MEDIZIN: Originalarbeit

Herzinsuffizienz

Häufigster Grund für Kranken­haus­auf­enthalte – Medizinische und ökonomische Aspekte

Heart Failure: the Commonest Reason for Hospitalization in Germany—Medical and Economic Perspectives

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(16): 269-75; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0269

Neumann, Till; Biermann, Janine; Neumann, Anja; Wasem, Jürgen; Ertl, Georg; Dietz, Rainer; Erbel, Raimund

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Hintergrund: Eine Herzinsuffizienz ist in Deutschland derzeit der häufigste Grund für einen stationären Kranken­haus­auf­enthalt (Pressemitteilung Statistisches Bundesamt, 2008). Durch die Alterung der Gesellschaft wird auch künftig die Herzinsuffizienz einen zentralen Stellenwert bei der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung einnehmen. Dieser Artikel fokussiert auf regionale Unterschiede, Kosten der Erkrankung sowie die zu erwartenden Steigerungsraten der Fallzahlen in den kommenden Jahren.
Methoden: Die Analysen basieren auf den Daten des Statistischen Bundesamtes und berücksichtigen alters- und geschlechtspezifische Unterschiede. Eingeschlossen wurden Angaben der Diagnosestatistik, der Todesursachenstatistik sowie der Krankheitskostenrechnung.
Ergebnisse: Im Jahr 2006 wurde die Herzinsuffizienz mit 317 000 Fällen erstmals als die häufigste Hauptdiagnose für einen krankheitsbedingten stationären Kranken­haus­auf­enthalt in Deutschland berichtet. Während aktuell circa 141 000 der 80-Jährigen und Älteren an einer Herzinsuffizienz erkrankt sind, werden für das Jahr 2050 mehr als 350 000 Betroffene in dieser Altersgruppe erwartet. Im Bereich der Diagnosen, Todesursachen und Kosten bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Die infolge einer Herzinsuffizienz angefallenen Krankheitskosten betrugen im Jahr 2006 rund 2,9 Milliarden Euro.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen einen Anstieg der Hauptdiagnose Herzinsuffizienz für vollstationär behandelte Patienten in Deutschland. Bereits in naher Zukunft werden aufgrund der Altersentwicklung neue Konzepte der Prävention und Therapie erforderlich sein, um eine ausreichende Versorgung von Patienten mit Herzschwäche zu gewährleisten.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(16): 269–75
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0269
Schlüsselwörter: Herzinsuffizienz, stationäre Versorgung, Versorgungsforschung, regionale Unterschiede, Bevölkerungsentwicklung
LNSLNS Die Herzinsuffizienz ist heutzutage eine der häufigsten und kostenintensivsten chronischen Erkrankungen (1). In den westlichen Industrienationen ist sie für 1 bis 2 % und in Deutschland für etwa 1,1 % der direkten Krankheitskosten verantwortlich.

Aufgrund der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts – mit der Folge einer sinkenden Letalität ischämischer Herzereignisse –, werden Prävalenz und Inzidenz der Herzinsuffizienz künftig zunehmen und zu einer weiteren Kostensteigerung im Gesundheitssystem beitragen (2). Zudem ist der Krankheitsverlauf von häufig wiederkehrenden Kranken­haus­auf­enthalten und einer eingeschränkten Prognose bezüglich des Überlebens geprägt (3). Damit stellt die Herzinsuffizienz eine hohe medizinische und ökonomische Belastung für die Gesellschaft dar. Um diese Erkrankung näher zu erforschen und einen Mehrwert durch die Vernetzung von Forschung und Versorgung zu schaffen, wurde im Jahre 2003 – gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung – das Kompetenznetz Herzinsuffizienz in Deutschland gegründet (4).

Die vorliegende Arbeit analysiert die Entwicklung der Fallzahlen bei der Herzinsuffizienz bezogen auf den Zeitraum bis 2050. Zusätzlich werden auf Basis der Daten der Bundesländer die Angaben zur Hospitalisation und zu Todesfällen sowie die Ressourcenverbräuche für die Herzinsuffizienz nach Leistungserbringern dargestellt.

Methodik
Die Ausführungen der vorliegenden Arbeit legen die Kodierung I50 der Herzinsuffizienz gemäß der ICD-10-Klassifikation zugrunde. Analysebasis bilden die Daten des Statistischen Bundesamtes und der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE). Die Auswertungen beziehen sich dabei auf Gesamtdeutschland sowie auf einzelne Bundesländer. Sämtliche Daten zu Diagnosen und Todesursachen werden neben Absolutangaben auch altersstandardisiert berichtet, um die Daten unterschiedlicher Jahre sowie verschiedener Regionen miteinander vergleichen zu können.

Die Daten zu den Diagnosen beruhen auf der Diagnosestatistik des Statistischen Bundesamtes. Als Art der Datengewinnung liegt der Diagnosestatistik eine schriftliche Befragung der Krankenhäuser zugrunde. Bei der fallbezogenen Diagnosestatistik handelt es sich um eine jährliche Vollerhebung, die durchschnittlich 17 Millionen Krankenhausfälle erfasst (5). Der Betrachtungszeitraum des vorliegenden Artikels schließt die Jahre 2000 bis 2007 ein. Die Verschlüsselung von Diagnosen in der stationären Versorgung folgt der ICD-10-GM-Systematik. Angaben vor 2000 wurden nicht in die Analyse aufgenommen, da bis einschließlich 1999 die 9. Revision der ICD-Klassifikation angewendet wurde.

Die Angaben zur Todesursache Herzinsuffizienz basieren auf der offiziellen Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes. Erhebungsinstrumentarien dieser jährlichen Vollerhebung sind Todesbescheinigungen beziehungsweise Sterbefallzählkarten. Basis der Sekundärstatistik ist die Auswertung der Angaben der Ärzte entsprechend der ICD-Systematik. Für die Verschlüsselung von Todesursachen wird seit 1998 die ICD-10 Kodierung entsprechend der deutschsprachigen WHO-Ausgabe benutzt (6).

Für die Darstellung der Kosten wurde die Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes zugrunde gelegt (7). Die Krankheitskostenrechnung stellt ein sekundärstatistisches Rechenwerk dar und wird im Abstand von zwei Jahren veröffentlicht. Dabei werden die aus der Gesundheitsausgabenrechnung nach Einrichtungen und Leistungsarten vorliegenden nationalen Ausgabenwerte einzelnen Krankheitskapiteln, -gruppen oder -kategorien zugewiesen. Internationale Angaben wurden durch eine selektive Literaturrecherche für den Zeitraum von 1980 bis 2008 ermittelt.

Ergebnisse
Im Folgenden werden die Auswertungen im Bereich der Diagnosen, Sterbefälle sowie Kosten dargestellt. Die Ergebnisse zu den Diagnosen und Sterbefällen beziehen sich auf Vergleiche zwischen Alters- und Geschlechtergruppen sowie auf Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Hauptdiagnose Herzinsuffizienz
Der Anstieg der Hauptdiagnose Herzinsuffizienz für stationäre Kranken­haus­auf­enthalte ist in Tabelle 1 (gif ppt) wiedergegeben. Im Jahr 2002 erreichte die Herzinsuffizienz (I50) bezogen auf die absolute Fallzahl erstmals Platz 3 der Hauptdiagnosen in Krankenhäusern nach der chronisch ischämischen Herzkrankheit (I25) und psychischen Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkoholkonsum (F10). Bereits vier Jahre später – im Jahr 2006 – war die Herzinsuffizienz mit 317 000 Hauptdiagnosen der häufigste Grund für einen Kranken­haus­auf­enthalt in Deutschland (Gesunde Neugeborene [Z 38] werden in der Rangfolge nicht mit berücksichtigt). 2007 kam es zu einem weiteren Anstieg der Hospitalisationen aufgrund von Herzinsuffizienz um 5,6 % auf 335 000 Fälle. Bei den Frauen belegte die Diagnose Herzinsuffizienz 2007 den ersten Rang mit 178 298 Hospitalisationen. Bei den Männern ist die Diagnose Herzinsuffizienz mit 156 893 Hospitalisationen nach den psychischen Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol (F10) und der Angina pectoris (I20) auf dem 3. Rang angesiedelt.

Altersstandardisierte und altersspezifische Angaben zur Fallzahl in den Jahren 2000 bis 2006 sind in Grafik 1 (gif ppt) dargestellt. Danach kommt es ab einem Alter von 65 Jahren im Vergleich zur Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen zu einer Verzehnfachung der altersspezifischen Fallzahl je 100 000 Einwohner (Grafik 1).

Ab einem bestimmten Alter ist die Herzinsuffizienz als Einzeldiagnose bereits häufiger anzutreffen als zusammengefasste Diagnosebereiche (= die sogenannten Krankheitsgruppen der ICD-Klassifikation). Dies bedeutet exemplarisch, dass sie bei Personen über 50 Jahre die Kategorie „zerebrovaskuläre Krankheiten“ (I60–I69) sowie ab 60 Jahre den Bereich „endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen“ (E00–E90) an Fallzahlen übersteigt. Ab 65 Jahren wird sie häufiger als Krankheiten des Nervensystems (G00–G99) diagnostiziert. Für Personen ab 80 Jahren wird die Diagnose Herzinsuffizienz häufiger gestellt als Diagnosen im Bereich der ischämischen Herzkrankheiten (I20–I25). Ab einem Alter von 85 Jahren überwiegt sie bereits die Krankheitsgruppe „bösartige Neubildungen“ (C00–C97) sowie den gesamten Bereich der Neubildungen (C00–D48).

Unterschiede in der Fallzahl ergeben sich im Vergleich der Bundesländer (Grafik 2 gif ppt). Unterhalb des bundesweiten Durchschnitts liegt die altersstandardisierte Fallzahl in fünf Bundesländern. Hierzu zählen in den nördlichen Regionen Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, das südlich gelegene Baden-Württemberg und Niedersachsen. Besonders auffällig ist die Fallzahl in Bremen, die um mehr als 30 % vom bundesweiten Fallwert abweicht. Im Vergleich dazu befinden sich die Werte für zehn Bundesländer über der bundesweiten Fallzahl, angeführt von Brandenburg mit +29 % und Mecklenburg-Vorpommern mit +28 %. In den neuen Ländern beträgt die alterstandardisierte Fallzahl 368 je 100 000 Einwohner, in den alten Ländern muss von 296 Fällen je 100 000 Einwohner ausgegangen werden.

Todesursache Herzinsuffizienz
Im Zeitraum von 1998 bis 2007 war die Herzinsuffizienz (I50) bezogen auf die absolute Anzahl durchgängig die dritthäufigste Todesursache in Deutschland nach der chronisch ischämischen Herzkrankheit (I25) und dem akuten Myokardinfarkt (I21). In Abhängigkeit vom Geschlecht zeigen sich jedoch Unterschiede. Bei den Frauen findet man die Herzinsuffizienz (I50) an zweiter Rangstelle nach der chronischen ischämischen Herzkrankheit (I25). Bei den Männern belegt die Todesursache Herzinsuffizienz (I50) seit 1999 den vierten Platz nach der chronisch ischämischen Herzkrankheit (I25), dem akuten Myokardinfarkt (I21) und bösartigen Neubildungen der Bronchien und der Lunge (C34).

In sechs Bundesländern liegt die alterstandardisierte Sterbeziffer über dem bundesweiten Wert, wobei die Ziffer in Bremen um 22 % den Bundeswert übersteigt (Grafik 3 gif ppt). Einen Wert unterhalb der bundesweiten Sterbeziffer wiesen 10 Bundesländer auf, angeführt vom Saarland mit einer Verminderung um 49 %. Der Vergleich der alten und neuen Bundesländer zeigt, dass die Sterbeziffer in den neuen Ländern mit 34,5 Todesfällen je 100 000 Einwohnern unterhalb derer in den alten Ländern liegt (41,3 je 100 000 Einwohner).

Kosten
Im Jahr 2006 entstanden dem deutschen Gesundheitswesen infolge der Diagnose Herzinsuffizienz Krankheitskosten in Höhe von 2,9 Milliarden Euro. Die direkten medizinischen Kosten, das heißt Kosten die unmittelbar in Zusammenhang mit der medizinischen Behandlung stehen, werden in Tabelle 2 (gif ppt) dargestellt. Dem stationären Versorgungssektor kam dabei eine große Bedeutung hinsichtlich der Kostenverursachung zu. Mit insgesamt 1,7 Milliarden Euro waren stationäre und teilstationäre Einrichtungen für 60 % der Behandlungskosten für die Herzinsuffizienz in Deutschland verantwortlich. Der größte Kostenanteil entfiel auf den Bereich Kranken­haus­auf­enthalte mit 1,3 Milliarden Euro (45 % der Gesamtkosten), gefolgt von den Pflegeeinrichtungen mit 407 Millionen Euro. Auf die Rehabilitationseinrichtungen entfiel hingegen ein geringer Anteil von 11 Millionen Euro.

In den westlichen Industrienationen machen die Kosten der stationären Versorgung bei Patienten mit Herzinsuffizienz 50 bis 70 % der Krankheitskosten aus (810). Auch für die Rehospitalisierungskosten ergeben sich hierbei schwankende, aber dennoch hohe Werte von 17 bis 41 % (10, 11). Insgesamt gilt in diesem Versorgungssektor, dass mit der Schwere des Verlaufs der Herzinsuffizienz auch die Kosten in Abhängigkeit vom NYHA-Stadium (NYHA, New York Heart Association) zunehmen (12).

In Deutschland entfielen 27 % (784 Millionen Euro) der Krankheitskosten für Herzinsuffizienz im Jahr 2006 auf den ambulanten Versorgungsbereich. Arztbesuche hatten daran einen Anteil von 21 % (162 Millionen Euro, 6 % der Gesamtausgaben).

Die ambulanten Kosten steigen ebenfalls mit dem Schweregrad der Erkrankung. Der prozentuale Anteil der ambulanten Kosten an den Gesamtkosten nimmt mit Progression der Erkrankung jedoch ab. Dies bedeutet, dass bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium andere Kosten (zum Beispiel Hospitalisationen) im Vordergrund stehen (11, 12).

Im internationalen Vergleich beträgt der Anteil der Kosten des ambulanten Versorgungssektors zwischen 30 und 35 % der Gesamtkosten (8, 10). Arztbesuche sind dabei für etwa 6 bis 8 % an den Gesamtkosten beteiligt, die Kosten der medikamentösen Therapie mit 11 bis 18 % und die Kosten der ambulanten Pflege mit 8 bis 9 % (810).

Diskussion
In der vorliegenden Arbeit wurden auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes alters- und geschlechtsspezifisch der aktuelle Stand sowie die regionalen Unterschiede bezogen sowohl auf die Diagnose als auch die Todesursache Herzinsuffizienz dargestellt. Ferner wurden ökonomische Belastungen anhand der Kosten für das deutsche Gesundheitssystem veranschaulicht.

Die Analysen für Gesamtdeutschland bestätigen die Altersabhängigkeit der Herzinsuffizienz. Ab einem Alter von 60 Jahren steigt die Diagnose Herzinsuffizienz als Hauptdiagnose für die stationäre Aufnahme in deutschen Krankenhäusern nachhaltig an. Auch aus dem internationalen Vergleich ergibt sich eine entsprechende altersabhängige Zunahme dieser Erkrankung (1314).

Auf Landesebene differiert jedoch die Fallzahl der Herzinsuffizienz zwischen den einzelnen Bundesländern trotz Altersstandardisierung teilweise erheblich. Diese Unterschiede lassen verschiedene Schlüsse zu, können aber anhand der vorliegenden Daten nicht eindeutig begründet werden. Insbesondere Unterschiede in der medizinischen Versorgung, der Art der Diagnostik und der Dokumentation auf Länderebene könnten zu diesen Differenzen beitragen. Inwiefern dies zutrifft, ist in weiteren Untersuchungen zu ermitteln. Auch im Vergleich zwischen den alten und neuen Bundesländern bleibt offen, was den Unterschieden zugrunde liegt. Auffällig ist die erhöhte Fallzahl in den neuen Bundesländern, die über Jahre hinweg mit unterschiedlicher Ausprägung besteht und sich auch in einer altersstandardisierten Analyse widerspiegelt.

Bei der Betrachtung der Todesursachenstatistik sind speziell die Differenzen zwischen den Geschlechtern hervorzuheben. Im Vergleich der Bundesländer sterben laut der Sterbeziffer mehr Frauen als Männer an Herzinsuffizienz. Für Gesamtdeutschland nimmt die Herzinsuffizienz den zweiten Rang bei Frauen ein, wohingegen sie sich bei den Männern – bei zunehmender Tendenz – aktuell auf Platz vier befindet. Da Frauen oft ein höheres Lebensalter als Männer erreichen, ist es zu erklären, dass absolut im hohen Alter mehr Frauen als Männer an Herzinsuffizienz leiden und sterben (15).

Im internationalen Vergleich ist der Anteil der Todesursache Herzinsuffizienz an der Zahl der gesamten Sterbefälle in Deutschland erhöht (16). Es ist daher erforderlich, sowohl die Ursache für die erhöhte Sterblichkeit als auch Ansatzpunkte für eine optimierte Diagnostik und Therapie zu ermitteln.

Möglichkeiten hierfür lassen sich aus den Ergebnissen der SHAPE-Studie ableiten (17). Danach ist nur ein geringer Teil der europäischen Bevölkerung in der Lage, die typischen Symptome einer Herzinsuffizienz zu beschreiben. Oft geht dieses auch mit einer unzureichenden Diagnostik und medikamentösen Therapie einher. Deshalb fordern die Autoren der SHAPE-Studie eine bessere Aufklärung der Bevölkerung zusammen mit einer leitliniengetreuen Behandlung durch die Ärzte.

So können durch eine Reihe der auf dem Markt zugelassenen Medikamente – unter anderem Beta-Blocker und Hemmer des Renin-Angiotensin-Aldosteronsystems – Symptome verringert und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden. Dies resultiert in einem hohen medizinischen Nutzen (1). Aus diesem Grund sollten diese Präparate entsprechend den Leitlinien angewendet werden. Neben medizinischen Aspekten wird aber auch die Gesundheitsökonomie bei der Diagnostik und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einschließlich der Herzinsuffizienz, eine zunehmende Rolle spielen. Vor allem kostenintensive Therapieverfahren werden in absehbarer Zeit vermehrt in den Fokus gesundheitsökonomischer Betrachtungen rücken.

Im Hinblick auf die in den kommenden Jahren zunehmende volkswirtschaftliche Belastung, die durch die Herzinsuffizienz entsteht, ist es wichtig, alters-, geschlechtsspezifische und regionale Unterschiede in Deutschland darzustellen (15). Auf Basis dieser Daten lassen sich sowohl die künftigen Belastungen als auch die Grundlagen für die Gestaltung von Präventionsprogrammen und Konzepten der optimierten Versorgung ermitteln.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wird es künftig immer mehr ältere Menschen geben, während die absolute Bevölkerungszahl aufgrund geringer Geburtenzahlen kontinuierlich abnimmt. Dabei steigt die Lebenserwartung der 65-Jährigen bis 2050 um circa 4,5 Jahre. Im Jahr 2050 wird es doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben. Noch vor zwei Jahren waren diese Altersgruppen in ihrer Anzahl nahezu gleich besetzt. Derzeit gibt es etwa 4 Millionen 80-Jährige und Ältere, deren Zahl im Jahr 2050 auf 10 Millionen ansteigen wird (15). Da die Herzinsuffizienz eine Alterskrankheit ist und ihr Schwerpunkt bei den 65-Jährigen und Älteren liegt, werden in Zukunft immer mehr Menschen aufgrund der beschriebenen Altersverschiebungen betroffen sein. Während heute 141 000 der 80-Jährigen und Älteren an Herzinsuffizienz erkrankt sind, wird sich diese Zahl bis 2050 auf schätzungsweise 353 000 mehr als verdoppeln.

Abgesehen vom demografischen Wandel ergeben sich Änderungen in der Häufigkeit von Hospitalisationen darüber hinaus durch den medizinischen Fortschritt. In der Arbeit von Levy et al. (18) zeigt sich, dass die Anwendung von Beta-Blockern und ACE-Hemmern bei Personen mit Herzinsuffizienz mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit im Vergleich zu einem symptomatischen (nicht mortalitätssenkenden) Therapieansatz einhergeht. Diese Verlängerung der Überlebenszeit bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz trägt zusätzlich zu einem Anstieg der Prävalenz und unter Umständen auch zu vermehrten Hospitalisationen bei.

Limitationen im Rahmen der vorliegenden Arbeit ergeben sich aus der zugrundeliegenden Datenqualität. Die überwiegende Anzahl der Angaben entstammt dem Statistischen Bundesamt und basiert somit auf den offiziellen Daten im Rahmen der jährlichen Vollerhebung. Limitationen aus Sekundärdatenquellen begründen sich maßgeblich in der zugrundeliegenden Kodiertätigkeit. Dabei ist zu bedenken, dass die Vergabe des Diagnoseschlüssels im Krankenhaus erfolgt und bereits dort Fehler auftreten können.

Bezüglich der Todesursachenstatistik können sich Ungenauigkeiten unter anderen durch die subjektive Auswertung der Todesursachen in den Statistischen Landesämtern ergeben. Wie groß diese Ungenauigkeiten sind, kann jedoch letztendlich nicht quantifiziert werden.

Hingewiesen werden muss in diesem Zusammenhang auch auf die Tatsache, dass es sich bei der Krankenhausstatistik um fallbezogene Angaben handelt, wohingegen in der Todesursachenstatistik personenbezogene Angaben enthalten sind. Somit lassen die Angaben der Krankenhausstatistik keinen direkten Vergleich mit der Todesursachenstatistik zu. Auch direkte Rückschlüsse auf die Prävalenz der Erkrankung sind aufgrund der Erfassung mehrerer Kranken­haus­auf­enthalte einer Person nicht gegeben. Es liegt im Datenmaterial begründet, dass die Ergebnisse deskriptiv sind und keine Erklärungsmöglichkeiten für die berichteten Unterschiede liefern können.

Schlussfolgerung
Die Herzinsuffizienz ist seit 2006 die häufigste Hauptdiagnose für einen stationären Kranken­haus­auf­enthalt in Deutschland. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit dokumentieren die Bedeutung der Herzinsuffizienz bezüglich vollstationärer Krankenhausaufnahmen sowie der Belastungen für das Gesundheitssystem. Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus regionale Unterschiede in Deutschland auf und stellen die zu erwartende weitere Zunahme der Herzinsuffizienz in den kommenden Jahren dar.

Die vorliegenden Daten sind für die Gestaltung von Forschungs-, Präventions- und Behandlungsprogrammen der Herzinsuffizienz wichtig, um auch in Zukunft eine ausreichende Versorgung von Patienten mit Herzschwäche sichern und verbessern zu können.

Danksagung
Die Arbeit wurde unterstützt durch das Kompetenznetz Herzinsuffizienz, gefördert vom Deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (Netzwerkzentrale Kompetenznetz Herzinsuffizienz, Augustenburger Platz1, 13353 Berlin; Homepage: www.knhi.de).

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 18. 7. 2008, revidierte Fassung angenommen: 28. 1. 2009


Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Dipl.-Kfm. Till Neumann
Klinik für Kardiologie
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstraße 55, 45122 Essen
E-Mail: till.neumann@uk-essen.de

Summary
Heart Failure: the Commonest Reason for Hospitalization in Germany—Medical and Economic Perspectives
Background: Heart failure is now the commonest reason for hospitalization in Germany (German Federal Statistical Office, 2008). Heart failure will continue to be a central public health issue in the future as the population ages. This article focuses on regional differences, the costs of the disease, and the expected rate of increase in cases in the near future.
Methods: This analysis is based on diagnosis statistics, cause-of-death statistics, and cost of illness data, as reported by the German Federal Statistical Office. Age- and sex-specific differences are taken into account.
Results: 2006 was the first year in which heart failure led to more hospital admissions in Germany (317 000) than any other diagnosis. At present, about 141 000 persons in Germany aged 80 and over have heart failure; by the year 2050, it is predicted that more than 350 000 persons in this age group will be affected. The rate of diagnosis of heart failure, its frequency as a cause of death, and the costs associated with it all vary across the individual states of the Federal Republic of Germany. The nationwide cost of heart failure in 2006 was estimated at 2.9 billion euros.
Conclusions: These findings reveal that heart failure has become more common as an admission diagnosis of hospitalized patients in Germany. Because the population is aging, new concepts for prevention and treatment will be needed in the near future so that the affected patients can continue to receive adequate care.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(16): 269–75
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0269
Key words: heart failure, hospitalization, health services research,
regional differences, population trends

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Dickstein K, Cohen-Solal A, Filippatos G et al.: ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure 2008. Eur Heart J 2008; 29: 2388–442. MEDLINE
2.
Lloyed-Jones DM, Larson MG, Leip EP et al.: Lifetime risk for developing congestive heart failure. The Framingham Heart Study. Circulation 2002; 106: 3068–72. MEDLINE
3.
Dietz R: Herzinsuffizienz. In: Harrison: Innere Medizin. Berlin: ABW-Wissenschaftsverlag 2008.
4.
Schuster U, Osterziel KJ, Dietz R: Kompetenznetz Herzinsuffizienz. Humboldt Spektrum 2003; 4: 4–8.
5.
Statistisches Bundesamt: Fachserie 12 / Reihe 6.2.1. Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern (einschließlich Sterbe-, und Stundenfälle) 2007. Wiesbaden 2008.
6.
Statistisches Bundesamt: Fachserie 12 / Reihe 4. Todesursachen in Deutschland. Gestorbene in Deutschland an ausgewählten Todesursachen 2007. Wiesbaden 2008.
7.
Statistisches Bundesamt: Gesundheit – Krankheitskosten 2002, 2004 und 2006. Wiesbaden 2008.
8.
Szucs TD: Gesundheitsökonomische Aspekte der chronischen Herzinsuffizienz. Teil 1: Krankheitslast und ökonomische Bewertung. Schweizerische Ärztezeitung 2003; 84: 2431–5.
9.
American Heart Association: Heart Disease and Stroke Statistics—2008 Update. Dallas, Texas 2005.
10.
Stewart S, Jenkins A, Buchan S et al.: The current cost of heart failure to the National Health Service in the UK. Eur J Heart Fail 2002; 4: 361–71. MEDLINE
11.
Cline CMJ, Broms K, Willenheimer RB et al.: Hospitalization and health care costs due to congestive heart failure in the eldery. Am J of Geriatr Cardiol 1996; 5: 10–4. MEDLINE
12.
Kleber FX, Niemöller L, Rohrbacher R: Sozio-ökonomische Bedeutung der ACE-Hemmer bei Frühformen der Herzinsuffizienz. Münch Med Wochenschr 1992; 134: 749–52.
13.
Ho KK, Pinsky JL, Kannel WB et al.: The epidemiology of heart failure: The Framingham Study. J Am Coll Cardiol 1993; 22: 6A–13A. MEDLINE
14.
Cowie MR, Wood DA, Coast AJS et al.: Incidence and aetiology of heart failure. A population-based study. Eur Heart J 1999; 20: 421–8. MEDLINE
15.
Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden 2006.
16.
GHP Congestive Heart Failure Pilot Data Summary. http://healthpolicy.stanford.edu/GHP/CHFDesAnal5.0.doc
17.
Remme WJ, McMurray JJV, Rauch B et al.: Public awareness of heart failure in Europe: first results from SHAPE. Eur Heart J 2005; 26: 2413–21. MEDLINE
18.
Levy D, Kenchaiah S, Larson MG et al.: Long-term trends in the incidence of and survival with heart failure. N Engl J Med 2002; 347: 1397–402. MEDLINE
Klink für Kardiologie, Universitätsklinikum Essen: PD Dr. med. T. Neumann, Biermann M.A., Prof. Dr. med. Erbel
Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen: Biermann M.A., Dr. med. Dr. rer. pol. A. Neumann, Prof. Dr. rer. pol. Wasem
Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Würzburg: Prof. Dr. med. Ertl
Klinik für Kardiologie, Charité, Universitätsklinikum Berlin: Prof. Dr. med. Dietz
1. Dickstein K, Cohen-Solal A, Filippatos G et al.: ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure 2008. Eur Heart J 2008; 29: 2388–442. MEDLINE
2. Lloyed-Jones DM, Larson MG, Leip EP et al.: Lifetime risk for developing congestive heart failure. The Framingham Heart Study. Circulation 2002; 106: 3068–72. MEDLINE
3. Dietz R: Herzinsuffizienz. In: Harrison: Innere Medizin. Berlin: ABW-Wissenschaftsverlag 2008.
4. Schuster U, Osterziel KJ, Dietz R: Kompetenznetz Herzinsuffizienz. Humboldt Spektrum 2003; 4: 4–8.
5. Statistisches Bundesamt: Fachserie 12 / Reihe 6.2.1. Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern (einschließlich Sterbe-, und Stundenfälle) 2007. Wiesbaden 2008.
6. Statistisches Bundesamt: Fachserie 12 / Reihe 4. Todesursachen in Deutschland. Gestorbene in Deutschland an ausgewählten Todesursachen 2007. Wiesbaden 2008.
7. Statistisches Bundesamt: Gesundheit – Krankheitskosten 2002, 2004 und 2006. Wiesbaden 2008.
8. Szucs TD: Gesundheitsökonomische Aspekte der chronischen Herzinsuffizienz. Teil 1: Krankheitslast und ökonomische Bewertung. Schweizerische Ärztezeitung 2003; 84: 2431–5.
9. American Heart Association: Heart Disease and Stroke Statistics—2008 Update. Dallas, Texas 2005.
10. Stewart S, Jenkins A, Buchan S et al.: The current cost of heart failure to the National Health Service in the UK. Eur J Heart Fail 2002; 4: 361–71. MEDLINE
11. Cline CMJ, Broms K, Willenheimer RB et al.: Hospitalization and health care costs due to congestive heart failure in the eldery. Am J of Geriatr Cardiol 1996; 5: 10–4. MEDLINE
12. Kleber FX, Niemöller L, Rohrbacher R: Sozio-ökonomische Bedeutung der ACE-Hemmer bei Frühformen der Herzinsuffizienz. Münch Med Wochenschr 1992; 134: 749–52.
13. Ho KK, Pinsky JL, Kannel WB et al.: The epidemiology of heart failure: The Framingham Study. J Am Coll Cardiol 1993; 22: 6A–13A. MEDLINE
14. Cowie MR, Wood DA, Coast AJS et al.: Incidence and aetiology of heart failure. A population-based study. Eur Heart J 1999; 20: 421–8. MEDLINE
15. Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden 2006.
16. GHP Congestive Heart Failure Pilot Data Summary. http://healthpolicy.stanford.edu/GHP/CHFDesAnal5.0.doc
17. Remme WJ, McMurray JJV, Rauch B et al.: Public awareness of heart failure in Europe: first results from SHAPE. Eur Heart J 2005; 26: 2413–21. MEDLINE
18. Levy D, Kenchaiah S, Larson MG et al.: Long-term trends in the incidence of and survival with heart failure. N Engl J Med 2002; 347: 1397–402. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema