ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Internistenkongress: Den ganzen Patienten sehen

SEITE EINS

Internistenkongress: Den ganzen Patienten sehen

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
Derzeit prägen zwei Entwicklungen die Innere Medizin, die sich im Hinblick auf eine optimale Patientenversorgung negativ verstärken können: Die Zahl der alten und multimorbiden Kranken, bei denen gleichzeitig mehrere Organsysteme geschädigt sind, steigt stetig an. So sind Patienten älter als 80 Jahre heute in den Kliniken eher die Regel als die Ausnahme. Gleichzeitig schreitet die Subspezialisierung innerhalb des Fachgebiets weiter voran. „Durch die starke Fokussierung auf schmale Segmente der Inneren Medizin droht das vernetzte Denken in den Hintergrund zu geraten“, sagte Prof. Dr. med. Rainer Kolloch (Evangelisches Krankenhaus Bielefeld, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Münster) anlässlich der Eröffnung des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden und fügte hinzu: „Der multimorbide Patient ist aber auf einen Internisten angewiesen, der den ganzen Menschen sieht und nicht nur einen Organbereich.“ Nach Ansicht des Kongresspräsidenten unterstreicht die demografische Entwicklung die Notwendigkeit einer verstärkten, systematischen Beschäftigung mit dem Thema der Komorbiditäten.

Nicht selten werde bei zeitnahem Auftreten unterschiedlicher Krankheitserscheinungen jedes Symptom einzeln behandelt, ohne die oftmals enge Verstrickung zwischen verschiedenen Erkrankungen zu beachten, so Kolloch in Wiesbaden.

Um eine angemessene und kompetente Versorgung von Patienten mit Komorbiditäten zu gewährleisten, müsse der zunehmenden „Fragmentierung des Patienten in sequenzielle Abläufe des Klinikbetriebs entgegen-gearbeitet werden“, mahnte Kolloch. Diagnostische Besonderheiten, Interaktionen mit veränderten Wirkungs- und Nebenwirkungsprofilen von Medikamenten oder modifizierte Zielgrößen bei der Therapie führten nicht selten zu Unschärfen bei einer leitlinienorientierten Behandlung von Patienten mit mehreren Erkrankungen. Solche Komorbiditäten würden in klinischen Studien oft aber nicht berücksichtigt.

Durch die Gesamtwahrnehmung der Symptome würden aber nicht nur die Therapiemöglichkeiten für den Patienten verbessert, sondern auch finanzielle Ressourcen eingespart, da die Diagnostik auf die wesentlichen und erforderlichen Untersuchungen reduziert werde.

Kolloch wies in seiner Eröffnungsrede auch auf die enormen Fortschritte der Inneren Medizin hin, die zu einem kontinuierlichen Anstieg der Lebenserwartung geführt habe. „Heutzutage sind die meisten Menschen im Alter über 65 Jahre gesünder, aktiver und auch in Bezug auf mentale und kognitive Leistungsfähigkeit besser gestellt als frühere Generationen.“ Wesentlicher Motor für diese Entwicklung sei der Rückgang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit Beginn der 70er-Jahre. „In der Zeit von 1978 bis 2004 hat die Inzidenz der koronaren Herzkrankheit um 62 Prozent abgenommen“, betonte Kolloch. Die Evolution der Medizin beinhalte neben möglichen Vorteilen allerdings auch erhebliche Herausforderungen und ein Konfliktpotenzial für die Gesundheits- und Sozialsysteme der Gesellschaft. In Anlehnung an den renommierten amerikanischen Arzt, Dr. Robert N. Butler, sprach der amtierende DGIM-Präsident von einer „Langlebigkeitsrevolution“, die zahlreiche ungeklärte Fragen mit sich bringe – zum Beispiel: Wie kann die medizinische und soziale Maschinerie besser organisiert werden, um hinzugekommene Lebensjahre mit Lebensqualität auszufüllen? Für die Internisten ist das Ziel nach Angaben ihres Präsidenten gesteckt: Die Erhaltung kognitiver Funktionen und der physischen Mobilität als Kernpunkte für eine altersorientierte Medizin.
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote