zulassung eines Medikaments sind viele wichtige Fragen bezüglich der Versorgung unserer Patienten also noch gar nicht beantwortet“, sagte der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft.

Angesichts dieses Gefälles und des permanenten Kostendrucks im Gesundheitswesen fürchten Hämatologen und Onkologen, dass neue, teure Arzneimittel demnächst möglicherweise als nicht mehr bezahlbar gelten. Damit der Zugang gewährleistet bleibt, schlägt die DGHO vor, sie im Versorgungsalltag einer Kosten-Nutzen-Bewertung zu unterziehen. Dazu seien nach der Zulassung weitere klinische Studien zur Einschätzung ihrer Wirksamkeit und ihrer Risiken unter Alltagsbedingungen notwendig, hieß es. Nach einigen Jahren solle dann eine transparente Bewertung der Preisgestaltung unter Einbeziehung medizinischer Experten erfolgen.

Ähnlich verfährt man bereits in Frankreich. Auch die Niederländer haben gerade festgelegt, dass teure Arzneimittelinnovationen drei Jahre nach ihrer Zulassung auf ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis hin überprüft werden. Ergebnisse würden aber erst 2011 erwartet, berichtete Prof. Dr. med. Roel Willemze, Leiden.

Geld für teure Innovationen fehlt bei der Betreuung
Ohne derartige Abwägungen könnte in Zukunft noch stärker an den falschen Stellen gespart werden, befürchtete der DGHO-Vorsitzende Prof. Dr. Gerhard Ehninger, Dresden: „Nachweislich werden alten Patienten schon heute lebensverlängernde Maßnahmen vorenthalten. Es ist besorgniserregend, dass aus Angst vor Regressen ältere Menschen nicht mehr leitliniengerecht behandelt werden.“

Auch der Vorsitzende des Berufsverbands der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen, Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Schmitz, sprach sich für begleitende Postzulassungsstudien aus. Er regte zudem eine breite öffentliche Diskussion über die optimale Mittelverteilung an, denn: „Wir müssen die heimliche Rationierung aus den Sprechzimmern heraushalten“.

In der Diskussion wurde ein weiteres Problem benannt: Geld, das für überteuerte Medikamente ausgegeben wird, fehlt anderswo für die Versorgung von Krebspatienten. So warnt auch Ludwig, am Ende könnten vernünftige Angebote für Krebskranke, wie zum Beispiel eine psychosoziale Betreuung und Homecare, nicht mehr finanziert werden.
Sabine Rieser


Impulse durch Spitzenzentren
- Mit 18 Millionen Euro fördert die Deutsche Krebshilfe sechs weitere Spitzenzentren der Krebsmedizin. Die Universitätskliniken Berlin, Erlangen, Essen, Frankfurt/Main, Hamburg und Ulm erhalten in den kommenden drei Jahren jeweils drei Millionen Euro. Die Krebshilfe verspricht sich von den nunmehr elf geförderten Zentren Impulse für die Forschung und eine bessere Versorgung.
- Die Spitzenzentren müssen zahlreiche Vorgaben erfüllen. Unter anderem sollen sie Tumorerkrankungen interdisziplinär behandeln, Behandlungspfade entwickeln, Patienten in klinische Studien bringen, sich aber auch mit den Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten der Umgebung verzahnen und Selbsthilfegruppen einbeziehen. „Uns ist bewusst, dass kein Zentrum alle Anforderungen ganz erfüllt“, sagte Prof. Dr. med. Otmar Wiestler, Vorsitzender des Krebshilfe-Beirats. Man erwarte aber, dass alle Zentren die Basisanforderungen erfüllten.
- Neben den sechs neuen Spitzenzentren fördert die Deutsche Krebshilfe außerdem das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg sowie die Zentren in Dresden, Freiburg, Köln/Bonn und Tübingen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema