ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009Arztzahlentwicklung: Hohe Abwanderung ins Ausland – sehr geringe Arbeitslosigkeit

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Arztzahlentwicklung: Hohe Abwanderung ins Ausland – sehr geringe Arbeitslosigkeit

Kopetsch, Thomas

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LNSLNS Wie in den Jahren zuvor nimmt der Anteil der Ärztinnen stetig zu. Die meisten berufstätigen Ärzte arbeiten im Krankenhaus, in der ambulanten Versorgung steigt die Zahl der angestelllten Ärzte.

Die Gesamtzahl der bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern gemeldeten Ärztinnen und Ärzte ist im Jahr 2008 auf 421 686 gestiegen. Dies sind 1,9 Prozent mehr als 2007 und entspricht in etwa den Steigerungsraten der Vorjahre. Ebenso in der Tendenz der letzten Jahre ist der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der Ärzte wiederum leicht gestiegen und hat jetzt 43 Prozent der Gesamtzahl (2007: 42,4 Prozent) erreicht.

Neben den schon länger anhaltenden Trends war im Jahre 2007 eine neue Entwicklung getreten: Im ambulanten Bereich war die Zahl der angestellten Ärzte im Vergleich zum Jahr 2006 um knapp 15 Prozent auf 10 406 gestiegen. Diese Tendenz hat sich im Jahre 2008 verstärkt, die Zahl hat sich nochmals um 2 170 auf 12 576 erhöht (+ 20,9 Prozent). Damit hat sich die Zahl der angestellten Ärzte in der ambulanten Versorgung seit 1993 (5 397) mehr als verdoppelt.

Nun zu den schon länger existierenden Trends. Erstens bleibt die Abwanderung von Ärztinnen und Ärzten ins Ausland weiter auf einem hohen Niveau. Im Jahre 2008 haben 3 065 Ärztinnen und Ärzte Deutschland verlassen.

Zweitens ist die Zuwanderung weiterhin sehr hoch, vor allem aus Österreich, Griechenland und den osteuropäischen Ländern. Der Anteil der Ausländer bei den Erstmeldungen bei den Ärztekammern betrug im vergangenen Jahr 17,3 Prozent. Die Zuwanderung betrifft zwar das gesamte Bundesgebiet, ist aber prozentual in den neuen Bundesländern ausgeprägter. So waren im Jahre 2000 erst 5,9 Prozent aller ausländischen Ärzte in Deutschland in den neuen Bundesländern tätig, im Jahre 2008 waren es bereits 15,4 Prozent.

„Feminisierung“ hält an
Drittens ist der Prozess der „Feminisierung“ der medizinischen Profession ungebrochen. Die wachsende Zahl der Ärztinnen und Ärzte ist vor allen Dingen auf die erhöhte Zahl an Ärztinnen zurückzuführen. Der Anteil der Ärztinnen an den Erstmeldungen bei den Ärztekammern lag im Jahre 2007 bei 57,9 Prozent (Vorjahr: 56,6 Prozent).

Von allen Ärzten waren im vergangenen Jahr 101 989 nicht ärztlich tätig, 319 697 Ärztinnen und Ärzte gingen hingegen ihrer Profession nach – das waren 4 785 mehr als im Vorjahr. Die Zuwachsrate betrug damit 1,5 Prozent.

Auch der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte ist im Jahre 2008 wiederum leicht gestiegen und liegt jetzt bei 41,5 Prozent (2007: 40,6 Prozent). Im Jahr 1991 stellten die Ärztinnen noch rund ein Drittel (33,6 Prozent) aller ärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen. Seitdem hat sich der Frauenanteil um 23,6 Prozent erhöht.

Die Altersstruktur der berufstätigen Ärzte hat sich indessen kaum verändert. Der Anteil der unter 35-Jährigen ist um 0,3 Prozentpunkte auf jetzt 16,4 Prozent gestiegen, der der über 59-Jährigen geringfügig auf 11,8 Prozent (Vorjahr: 11,5 Prozent).

Bei den Arztgruppen fallen die Zuwachsraten unterschiedlich aus. Recht große Steigerungsraten sind bei den Gebieten Humangenetik (+ 6,8 Prozent), Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (+ 6,3 Prozent), Neurologie (+ 6,0 Prozent) sowie Psychiatrie und Psychotherapie (+ 4,8 Prozent) zu finden. Die größten Rückgänge gab es bei den Ärzten folgender Gebietsbezeichnungen: Anatomie (– 5,5 Prozent), Physiologie (– 5,0 Prozent), öffentliches Gesundheitswesen (– 4,1 Prozent) und Nervenheilkunde (– 3,8 Prozent).

Arbeitsplatz Krankenhaus
Der Anteil der im Krankenhaus tätigen Ärztinnen und Ärzte ist bezogen auf alle ärztlich Tätigen leicht gestiegen – auf nun 48,1 Prozent (Vorjahr: 47,8 Prozent). Die Zahl der Krankenhausärztinnen und -ärzte stieg – zum dritten Mal in Folge – um 2,1 Prozent (absolut: 3 155). Am deutlichsten nahm die Zahl der Krankenhausärztinnen und -ärzte in Hamburg (3,8 Prozent), Bayern (3,0 Prozent), Hessen (2,8 Prozent) sowie Berlin (2,6 Prozent) zu. Sachsen-Anhalt (– 0,6 Prozent) und Bremen (– 0,2) haben dagegen Rückgänge an stationär tätigen Ärzten zu verzeichnen.

Auch im Krankenhaus gibt es mehr Ärztinnen: Ihr Anteil ist im Jahre 2008 von 41,3 Prozent auf 42,5 Prozent gestiegen.

Die Altersstruktur im Krankenhaus hat sich leicht verbessert. Der Anteil der Krankenhausärztinnen und -ärzte, die jünger als 35 Jahre sind, ist von 30,7 Prozent auf 31,3 Prozent gewachsen. Gleichzeitig stagniert der Anteil der über 59-Jährigen bei 4,6 Prozent. Das Durchschnittsalter der Krankenhausärztinnen und -ärzte liegt aktuell bei 41,06 Jahren.

Weniger Niedergelassene
Die Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte ist im Jahre 2008 um 0,6 Prozent gestiegen, was 792 Ärztinnen und Ärzten entspricht. Derzeit sind 138 330 Ärztinnen und Ärzte ambulant tätig. Dabei ist allerdings die Zahl der Niedergelassenen um 1 378 auf 125 754 gesunken, dies entspricht einem Rückgang um 1,1 Prozent.

Der Frauenanteil beträgt in der ambulanten Versorgung inzwischen 38,6 Prozent (Vorjahr: 38,1 Prozent). Deutliche Steigerungsraten sind schon seit dem Jahr 2003 zu verzeichnen.

Bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ist der Anteil der unter 40-Jährigen gestiegen, und zwar von 6,0 Prozent im Jahre 2007 auf 8,1 Prozent. Zugleich ist der Anteil der mindestens 60-Jährigen von 19,2 Prozent auf 18,9 Prozent gesunken.

Leichtes Plus bei Behörden
Bei Behörden und Körperschaften sowie in sonstigen Bereichen waren mit 27 568 rund 3,1 Prozent mehr Ärztinnen und Ärzte tätig als im Vorjahr. Das sind 8,6 Prozent der berufstätigen Ärzte – ein wenig mehr als im Vorjahr.

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit – soweit sie bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern registriert sind – hat sich 2008 erneut erhöht. Die Steigerungsrate betrug 3,2 Prozent. Das sind 3 205 Ärztinnen und Ärzte. Von den Ärztinnen und Ärzten ohne ärztliche Tätigkeit befinden sich 60,6 Prozent im Ruhestand (Vorjahr: 59,1 Prozent), 2,1 Prozent sind berufsunfähig (Vorjahr: 2,1 Prozent), 0,6 Prozent befinden sich in der Freistellungsphase der Altersteilzeit (Vorjahr: 0,7 Prozent), 5,2 Prozent sind ausschließlich im Haushalt tätig (Vorjahr: 5,3 Prozent), 2,6 Prozent sind berufsfremd tätig (Vorjahr: 2,6 Prozent), 5,4 Prozent befinden sich in der Elternzeit (Vorjahr: 5,4 Prozent), 8,2 Prozent sind arbeitslos (Vorjahr: 9 Prozent) und 15,3 Prozent geben einen sonstigen Grund an (Vorjahr: 15,8 Prozent).

Von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg liegen die Arbeitslosenzahlen, die jeweils im September eines Jahres erhoben werden, vor. Danach ist bis September 2008 ein weiterer deutlicher Rückgang der Zahl der arbeitslosen Ärztinnen und Ärzte festzustellen. Nur noch 2 848 Ärztinnen und Ärzte waren zu diesem Zeitpunkt arbeitslos gemeldet, wobei der Ärztinnenanteil 62,4 Prozent (Vorjahr: 63,4 Prozent) beträgt. Dies entspricht einem Rückgang um 838 Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise 22,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zum Höhepunkt der Ärztearbeitslosigkeit im Jahre 1997 ist die Zahl der arbeitslosen Ärztinnen und Ärzte um 6 548 beziehungsweise 70 Prozent gesunken.

Bezieht man die aktuelle Zahl der Arbeitslosen auf die berufstätigen Ärzte insgesamt, ergibt sich eine sensationell niedrige Arbeitslosenquote von nur 0,9 Prozent (Vorjahr: 1,2 Prozent). Wird die Zahl der abhängig beschäftigten Ärzte als Bezugsgröße genommen, liegt sie bei 1,9 Prozent (Vorjahr: 2 Prozent). Diese Zahlen liegen deutlich unter der „natürlichen Arbeitslosenquote“, bei der von Vollbeschäftigung die Rede ist. Das bedeutet, dass der ärztliche Teilarbeitsmarkt durch „Überbeschäftigung“ gekennzeichnet ist.

Die Anteile der einzelnen Tätigkeitsbereiche an der Gesamtzahl der Ärztinnen und Ärzte verteilt sich nun wie folgt: ambulant 32,8 Prozent (Vorjahr: 33,2 Prozent), stationär 36,5 Prozent (Vorjahr: 36,4 Prozent), in Behörden/Körperschaften 2,3 Prozent (Vorjahr: 2,4 Prozent), in sonstigen Bereichen 4,2 Prozent (Vorjahr: 4,1 Prozent) und nicht ärztlich tätig 24,2 Prozent (Vorjahr: 23,9 Prozent).

Weniger Anerkennungen
Im Jahre 2008 wurden 11 631 Anerkennungen von Facharztbezeichnungen ausgesprochen. Damit lag die Zahl unter den 12 312 Anerkennungen des Jahres 2007. Die meisten Anerkennungen wurden mit 1 777 im Fach Innere Medizin ausgesprochen, die Zahl der Anerkennungen im Bereich der Inneren Medizin mit Schwerpunkt beträgt insgesamt nur 298. Die Zahl der Anerkennungen in den Fächern Allgemeinmedizin und Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt) ist gegenüber dem Vorjahr (1 938) deutlich auf 1 236 gefallen.

Weiter fällt auf, dass die Zahl der Anerkennungen im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie von 292 im Jahre 2005 auf 1 476 im Jahr 2008 „explodiert“ ist. Die meisten Anerkennungen dürften allerdings auf Umschreibungen zurückzuführen sein. Insgesamt wurden im Jahre 2008 Anerkennungen für 2 353 Schwerpunktbezeichnungen ausgesprochen, damit lag die Zahl etwas höher als im Jahre 2007 mit 2 330.

Ausländische Ärzte
Die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärztinnen und Ärzte ist im Jahre 2008 um 1 350, das sind 6,6 Prozent, auf 21 784 gestiegen. Die Zunahme der berufstätigen ausländischen Ärztinnen und Ärzte liegt im Jahre 2008 bei 7,7 Prozent (Vorjahr 4,6 Prozent). Wie in den Jahren zuvor gehen die meisten ausländischen Ärztinnen und Ärzte ins Krankenhaus. Dort beträgt die entsprechende Zuwachsrate zehn Prozent (Vorjahr 7,3 Prozent).

Die stärkste Gruppe der Zuwanderer mit 915 Ärztinnen und Ärzten kommt aus den europäischen Staaten. Davon die meisten wiederum aus Österreich (+ 189), es folgen Griechenland (+ 154), Rumänien (+ 103), Polen (+ 96) sowie Russland (+ 85). Während im Jahr 2007 noch eine erhebliche Zuwanderung aus der Slowakei registriert werden konnte, gab es im Jahre 2008 aus diesem Land nur einen durchschnittlichen Zuwachs. Die größte Abwanderung aus Deutschland betraf wie in den letzten Jahren Ärzte aus dem Iran.

Die stärkste Gruppe ausländischer Ärzte stellt Österreich (1 802) vor Griechenland (1 708) und Polen (1 428), gefolgt von Russland (1 356). Damit kommen 72,2 Prozent aller ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland aus Europa, 19,1 Prozent aus Asien, 4,2 Prozent aus Afrika und 3,3 Prozent aus Amerika.

Abwanderung ins Ausland
Zum vierten Mal wurden im Jahre 2008 bei den Ärztekammern die Abwanderungszahlen ins Ausland erhoben. Die Datenanalyse basiert diesmal auf Datenmeldungen von allen 17 Ärztekammern. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass im Jahre 2008 insgesamt 3 065 ursprünglich in Deutschland tätige Ärztinnen und Ärzte ins Ausland abgewandert sind, wobei der Anteil der deutschen Ärzte 67 Prozent beträgt. Die Abwanderung hat damit zugenommen, denn die entsprechende Zahl betrug im Jahre 2007 noch 2 439. Die prozentual höchste Abwanderung betrifft Hessen und Bremen, die beliebtesten Auswanderungsländer sind – wie im vergangenen Jahr – die Schweiz (729), Österreich (237), die USA (168) sowie Großbritannien (95).
Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch
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