ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Kommentar von Prof. Dr. med. Dr. agr. Bernd Fischer, Direktor des Anatomischen Instituts der Uni Halle-Wittenberg Studienplatzklagen: Desaster für Gerechtigkeit und Studienqualität

POLITIK: Kommentar

Kommentar von Prof. Dr. med. Dr. agr. Bernd Fischer, Direktor des Anatomischen Instituts der Uni Halle-Wittenberg Studienplatzklagen: Desaster für Gerechtigkeit und Studienqualität

Fischer, Bernd

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Prof. Dr. med. Dr. agr. Bernd Fischer, Direktor des Anatomischen Instituts der Uni Halle-Wittenberg
Prof. Dr. med. Dr. agr. Bernd Fischer, Direktor des Anatomischen Instituts der Uni Halle-Wittenberg
Deutschland fehlen Ärzte. Eine der Hauptursachen für die derzeitige Misere ist die Unterfinanzierung der Universitäten. Da es verglichen mit der Nachfrage zu wenig Medizinstudienplätze gibt, wurde neben dem Numerus clausus (NC) die Kapazitätsverordnung (KapVO) eingeführt – mit dem Ziel, Fairness bei der Zulassung zu kapazitätsbeschränkten NC-Studiengängen zu schaffen. Die Auslegung der KapVO durch die Verwaltungsgerichte (VG) spricht dieser Intention Hohn. Die steigende Zahl der „erfolgreichen“ Studienplatzklagen sind ein Desaster für Gerechtigkeit und Studienqualität.

Viele Kläger zahlen vor dem sechsjährigen Studium 10 000 Euro oder mehr für einen Studienplatz, da meist an mehreren Orten gleichzeitig geklagt wird. Derzeit findet für eine kleine Gruppe finanziell Begünstigter eine inakzeptable soziale Selektion bei der Zulassung zum Medizin-/Zahnmedizinstudium in Deutschland statt. Im Regelfall gilt folgende empirisch nachweisbare Qualifikationskette: Gute Abiturienten sind gute Studierende, und gute Studierende sind gut ausgebildete Ärzte. Es ist eine Mär, dass die eingeklagten Studierenden besonders motiviert und leistungsfähig seien. Es gibt gute und schlechte – wie bei den regulär über die ZVS zugelassenen Studierenden. Im Durchschnitt besser sind sie sicher nicht.

Gymnasiasten sind über Studienmöglichkeiten und -anforderungen informiert. Wieso lassen sie es trotzdem an der nötigen Verantwortung und Leistungsbereitschaft für ihre berufliche Zukunft mangeln? Wenn es daran fehlt, warum sollten sie dann einen Studienplatz in Medizin kriegen? Wie fühlt man sich als Kläger, der gerade die Reifeprüfung bestanden hat, wenn man durch die finanziellen Vorteile des Elternhauses mehr „Rechte“ einfordert, als das nicht so vermögende Schulfreunde können? Zwei Drittel der Kläger sollen Arztkinder sein. Warum reicht gerade bei diesen der Abiturschnitt nicht zum Medizinstudium, also bei Kindern einer Gruppe, die sich nach ihrem Selbstverständnis zu den leistungsbereitesten Berufsgruppen in diesem Land zählt?

Die Auslegung der KapVO durch die VG in Deutschland ist beliebig und geradezu ein Geldsegen für die spezialisierten Anwälte. Nicht besetzte Stellen oder Drittmittelangestellte zählen zum Beispiel als vollwertige Lehrende. Die VG malen Potemkinsche Dörfer. Nicht selten werden die Entscheidungen der VG von den Oberverwaltungsgerichten (OVG) revidiert. Nur: Einmal zugelassene Studierende werden die medizinischen Fakultäten meist nicht mehr los.

Die KapVO-Verfahren haben zu einer deutlichen Verschlechterung der Studienbedingungen in der Medizin und Zahnmedizin geführt. Die Fakultäten sind gezwungen, das Lehrangebot auf das curriculare Mindestmaß zu reduzieren. Höhere Personalausstattungen sind finanziell nicht möglich und verbieten sich von selbst, weil mehr Personal umgehend die Kapazität und somit die Anzahl der Studierenden erhöht. Preis der schlechteren Lehre ist eine höhere Durchfallrate bei den studienbegleitenden Leistungskontrollen.

Die relativ kleine Gruppe der Kläger verwüstet die Studienbedingungen. Die Fakultäten sollen die Studienqualität verbessern, beispielsweise durch innovative Lehrverfahren, Evaluation und leistungsorientierte Mittelvergabe aufgrund von exzellenter Lehre. Aber eine Welle von Anfragen der VG und Anwälte halten nicht nur zu Semesterbeginn die Studiendekanate und die halbe Professorenschaft der Vorklinik in Atem und vernichten Arbeitszeit.

Die Anatomie hat ein beängstigendes Nachwuchsproblem. Ein Teil dieses Problems sind die VG-Entscheidungen. Lehrende, insbesondere qualifizierte Lehrende mit ausreichenden Erfahrungen, sind nicht beliebig verfügbar. Die Dozenten der Anatomie machen wegen der Studienplatzkläger mehr Lehrveranstaltungen, als es gültige Arbeitsverträge und Arbeitszeitregelungen vorsehen. Eine Überlast an Lehre führt jedoch zu weniger Forschung und Publikationen. Welcher Mediziner verläuft sich unter solchen Rahmenbedingungen noch in die Anatomie?

Warum wird der Gesetzgeber nicht aktiv und schützt die Universitäten? Die Auslegung durch die VG/OVG hat die derzeitige KapVO als unbrauchbar und ungerecht entlarvt. Die starre, stellenbezogene KapVO ist in Zeiten von Globalbudgets nicht mehr zeitgemäß. Das Grundrecht auf freie Berufswahl wird missbraucht für Kinder finanzstarker Eltern, deren schulische Leistungen für die Zulassung nicht ausreichen. Das Zulassungsrecht zu kapazitätsbeschränkten Studiengängen muss schnellstmöglich erneuert werden. Die Novellierung muss zu leistungsgerechten und gerichtsfesten Zulassungsverfahren nach Abiturnote und Interview oder fakultätsspezifischen Test führen – wie es in angelsächsischen Ländern mit Erfolg praktiziert wird.

Abschließend: Wir wissen nicht, wer in Halle wie zum Studium zugelassen wurde. Alle Studierenden werden von uns gleich gut ausgebildet.
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