ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1997Vergangenheit: Wissenschaft vor Mißbrauch schützen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Vergangenheit: Wissenschaft vor Mißbrauch schützen

Baden, Reinhard

Zu dem Beitrag "Gespenst des Biologismus" von Dr. phil. David Linden in Heft 17/1997
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LNSLNS In der Tat, die Inbesitznahme der naturwissenschaftlichen Medizin durch die "instrumentelle Vernunft" und der damit verbundene potentielle, ideologisch motivierte Mißbrauch ist zwar ein wichtiger, aber kein hinreichender Erklärungsgrund für in Nürnberg verhandelte Verbrechen. Auch die tiefenpsychologisch und anthropologisch orientierte "ganzheitliche Medizin" ist nachweislich ideologisch in erheblichem Umfange mißbraucht worden. Unter dem Anspruch von "Ganzheitlichkeit" verbergen sich nicht selten Machtansprüche der Arztrolle auf das Subjekt. Die Sprachanalyse ärztlicher Parteigenossen und die offiziellen Verlautbarungen seinerzeit machen dies mehrmals deutlich. Custodialer beziehungsweise autoritativer Anspruch auf das Subjekt im "polit-diätetischen Gewande" zeichnete seinerzeit den "Volksgenossen Arzt", gleich welcher wissenschaftlicher Denkrichtung. Anstatt dem Subjekt sein Geheimnis zu lassen, wird es sowohl im Rahmen der tiefenpsychologischen Medizin zum Zwek-ke der Analyse zum "Sprechen" oder durch eine "suggestive Symptomdeutung" zum Schweigen gebracht. In der Folge Platons vermengt sich so das Arztethos zu einem gefährlichen Konglomerat von Mythos und Logos, zumal wenn jenes Amalgam dem "Ganzheitsmediziner" unbewußt bleibt. Hinter der von vielen Standesgenossen so hochgelobten Maxime von Weizsäckers von der "Anthropologischen Wende" verbirgt sich hinter der damit verbundenen Rede von der "Einführung des Subjektes in die Medizin" besonders die Gefahr der Instrumentalisierung jenes Subjektes durch die spezifischen, auch politischen Interessen des Arztes. Überdies bleibt kritisch anzufragen, inwieweit die "analytischen Indoktrinationen" ganzer Patientenkollektive der letzten Jahrzehnte eher den gesellschaftspolitischen Ideologien der behandelnden Ärzte gedient haben als den Patienten. Die Kritik an derartigen medizinischen Denkrichtungen durch Karl Jaspers bleibt dabei unverändert gültig. Sobald wissenschaftliches Denken seine durch die jeweiligen Methoden begrenzte selektive Realitätserfassung vergißt, entstehen leicht Totalitätsansprüche, die das in die Medizin eingeführte Subjekt instrumentalisieren. Wissenschaft wird hier zum "Ismus" ohne Rückbindung an eine verbindliche Transzendenz, die für das europäische Bewußtsein an ein personales Gottesverständnis gebunden ist. Die ethischen Wurzeln der modernen naturwissenschaftlichen, tiefenpsychologisch-anthropologischen Denktraditionen sind in ihrem Kern zutiefst religionsfeindlich beziehungsweise bejahen allenfalls eine abstrakte philosophische Transzendenz. Dennoch waren es eher naturwissenschaftlich orientierte Ärzte von hohem Rang, wie Kurt Goldstein, die sich der Würde und wissenschaftlicher beziehungsweise ideologischer Unantastbarkeit des personalen Subjektes bewußt blieben. Dies getreu der Maxime Max Plancks: "Sich über das Erforschbare freuen und das Unerforschliche still zu verehren"; eine "regulative Idee", die zusammen mit der Maxime des Rabanus-Maurus: "Niemand ist vollkommen im Wissen, der nicht vollkommen in der Liebe ist" Wissenschaft vor ihrem Mißbrauch schützt.
Dr. med. Reinhard Baden, Diakonie Stetten e.V., Schloßberg 2, 71394 Kernen
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