ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2009Charles Darwin (1809–1882): Naturforscher und Philosoph

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Charles Darwin (1809–1882): Naturforscher und Philosoph

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/akg
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In „Die Abstammung des Menschen“ (1871) betont Darwin die Bedeutung der Kooperation und stellt die Idee der Humanität über eine Vernunft, die sich lediglich an der Gesundheit der Spezies orientiert.

Schätzungsweise 99,99 Prozent aller je auf der Erde entstandenen Arten sind irgendwann wieder ausgestorben. Da fällt es schwer zu glauben, dass ausgerechnet Homo sapiens diesen Planeten für immer besiedeln wird. Gute Aussichten, uns zu überleben, sieht der Konstanzer Zoologe Axel Meyer für den Buntbarsch. Allein im afrikanischen Viktoriasee haben sich in nur 100 000 Generationen 500 verschiedene Arten entwickelt, die sich in neuen Lebensnischen immer weiter spezialisieren. Damit ist diese Fischfamilie ein Erfolgsmodell der Evolution. In seinem Buch „Von der Abstammung der Arten“ gab Charles Darwin ihr vor 150 Jahren eine wissenschaftliche Grundlage.

Foto: picture-alliance/dpa
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Die Erforschung der Geschichte des Lebens ist untrennbar verbunden mit der Erforschung der Erdgeschichte. So muss der junge Naturforscher sich zunächst als Geologe bewähren. Zu Beginn seiner Reise mit der „Beagle“ entdeckt er auf den Kapverdischen Inseln ein „vollkommen horizontales weißes Band“, das etwa 15 Meter über dem Meeresspiegel eine Steilküste durchzieht. Darin sind zahlreiche Muschelschalen eingelagert. Zwei Theorien bestimmen damals die geologische Diskussion. Die „Katastrophisten“, vor allem vertreten durch Georges Baron de Cuvier (1769–1832), nehmen an, dass die Erde durch plötzliche gewaltige Umwälzungen entstanden sei, ähnlich der in der Bibel beschriebenen „Sintflut“. Demgegenüber geht Charles Lyell (1797–1875) von einer Gleichförmigkeit der auf die Erde wirkenden Kräfte aus (Uniformismus). Die Erdoberfläche sieht er in einer ständigen Bewegung, die Kontinente und Inseln anhebt und absenkt. Darwin folgt seinem Freund Lyell und erklärt die Kalkmuschelschicht auf den Kapverden damit, dass Kräfte aus dem Erdinnern eine ehemalige Küstenlinie über den Meeresspiegel gehoben haben müssen. Lyells Uniformismus ist eine wichtige Voraussetzung für Darwins Abstammungslehre. Denn der von ihm postulierte, kontinuierliche Prozess der Artenentstehung (Gradualismus) ist mit der Katastrophentheorie kaum vereinbar.

Eine allmähliche Entstehung der Arten durch „natürliche Zuchtwahl“, wie Darwin sie vertritt, benötigt zudem unvorstellbar viel Zeit. Das ist Darwin bewusst. Seine Schlussfolgerungen basieren auf der Annahme langer Zeiträume vor dem Beginn des Kambriums. Doch zu seiner Zeit ist das Erdalter nicht bekannt. 1650 hatte Erzbischof James Ussher verkündet, die göttliche Schöpfung sei exakt am 23. Oktober 4004 v. Chr. erfolgt. Ende des 18. Jahrhunderts kommt man auf rund 100 000 Jahre. Der Physiker William Thompson (1824–1907) schätzt das Erdalter auf 20 bis 400 Millionen Jahre, ihm zufolge keine ausreichend lange Zeit für den von Darwin postulierten Mechanismus der Artenentstehung. Darwin setzt sich mit diesen Einwänden ernsthaft auseinander. Doch die stark voneinander abweichenden Schätzungen lassen ihn an den präsentierten Daten zweifeln. Das biblische Erdalter zieht er nicht mehr ernsthaft in Betracht.

Als Darwin am 26. April 1882 in der Westminster Abbey beigesetzt wird, hält Bischof H. Goodwin die Predigt. Ihm zufolge ist Darwin für die „von einigen emsig verbreitete Vorstellung (. . .), dass es notwendigerweise einen Konflikt zwischen der Erkenntnis der Natur und dem Glauben an Gott gibt“, nicht verantwortlich. Der „Guardian“ feiert Darwins Beerdigung als „glückliche Strophe der Versöhnung von Glauben und Wissenschaft“ und bezeichnet die „neuen Wahrheiten“ der Biologie als „harmlos“. So hätte Darwin selbst es wohl nicht gesehen. Seitdem er an eine göttliche Schöpfung jeder einzelnen Art nicht mehr glauben kann, will er das „Geheimnis der Geheimnisse“ lüften. Dabei bewegt er sich anfangs noch im Rahmen der Naturtheologie, die Gottes Weisheit und Allmacht in seiner Schöpfung aufzeigen will. Im Laufe der Zeit beschränkt er sich jedoch darauf, das Vorkommen neuer Arten auf sogenannte Zweit- oder Zwischenursachen zurückzuführen und auf eine „erste Ursache“ zu verzichten. Die Absicht, metaphysisch-theologische Fragen zu klären oder gar die Nichtexistenz Gottes zu beweisen, verfolgt er nicht.

Darwin formuliert zwar überaus vorsichtig, was den Gebrauch von Metaphern und Analogien angeht, doch wenn er bei der Beschreibung der Selektion und der Natur Begriffe aus dem Bereich des bewussten Wählens verwendet, fühlt mancher Leser sich ermutigt, in der Natur die Möglichkeit intelligenter Wahl angelegt zu sehen. Den Einwand, er spreche von der natürlichen Selektion wie von einer Gottheit und personifiziere die Natur, lässt Darwin indes nicht gelten und verweist auf die Metapher „Wahlverwandtschaften“ in der Chemie. Ein Jahr vor seinem Tod besucht ihn der Arzt Ludwig Büchner in Down. Ihm gegenüber erwähnt Darwin, dass er sich im Alter von 40 Jahren vom Christentum abgewendet habe („Ein Besuch bei Darwin“, 1882).

Hat Darwin lediglich das Bevölkerungsgesetz des Geistlichen und Ökonomen Thomas R. Malthus (1766–1834) auf die Natur übertragen, wie Karl Marx und Friedrich Engels einwandten? Sähe die Evolutionslehre völlig anders aus, wenn eine Gesellschaft sich nicht auf Wettbewerb und Eigennutz ihrer Mitglieder, sondern auf deren Kooperation gründete? 1838 liest Darwin Malthus’ Essay über das Bevölkerungswachstum (1798) und hat endlich eine Theorie, „mit der ich arbeiten konnte“. Malthus zufolge ist das „Vermögen des Bevölkerungswachstums (. . .) viel größer als die Fähigkeit der Erde, Nahrungsmittel für die Menschen zu produzieren“. Daraus resultiert eine „Bevölkerungsbremse“, die Darwin seine Annahme korrigieren lässt, Pflanzen und Tiere pflanzten sich stets nur so weit fort, dass ihre Bevölkerungszahl stabil bleibe. Doch die Idee der natürlichen Selektion lernt Darwin nicht aus Malthus’ Schrift, sie ist ihm aus der Tier- und Pflanzenzucht bekannt. Mit dem „Prinzip von Malthus“ kann er endlich erklären, wie Lebewesen sich an wandelnde Umstände anpassen: Die Ursache für Anpassungen liegt nun nicht mehr im Organismus, sondern in seiner Wechselwirkung mit der Umwelt.

Bis heute reibt mancher sich am Begriff des Zufalls in Darwins Entwicklungslehre. Veränderungen des Genoms sollten demnach nicht zufällig erfolgen, sondern nach Regeln, die im biologischen System selbst begründet seien. Vermutlich basieren diese Vorbehalte auf einem Missverständnis. Darwin selbst hat sich nur vage über den Zufall geäußert. Wenn wir von Zufall sprechen, meinen wir vor allem ein Gefühl von Unwahrscheinlichkeit: Je unwahrscheinlicher ein Ereignis uns vorkommt, desto zufälliger erscheint es uns. Das heißt aber nicht, dass es vollkommen chaotisch und regellos erfolgt („blinder, reiner Zufall“). Der Unterschied zwischen determinierten und zufälligen Ereignissen besteht darin, dass letztere nicht exakt vorhersagbar sind. Ihnen liegen jedoch spezifische Gesetzmäßigkeiten zugrunde, die mithilfe der Wahrscheinlichkeitsgesetze beschreibbar sind. Mit Darwin ziehen solche Wahrscheinlichkeiten in die Biologie ein. Berücksichtigt man dies, sind „zufällige“ Veränderungen im Genom, etwa Mutationen, Crossing-over, Gendrift, „springende Gene“ und Genverdopplungen, vereinbar mit den Regeln eines biologischen Systems. Nur sind sie eben nicht determiniert und damit nicht exakt vorhersagbar.

War Darwin Sozialdarwinist? Bei näherer Betrachtung war er vielleicht nicht einmal Darwinist. Zeitlebens trennt er deutlich die von ihm vertretene Selektionstheorie und Abstammungslehre von einem Monismus im Sinne einer allgemeinen Weltanschauung, wie ihn der Zoologe Ernst Haeckel (1832–1919) vertritt. Der verbindet bereits 1863 mit dem Begriff „Darwinismus“ mehr als die Theorie der natürlichen Selektion. Ihm zufolge treten „progressive Darwinisten“ für „Entwicklung“ und „Fortschritt“ ein, Evolution und Fortschritt werden nahezu gleichgesetzt. Dagegen ist die Natur für Darwin keine ethische Instanz – die Naturgesetze hält er nicht für göttliche Gesetze. Den sogenannten naturalistischen Fehlschluss des Sozialdarwinismus, der aus dem Prinzip der natürlichen Selektion in der Natur Normen menschlichen Handelns abzuleiten sucht, begeht er also nicht. In „Die Abstammung des Menschen“ (1871) betont Darwin die Bedeutung der Kooperation und stellt die Idee der Humanität über eine Vernunft, die sich lediglich an der Gesundheit der Spezies orientiert. Zwar kann moralischer Fortschritt biologisch negative Folgen für die menschliche Spezies nach sich ziehen, doch aus ethischen Gründen ist die Unterstützung Hilfsbedürftiger geboten. Deren Vernachlässigung gehe mit einer Verrohung und Zersetzung des moralischen Sinns einher. Damit stehe einem Nutzen ein überwältigendes Übel gegenüber.
Christof Goddemeier
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1.
E.-M. Engels: Charles Darwin. München 2007.
2.
U. Kutschera: Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte. München 2009.
3.
J. Neffe: Darwin – Das Abenteuer des Lebens. München 2008.
4.
T. Weber: Darwin und die Anstifter. Köln 2000.
5.
F. Wuketits: Darwin und der Darwinismus. München 2005.
1. E.-M. Engels: Charles Darwin. München 2007.
2. U. Kutschera: Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte. München 2009.
3. J. Neffe: Darwin – Das Abenteuer des Lebens. München 2008.
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5. F. Wuketits: Darwin und der Darwinismus. München 2005.

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