ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009Arztgeschichte: Labyrinth

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Arztgeschichte: Labyrinth

Mansmann, A.

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
Sie weiß nicht mehr, wie sie in dieses überdimensionale, wasserlose Aquarium geraten ist. Seit Stunden irrt sie durch die endlosen, bogenförmig geschwungenen Flure mit den Handläufen, auf einer Seite lauter identisch aussehende Türen, auf der anderen, der Außenseite des hochmodernen Gebäudes, durchgehende Fenster mit Blick auf die Straße, die gegenüberliegenden Häuser und die nahe gelegene Allee mit den mächtigen Kastanienbäumen. Alle Flure führen zu einem gläsernen Mittelpunkt, einem lichtdurchfluteten Saal mit Resopaltischen und stabilen, gepolsterten Stühlen. Lauter alte Leute sitzen hier, stumm wie Fische. Sie probiert den gegenüberliegenden Flur. Die Namen, die auf den Schildchen neben den Türen stehen, kann sie nicht lesen. Aufs Geratewohl öffnet sie eine der Türen, um zu sehen, ob sich ihr Zimmer dahinter verbirgt. „Was fällt Ihnen ein! Scheren Sie sich aus meinem Zimmer!“ Erschrocken ergreift sie die Flucht. Die Frau, die da mit wirrem, grauem Haar im Nachthemd im Vorflur des Einzimmerapartements stand, das sie fälschlicherweise für das ihre gehalten hatte, sah böse aus. Eine Hexe.

Sie läuft und läuft, auf der Suche nach ihrem Zimmer, ihrem Bett, ihren Eltern. Eine junge Frau im hellblauen Kittel eilt an ihr vorbei. „Hallo!“, ruft sie. „Hallo, bitte bleiben Sie doch stehen!“ „Ich kann jetzt nicht. Später!“ Wieder gelangt sie in den Raum mit den Tischen. Vielleicht könnte sie einen der Alten fragen, die hier sitzen. „Entschuldigen Sie, . . .“ Der magere, kleine Mann im Rollstuhl sitzt ganz schief. Er ist in sich zusammengesunken und wäre sicherlich bereits auf den blank geputzten Boden gerutscht, wenn sein Oberkörper nicht mit einem Gurt an der Rückenlehne fixiert wäre. Eine dicke Frau im Bademantel hat sich über und über mit Brei bekleckert, ein Greis mit leeren Augen ruft mit schwacher Stimme um Hilfe, immer und immer wieder. „Ach bitte“, fragt sie eine gepflegt aussehende Dame mit Perlenkette, Brosche und sorgfältig ondulierter Frisur. „Können Sie mir sagen, wo mein Zimmer ist?“ Der Blick, den ihr die Frau zuwirft, ist so verständnislos, als spräche sie eine fremde Sprache. Auf eine Antwort wartet sie vergeblich.

Sie spürt, wie die Verzweiflung ihr den Hals zuschnürt. Sie kann nicht mehr weiter, lässt sich erschöpft auf den nächsten Stuhl fallen. Wenn doch jetzt nur ihre Mutter käme, sie bei der Hand nähme und ins Bett brächte. Sie legt die Arme auf die Tischplatte, lässt ihren Kopf sinken und weint, heftig und anhaltend. Plötzlich spürt sie eine warme Hand auf ihrer Schulter, und eine freundliche Stimme fragt: „Aber Frau Hoffmann, was ist denn mit Ihnen los?“ „Ich will nicht mehr leben. Gebt mir eine Tablette, damit ich sterben kann.“ „Warum sagen Sie denn so was?“ „Weil ich kein Zuhause mehr habe.“ „Sie haben doch so ein schönes, gemütliches Zimmer hier bei uns.“ „Was nützt mir das schon. Ich kann es einfach nicht mehr finden. Es ist weg.“ „Aber nein! Soll ich Sie dort hinbringen?“ Eigentlich wäre sie lieber von ihrer Mutter abgeholt worden, aber vielleicht hat die sich ja auch verlaufen in diesem unheimlichen Labyrinth. Sie zögert nur einen Augenblick, bevor sie sich bei der jungen Frau im hellblauen Kittel einhakt. „Wo ist meine Mutter?“, fragt sie unterwegs, aber da öffnet die Altenpflegerin bereits die Tür. „So, hier sind wir schon, Frau Hoffmann. Hier ist doch Ihr Zimmer, sehen Sie?“ Tatsächlich. Alles ist noch da – die Nussbaumkommode mit den vier Schubladen, das Sofa, die geblümte Bettwäsche und der flauschige Plüschhund Bello, der auf dem Bett sitzt und sie sicher schon vermisst hat. „Ich will ins Bett“, sagt sie, und die freundliche, junge Frau zieht ihr die Schuhe aus, hilft ihr ins Bett und breitet die Wolldecke über sie. „Wenn ich ausgeschlafen bin“, denkt sie noch, bevor sie in einen traumlosen Schlummer gleitet, „. . . wenn ich ausgeschlafen bin, ist Mama da, und dann ist alles wieder gut.“
A. Mansmann
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