ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Von schräg unten: Rücksicht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Rücksicht

Böhmeke, Thomas

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Abends im Restaurant: Ich sitze in geselliger Runde. Nachdem die Konversation das Wetter und die Bankenkrise abgefloskelt hat, kommt die Rede auf den Berufsstand und leider auch auf mich. Ich befürchte ein unmittelbares Abgleiten des Gesprächsstoffs hin zu Durchfall, Erbrechen und Auswurf, wenn ich mich oute, und erkläre mich zum Selbstständigen im gesundheitswiederherstellenden Sektor. „Oh, wie interessant, Sie machen in Botox“, meint eine ältere Dame. Nein, so muss ich sie enttäuschen, das habe zwar mit Restauration, aber nichts mit Gesundheit zu tun. „Dann arbeiten Sie für die Pharmazie?“ So weit ist es, bei genauerer Betrachtung, bei mir noch nicht gekommen. „Jetzt weiß ich es: Sie sind Arzt!“ Mist. Ja. „Wunderbar! Also das wird Sie sicherlich brennend interessieren: Ich habe da eine große Warze auf dem Bein, meine Füße sind entzündet, das müssen Sie sich angucken, und als ich kürzlich im Krankenhaus war, da haben sie so viele Untersuchungen gemacht, da muss ich Sie unbedingt mal fragen, was . . .“, ihr Ehemann unterbricht den Redefluss. „Lass mal, der Doktor ist jetzt nicht in der Sprechstunde . . .“ Danke! Es gibt noch Menschen, denen Rücksicht kein Fremdwort ist. Die ihr Lammfilet ohne Kommentare über Koloskopien genießen wollen! Die sich ihre Crème brûlée ohne Warzen schmecken lassen! Danke! Danke! „. . . und außerdem“, so fährt er fort, „habe ich dem Doktor noch viel mehr über meine Krankheiten zu erzählen!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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