ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2009Behinderte Menschen: Mehraufwand wird nicht vergütet
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. . . Es gibt zahlreiche Schätzungen über die Häufigkeit der manifesten Osteoporose in Deutschland, sie schwanken jedoch nicht unerheblich (z. B. vier bis acht Prozent laut Orthodoc-online.de). Die im Artikel genannten Zahlen stammen aus dem Klientel unserer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis für Orthopädie und Anästhesiologie in Bielefeld. Hier können wir konkret sagen, dass von den Patienten, die unsere Praxis aufsuchen, circa sieben Prozent eine manifeste Osteoporose nach den momentan geltenden Kriterien des DVO (Dachverband deutschsprachiger wissenschaftlicher Gesellschaften für Osteologie e.V.) aufweisen.

In der Zweigsprechstunde in Bethel werden zusätzlich zu den oben genannten Patienten circa 400 bis 450 Patienten pro Quartal untersucht und behandelt, diese gehören überwiegend dem Kreis der schwer- und mehrfachbehinderten Menschen an. Hier wurden nach gleichen Kriterien über 21 Prozent manifeste Osteoporosen diagnostiziert. Es handelt sich also um Zahlenangaben, die speziell unser Klientel betreffen, ein Rückschluss auf die Verteilung in der Bevölkerung ist nicht möglich. Ich werde in dem Artikel mit dem Satz zitiert: „Ich habe hier Fälle gesehen, die ich vorher überhaupt nicht gekannt hatte.“ Dazu möchte ich anmerken: Im Klientel der Schwerst- und Mehrfachbehinderten gibt es seltene Syndrome, ungewöhnlich starke Ausprägungen von Erkrankungen und immer noch Krankheitsbilder, die sich bis heute keiner bekannten Bezeichnung zuordnen lassen. Da ich seit 14 Jahren regelmäßig eine große Anzahl dieser Patienten betreue und medizinisch versorge, möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, dass der erhebliche Mehraufwand bezüglich der Anamnese (bei z. B. schwer kommunikationsgestörten Patienten), der Untersuchung (z. B. bei ängstlichen, psychisch erkrankten oder erheblich in der Mobilität eingeschränkten Patienten) und letztlich auch in der Durchführung der Therapie (mangelnde Einsichtsfähigkeit) von Gebührenreform zu Gebührenreform weniger berücksichtigt wurde, beziehungsweise im Leistungskatalog immer mehr verloren gegangen ist. Fremdanamnesen, Behandlung kommunikationsgestörter Patienten etc. sind in immer niedrigeren Pauschalen eingeschmolzen worden. Die Tätigkeit für diese Patienten kann in dem bestehenden EBM in keiner Weise auch nur annähernd dargestellt/abgebildet werden. Hier muss dringend eine Korrektur erarbeitet werden. Man kann nur hoffen, dass die momentane Sensibilisierung für die Problematik der Behinderten vor aufwandsgerechter medizinischer Versorgung und Entlohnung nicht haltmacht.
Michael Markworth, Facharzt für Orthopädie, Kurt-Schumacher-Straße 17, 33615 Bielefeld
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